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Labelwahn oder positiver Ansporn?

Energiestadt-Label: Eine Gemeinde findet es unnötig, die andere schwört darauf

Im Tösstal hält nur noch die Gemeinde Turbenthal am Label Energiestadt fest. Ihr Nachbar Zell hat sich erst kürzlich davon getrennt. Worin unterscheidet sich die Haltung der beiden Gemeinden?

Mit Zell verzichtet die zweitletzte Gemeinde aus dem Tösstal auf das Energiestadt-Label. Nur noch Turbenthal bleibt dem Label treu. (Archiv)

Foto: Noah Salvetti

Energiestadt-Label: Eine Gemeinde findet es unnötig, die andere schwört darauf

Labelwahn oder positiver Ansporn?

Im Tösstal hält nur noch die Gemeinde Turbenthal am Label Energiestadt fest. Ihr Nachbar Zell hat sich erst kürzlich davon getrennt. Worin unterscheidet sich die Haltung der beiden Gemeinden?

Zeigt sich eine Gemeinde in Sachen Nachhaltigkeit engagiert und erbringt für ihr Tun die geforderten Nachweise, darf sie sich um das Label bewerben. Ein Label, das der Bevölkerung gerne stolz präsentiert wird – sei es mit einem Schild beim Ortseingang oder prominent auf der Website.

Im Tösstal scheint das Interesse daran jedoch zu schwinden. Zumindest hat sich die Gemeinde Zell vor wenigen Monaten entschlossen, per Ende Jahr das Label abzugeben. Die Strassentafeln mit der Aufschrift «Energiestadt» wurden bereits abmontiert. Blickt man über die Gemeindegrenze nach Turbenthal, zeichnet sich hingegen ein komplett gegenteiliges Bild.

Turbenthal trägts mit Stolz

Die Gemeinde erhielt kürzlich wieder das Gold-Prädikat und somit die höchste Auszeichnung. Diese erhalten Gemeinden, die «überdurchschnittliche Anstrengungen in der kommunalen Energie- und Klimapolitik» unternehmen. Von den möglichen Massnahmen mussten dafür mindestens 75 Prozent umgesetzt werden; Turbenthal erfüllt aktuell einen Wert von 78 Prozent. Somit verbleibt sie als einzige Gemeinde im Tösstal, die sich mit dem Label Energiestadt schmücken darf.

«Das zeigt, wie stark wir uns für die Nachhaltigkeit engagieren», sagt Gemeindepräsident René Gubler (FDP). Es sei ein Legislaturziel, einen ressourcenschonenden Umgang zu verfolgen. Wie die Nachbargemeinde Zell auf das Energielabel zu verzichten, komme zurzeit nicht infrage. «Wir stehen hinter der Auszeichnung und investieren dafür Geld.» Unter anderem stellt Turbenthal Fördergelder für Energieprojekte von Privaten zur Verfügung.

«Wildwuchs an Labels»

Für Zell wiederum war es genau der finanzielle Aspekt, der den Gemeinderat zum Austritt bewogen hatte. «Geld haben wir nicht einfach ‹vörig›», erklärt Emil Ott (BGV), Gemeinderat und Ressortvorsteher Bau und Planung. Im Schnitt löst das Label jährliche Kosten in einem vier- bis fünfstelligen Bereich aus.

So sah Ott den Nutzen der Zertifizierung schon seit Längerem eher kritisch. «Mittlerweile gibt es generell einen regelrechten Wildwuchs an Labels», sagt er. Wegen der Verpflichtungen waren – neben dem finanziellen Aspekt – auch Personalressourcen der Behörde gebunden.

Zeit ging etwa für das Führen von Statistiken drauf. Diese sollten beispielsweise aufzeigen, wie viele Solarzellen auf Gemeindegebiet verbaut sind und welche Leistung sie bringen. «Das Kosten-Nutzen-Verhältnis erachteten wir als nicht gegeben», resümiert Ott.

Nichtsdestotrotz könne er nachvollziehen, weshalb sich Zell im Jahr 2008 für das Label entschieden hatte. «Damals hatte es seinen Nutzen», sagt Ott. «Die Gemeinden wurden durch die Zertifizierung angeregt, sich in Energiethemen zu engagieren.»

Über die Jahre seien die Menschen allerdings energiebewusster geworden. «Es ist nicht mehr nötig, dass eine Gemeinde der Bevölkerung Solarzellen oder Wärmepumpen schmackhaft macht.» Das widerspiegle sich an der Anzahl an Baugesuchen für solche Anlagen, die regelmässig eingereicht würden.

Vorbild für andere

Blickwechsel nach Turbenthal: Spricht man mit Gemeindepräsident Gubler über den Sinn und Zweck des Labels, zählt er aus dem Stegreif Projekte auf, die durch die Bemühungen der Gemeinde entstanden sind. «Ein Repair-Café, Dutzende Solaranlagen, Wärmeverbunde sowie Schnellladestationen für E-Autos

Ein Elektroauto wird geladen.
Vor fünf Jahren konnte Turbenthal eine Ladestation für E-Autos offiziell einweihen. (Archiv)

Der Erfolg zeige sich aber auch an den Zahlen. Ursprünglich wollte Turbenthal seinen Stromverbrauch bis 2026 um gut 10 Prozent reduzieren. «Dieses Ziel haben wir sogar übertroffen», sagt Gubler. Und auch die Bevölkerung beteilige sich aktiv, um Energiethemen voranzutreiben. So prüfe die Gemeinde derzeit Ideen, welche die Turbenthalerinnen und Turbenthaler in einer Arbeitsgruppe eingebracht haben.

Dass die Gemeinde mit ihrer Haltung in der Umgebung alleine dasteht, vermag die Meinung des Turbenthaler Gemeinderats nicht zu ändern. «Wir sehen uns auch in einer Zentrumsfunktion, wir wollen ein Vorbild für die Menschen sein», erklärt Gubler. «Für unsere Leistungen mit einer Medaille belohnt zu werden, spornt uns zusätzlich an.»

Auch ohne Label möglich

Auch wenn das Energiestadt-Label in Zell bald der Vergangenheit angehört, sollen Energiethemen auch dort weiterhin ihre Bedeutung behalten. «Bei Sanierungen gemeindeeigener Liegenschaften werden wir nach wie vor prüfen, ob der Bau einer Solaranlage oder energetische Verbesserungen möglich sind», sagt Ott.

Auch die Energiekommission, die zur Erfüllung der Anforderungen des Labels gebildet werden musste, werde weiterhin Bestand haben. Allerdings werde sie mit der Umweltkommission zusammengelegt, um Personalressourcen zu schonen.

Die Rückmeldungen aus der Bevölkerung bestärken derweil Otts Haltung. So fielen die Reaktionen – bis auf eine Ausnahme – positiv aus.

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