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Zwischen Trauer und Triumph – Felix Stehlis brutale Achterbahnfahrt

Felix Stehli hat eine enorm bewegende Zeit hinter sich: Der Bäretswiler Veloprofi verliert seine Mutter – und feiert kurz darauf seinen grössten Sieg der Karriere.

Zwischen Trauer und Triumph – Felix Stehlis brutale Achterbahnfahrt

Felix Stehli hat eine enorm bewegende Zeit hinter sich: Der Bäretswiler Veloprofi verliert seine Mutter – und feiert kurz darauf seinen grössten Sieg der Karriere.

Irgendwann im Gespräch hält Felix Stehli inne. Ganz kurz nur ist es still, dann spricht der Bäretswiler weiter. Seine Stimme ist wieder fest, als er sagt: «Diese Achterbahnfahrt war schon brutal.»

Der stets positiv denkende und so lebensfroh wirkende Veloprofi hat kürzlich den wichtigsten Erfolg der Karriere erzielt. Mit Marc Pritzen zusammen gewann er eine Etappe am Cape Epic, dem prestigeträchtigen Mehretappenrennen in Südafrika, das man gerne als «Tour de France des Mountainbikes» bezeichnet.

Zugleich ist Stehli in tiefer Trauer. Vor rund zwei Monaten wird seine Welt über Nacht erschüttert. Völlig unerwartet stirbt seine Mutter – sie wäre diese Woche 63 geworden. «Es ist das Härteste, was passieren kann. Wie man sich in einem solchen Moment fühlt, ist unerklärbar», sagt Stehli.

Der Sport rückt in den Hintergrund

Die Todesnachricht erreicht Stehli in Südafrika, wo er sich aufs Cape Epic vorbereitet. Der 25-Jährige fliegt sofort in die Schweiz zur Familie. «Die Woche daheim hat mir sehr gutgetan», erinnert er sich. Und findet: «In jedem schwarzen Loch gibt es ein Lichtlein.»

Gestärkt kehrt er nach Südafrika zurück, um im sportlichen Alltag Ablenkung zu finden. Stehli ist unsicher, ob er nach der schwierigen Vorbereitung konkurrenzfähig ist, und versucht, Pritzen zu überzeugen, einen anderen Rennpartner zu suchen. Das aber will der Südafrikaner nicht, mit dem ihn eine langjährige Freundschaft verbindet.

Das Duo hält am ursprünglich gefassten Ziel fest, im Gesamtklassement in die Top Ten fahren zu wollen. Es wird schnell klar – das ist illusorisch. Denn in den ersten Wettkampftagen ist der Frust der einzige treue Begleiter der zwei Mountainbiker.

Im Prolog verlieren sie viel Zeit, weil sie in einer engen Single-Trail-Passage nicht an einem eingeholten Team vorbeikommen. In der ersten Etappe fängt sich Stehli einen Platten ein, die letzten 25 Kilometer absolviert er auf den Felgen. «Alles ging den Bach runter», sagt Stehli. Und gibt zu, in jener Rennphase auch nicht die «knusprigsten» Beine gehabt zu haben.

Dann aber kommt das dritte Teilstück. Es ist mit 140 Kilometern und 1750 Höhenmetern das längste. Stehli katapultiert sich mit Pritzen aus dem Tief und in die Schlagzeilen. Das schweizerisch-südafrikanische Duo attackiert 40 Kilometer vor dem Ziel und feiert mit über einer Minute Vorsprung einen eindrücklichen Sieg.

Die Reaktionen darauf sind gewaltig. Allein auf Stehlis Instagram-Profil. «Ich hatte über 1,3 Millionen Views. Das war verrückt.»

Dazu kommen unzählige Gratulanten – etwa der zehnfache Weltmeister Nino Schurter. Der zurückgetretene Bündner Biker hat auch das Cape Epic dreimal gewonnen.

Historie auf dem Hochrad

Stehli hat derweil Historisches geschafft. Der Bäretswiler ist der erste Fahrer, der an einem Profirennen auf einem Bike mit 32-Zoll-Rädern siegte. Standard ist 29 Zoll. «Es ist massiv, wie auf einem Hochrad», sagt er über das neu entwickelte Velo.

Speziell macht den Sieg ebenfalls die Tatsache, dass der Oberländer alles andere als ein Bike-Spezialist ist. Viele Jahre setzte er auf die Strasse und hoffte darauf, in einem grossen Team unterzukommen. Letzte Saison fuhr Stehli primär Gravel-Rennen, an der Gravel-WM setzte er mit Rang 5 ein Ausrufezeichen.

Abseits der Strasse gehts für ihn nun auch weiter. Stehli bestreitet von April bis Oktober die US-Offroad-Serie Life-Time-Grand-Prix – drei der sechs Veranstaltungen sind Gravel-Rennen.

Und sein Fazit zum Cape Epic? Das fällt klar aus. «Werde ich zurückkommen?», fragt er gleich selbst und antwortet im selben Atemzug: «Definitiv. Wenn man fähig ist, eine Etappe zu gewinnen, ist man auch fähig, im Gesamtklassement vorne dabei zu sein.»

Pritzen und Stehli haben mit dem Cape Epic sowieso eine Rechnung offen. Nach dem Höhenflug kehrte schnell das Pech zurück. Pritzen stürzt in der vierten Etappe, ein Teil des Lenkers bricht. Tags darauf kann Stehli nicht mehr antreten. Eine Magen-Darm-Grippe beendet seine wechselvolle Cape-Epic-Premiere vorzeitig.

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