Darum wandert dieser 85-jährige Zürcher um den Greifensee
In der Serie «Unterwegs im Oberland» stellen wir Menschen auf ihren Sommerausflügen durch die Region vor. Der Stadtzürcher Walter Auf der Mauer wandert den Greifensee entlang.
Die Fussgängerunterführung von der Naturstation Silberweide zum Naturschutzgebiet Greifensee liegt zwar an diesem Nachmittag noch unter Wasser. Das wird sich in den nächsten Tagen aber sicher ändern. Der Sommer hat sich endlich zurückgemeldet. Mit blauem Himmel und sommerlichen 26 Grad.
Trotzdem sind nicht viele Ausflügler unterwegs. Ob sie dem Wetter nach den Kapriolen der vergangenen Wochen noch nicht trauen?
Serie «Unterwegs im Oberland»
In den Sommerferien sind in der Region zahlreiche Ausflüglerinnen und Ausflügler unterwegs. Wir treffen sie und berichten über ihre Pläne und Erlebnisse.
Bisher erschienen:
Pedal statt PS: Student bezwingt Hulftegg mit selbst gebautem Rennvelo
Auf einen entgegenkommenden Wanderer mit Rucksack und Schirmmütze trifft das nicht zu. Der ältere Mann ist flott unterwegs. Interessiert beobachtet er die Umgebung, bleibt bei einem Weiher stehen und macht Fotos mit seiner Handykamera.



«Ausser wenn ein Gewitter tobt, passt für mich jedes Wetter», erzählt der 85-Jährige. Walter Auf der Mauer wohnt im Zürcher Kreis 6 und ist leidenschaftlicher Wanderer. Jahrein, jahraus wandert er dreimal pro Woche mehrere Stunden lang. «Mit zunehmendem Alter musste ich die Strecken auf zweieinhalb bis drei Stunden reduzieren.»
Der rüstige Senior, der über alle Wanderkarten der Schweiz und des Kantons Zürich verfügt, sucht sich seine Routen nach ganz bestimmten Kriterien aus: «Ich möchte etwas sehen von der Umgebung und an der Sonne sein.» Deshalb wählt er Strecken mit nicht allzu grossen Waldgebieten aus.
Seine heutige Route von Greifensee bis nach Maur passt für ihn deshalb perfekt. Bis auf einen kleinen Wermutstropfen: «Ich finde es angenehmer, wenn Velo- und Wanderwege getrennt sind.» Das sei um den Greifensee nicht überall der Fall.
«Erfahrungsgemäss sind die Wege in der Mitte am flachsten – und somit am gelenkschonendsten zum Laufen.» Bei kombinierten Velo- und Gehwegen jedoch könne er nicht in der Mitte gehen. «Ich müsste immer bereit sein, um Velofahrern auszuweichen, und mit einem Ohr ‹nach hinten› hören.»
Balance durch innere Ruhe
Auf seinen ausgedehnten Wanderungen ist der ehemalige Geschäftsführer einer Produktionsfirma jeweils bewusst allein unterwegs. Denn es geht ihm um den philosophischen Ansatz «sein im Gehen», wie er es bezeichnet. «Wandern hat für mich etwas sehr Meditatives.»
Den meditativen Ansatz konnte er auch an Workshops verinnerlichen. «Dadurch eröffnen sich andere Sichtweisen auf das Dasein, die sich schön in den Alltag integrieren lassen.»
So lässt sich Walter Auf der Mauer auch nicht aus der Ruhe bringen, wenn an Mittwochnachmittagen viele andere Ausflügler unterwegs sind. «Das nehme ich in Kauf.» Zudem würde die Zahl der Fussgänger, je weiter die Strecke sei, desto mehr abnehmen. «Die meisten Fussgänger mit Kindern oder Hunden sind eher in Dorfnähe anzutreffen», resümiert er.
Das Gute liegt so nah
War der 85-Jährige bis vor einigen Jahren noch in der ganzen Schweiz unterwegs, beschränkt er seine Wanderungen inzwischen auf den Kanton Zürich. Man müsse gar nicht so weit in die Ferne schweifen. «Es ist unglaublich, was für schöne Wege man hier in der Region findet», schwärmt er.
Der Stadtzürcher ist oft auf dem Pfannenstiel oder dem Uetliberg anzutreffen, wo es unzählige Routen gibt. «Allein etwa zwölf markierte Wege führen zwischen Albis und Zürich auf den Uetliberggrat.» Auch der Greifensee ist für ihn ein beliebtes Ziel.

Aufs Wandern gekommen ist der sportliche Rentner erst im Alter von 50 Jahren. «Eigentlich verrückt, wenn man bedenkt, dass sich der Mensch von Natur aus bewegen muss.» Heute ist diese Leidenschaft aus seinem Leben nicht mehr wegzudenken. «Wenn ich ein paar Tage nicht zum Wandern komme, werde ich unzufrieden.»
Wenn Walter Auf der Mauer nicht gerade unterwegs ist, verbringt er seine Zeit mit seiner Ehefrau und der Familie. Gemeinsam unternehmen sie Ausflüge in der ganzen Schweiz, die er dann als Spaziergänge und nicht als Wanderungen bezeichnet.
Doch auch abseits der Natur bleibt der Zürcher kreativ: Er widmet sich seiner zweiten Passion, dem Gestalten von Skulpturen. So findet der 85-Jährige nicht nur beim Gehen, sondern auch im Stillstand seine ganz eigene meditative Balance.
