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Gesellschaft

Mandala wird aufgelöst

Buddhistische Mönche aus Rikon haben ihr Sandkunstwerk der Töss übergeben

Warum das so sorgfältig gestaltete Sandmandala aus Rikon schon wieder Geschichte ist.

Die buddhistischen Mönche übergaben den Sand des Mandalas dem «Fluss des Lebens».

Foto: Simon Grässle

Buddhistische Mönche aus Rikon haben ihr Sandkunstwerk der Töss übergeben

Zehn Tage brauchten die Mönche, um das Sandmandala im Tibet-Institut zu erstellen. Doch statt es möglichst lange zu bewundern, haben sie es bereits feierlich aufgelöst.

Schier lautlos sassen die rund 20 Besucherinnen und Besucher aus der Region am Samstagnachmittag im Gebetsraum des Tibet-Instituts in Rikon. Sie wurden Zeugen, wie die buddhistischen Mönche das vor wenigen Tagen fertiggestellte Sandmandala rituell auflösten.

Erstmals seit 1985 haben die buddhistischen Mönche in Rikon im heimischen Tibet-Institut wieder einmal ein Sandmandala gestaltet. Es dient einerseits dem Training dieser komplexen Technik. Andererseits wollen die Mönche damit anderen Kulturen ihre kreative Tradition näherbringen.

Nach einem Einführungsritual haben sie Ende August mit dem täglichen Streuen des filigranen Mandalas aus Kristallsand begonnen. Nach zehn Tagen waren die Arbeiten abgeschlossen - das Kunstwerk war vollendet.

Alle diese Schritte und Rituale konnten auch von der interessierten Bevölkerung besucht werden. (ks)

Loten Dahortsang, Lehrer für Buddhismus und Meditation im tibetischen Kloster, bat die Anwesenden, das Ritual sitzend und in stiller Sammlung zu begleiten. Dann zogen die Mönche, angeführt durch Abt Geshe Tenzin Jangchup, in den Gebetsraum ein. Mit dem Klang eines Gongs eröffnete Lama Tenzin, der mit 85 Jahren älteste Mönch in Rikon, die Meditation.

Gesang, Gebet und Meditation

Die Zeremonie bestand aus einer Abfolge von Gesängen, Gebeten und meditativen Sequenzen. Zunächst erklangen Mantras, die im Buddhismus als geistige Werkzeuge gelten. Durch ihre Wiederholung sollen sie inneren Frieden fördern.

Aus den Gesängen entwickelten sich Sprechgesänge, die schrittweise leiser wurden, bis sie in einem Flüstern endeten. Ein Kreislauf, der sich mehrfach wiederholte.

Im Anschluss zog der Abt mit einem sogenannten Dorje Linien längs und quer durch das Mandala. Weitere Mönche wischten einzelne Partien des Kunstwerks mit Pinseln und Spachteln in ein Glasgefäss. Damit begann die eigentliche rituelle Auflösung. «Wir verstehen sie als bewussten Akt der Vergänglichkeit», beschreibt es Loten Dahortsang.

Vajra Dorje (oder Dorje, Sanskrit für Donnerkeil) ist ein zentrales Ritualobjekt im tibetischen Buddhismus, das die Eigenschaften eines Diamanten (Unzerstörbarkeit) und eines Blitzes (unwiderstehliche Kraft) symbolisiert. Es repräsentiert die Einheit von Methode (Mitgefühl) und Weisheit und wird oft mit einer Glocke (Ghanta) als Symbol für die Vereinigung dieser beiden Aspekte der Realität verwendet. Der Vajra dient als Schutz vor spiritueller Dunkelheit und Unwissenheit und wird in Meditationen und Zeremonien eingesetzt. (ks)

Schliesslich war der gesamte farbige Sand in das Behältnis gewischt. Nur noch etwas Staub blieb auf der Bleistiftvorlage des Mandalas liegen.

Prozession zur Töss

Die ganze Gruppe machte sich auf zur Prozession an den nahe gelegenen Fluss. Als ob er ein rohes Ei in den Händen halten würde, trug Abt Tenzin Jangchup das mit Sand befüllte Gefäss auf dem rund 20-minütigen Fussweg zur Töss. Dort führt eine Steintreppe ans Wasser. Sie wurde 1985 errichtet, um während eines Besuchs des Dalai Lama eine ähnliche Zeremonie abzuhalten.

Ein zufällig vorbeigehender Spaziergänger erwähnte, dass das damalige Mandala komplexer gestaltet gewesen sei als das aktuelle. Das bestätigte auch Loten Dahortsang, als er erzählte: «Damals waren zehn sehr geübte Mönche während zweier Wochen intensiv mit diesem Werk beschäftigt.»

Am Flussufer stellten Helfer einen mit Tüchern und Rosenblüten geschmückten Tisch auf. Nach erneutem Sprechgesang liessen die Mönche den Bergkristallsand schliesslich behutsam in die Töss fliessen. Ein symbolischer Akt, der Reinigung und Segen verbreiten und die heilende Kraft des Mandalas in die Welt tragen soll. Und gemäss buddhistischen Lehren dem «Fluss des Lebens» entspricht. Die Rosenblüten wurden ebenfalls ins Wasser gestreut.

Für viele Anwesende war die Zeremonie eine tief bewegende Erfahrung. Alessandra Bertelle aus Wetzikon berichtete, sie habe bereits während der zweiwöchigen Entstehung des Mandalas wichtige persönliche Einsichten gewonnen. «Ich habe erkannt, welche Menschen in meinem Umfeld und meiner Verwandtschaft Energiefresser sind und dass ich mich nicht länger für einen oder mehrere von ihnen verantwortlich fühlen muss.»

Seit fünf Jahren meditiert die 58-Jährige regelmässig am Tibet-Institut – «die Mönche sind immer freundlich und humorvoll». Sie empfand die Zeremonie als bereichernd: «Heute habe ich besonders viel Leichtigkeit, Liebe und Mitgefühl gespürt.»

Alessandra Bertelle beim Meditieren.
Alessandra Bertelle besucht seit fünf Jahren regelmässig das Tibet-Institut zum Meditieren.

Passenderweise war dies eine von verschiedenen Aktivitäten im «Jahr des Mitgefühls», das zu Ehren des 90. Geburtstags des Dalai Lama gefeiert wird. Und Mitgefühl, Segen und heilende Kraft kann die Welt aktuell wohl mehr gebrauchen denn je.

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