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Gesundheit

Hausarzt-Serie

Zukunft der Hausarztpraxis: Warum es Einzelkämpfer schwerer haben

Der Ustermer Hausarzt Res Kielholz spricht im Interview über das Handwerk Medizin und den bedrohlichen Zeitfresser Bürokratie. Und darüber, warum er trotzdem über das Rentenalter hinaus praktiziert.

Res Kielholz in seiner Ustermer Hausarztpraxis.

Foto: Simon Grässle

Zukunft der Hausarztpraxis: Warum es Einzelkämpfer schwerer haben

Der Ustermer Hausarzt Res Kielholz spricht im Interview über das Handwerk Medizin und den bedrohlichen Zeitfresser Bürokratie. Und darüber, warum er trotzdem über das Rentenalter hinaus praktiziert.

Vor 25 Jahren hat Res Kielholz eine Hausarztpraxis in Uster übernommen. Er führt sie als Gruppenpraxis, gemeinsam mit Hausarzt Matthias Gasser sowie Psychiaterin und Ehefrau Petra Wandeler Kielholz.

Statt im weissen Arztkittel, empfängt Kielholz seine Patienten in Zivilkleidung, um ihnen «auf Augenhöhe» zu begegnen. Im Wartezimmer und im Behandlungsraum sind keine Diplome aufgehängt, sondern Landschaftsfotos, die er auf seinen vielen Wanderungen gemacht hat.

Man sieht Landschaftsbilder an Praxiswänden.
Die weissen Praxiswände werden von Landschaftsfotos aufgehübscht.

Herr Kielholz, was hat sich im Lauf der Jahre im Umgang mit den Patienten verändert?

Res Kielholz: Mit uns altern auch unsere Patientinnen und Patienten. Ihre Krankheitsbilder sind vielschichtiger geworden. Viele Krankheiten sind heute viel besser behandelbar, was sich in der hohen Lebenserwartung und der guten Lebensqualität bis zum Lebensende widerspiegelt. Der Preis dafür ist die Zunahme an Mehrfacherkrankungen mit komplexen Therapien und hohem Beratungsaufwand.

Was schätzen Sie besonders an der Arbeit in einer kleinen Praxisgemeinschaft?

Die Zusammenarbeit mit meinem Praxispartner gibt uns beiden sehr viel Flexibilität. Wir können die administrativen Aufgaben aufteilen und uns in der Ferienzeit gegenseitig vertreten. Das ist nicht nur für uns Ärzte, sondern auch für unsere Patienten wichtig. Als Einzelkämpfer wäre die Arbeitslast in unserer Praxis nicht mehr zu bewältigen.

Sie haben davor aber keine Einzelpraxis geführt?

Ich machte früher Praxisvertretungen in Einzelpraxen, dort habe ich diese Erfahrung gemacht. Und ich merke es immer, wenn mein Partner in den Ferien ist. Dann renne ich täglich bis zu 14 Stunden lang durch die Praxisräume – das schaffe ich vielleicht zwei bis drei Wochen, aber länger nicht.

Dann ist Ihre Agenda immer gefüllt?

Ja, und in die bereits volle Agenda müssen dann die Notfälle reingequetscht werden. Das ist für alle sehr belastend. Wenn ich diese Arbeitslast mit meinem Praxispartner aufteilen kann, schaffen wir das – aber allein? In solchen Zeiten muss ich dann meine Patienten nach dem Anbringen ihres Lieblingssatzes oft enttäuschen.

Welcher wäre das?

«Jetzt, da ich schon mal bei Ihnen bin, habe ich noch ein zusätzliches Problem …» (Lacht.)

Nehmen Sie für eine Praxisgemeinschaft auch Nachteile in Kauf?

Wenn es zwischenmenschlich gut funktioniert, sehe ich nur Vorteile. Mein Partner und ich arbeiten schon seit unserer Assistenzarztzeit zusammen, und wir sind auch privat befreundet – das ist eine ideale Ausgangslage. Ich schätze es, dass wir gemeinsam über schwierige Fälle diskutieren können.

Neben seiner Arbeit als Hausarzt engagiert sich Res Kielholz in diversen weiteren Funktionen. Darauf angesprochen, wie er alles unter einen Hut bringt, antwortet er augenzwinkernd: «Ich arbeite quasi Teilzeit - nur fünf Tage die Woche. »

Das macht Res Kielholz sonst noch:

Präsident der Ustermer Ärzte.

Heimarzt im Pflegezentrum Dietenrain.

Moderator Qualitätszirkel Ärztenetzwerk Zolamed.

Engagiert sich in der Standespolitik regional, kantonal und national und in der Grünliberalen Partei für bessere Rahmenbedingungen im Gesundheitswesen.(ks)

Welches sind denn die grössten alltäglichen Herausforderungen eines Hausarztes?

Eine der grössten Belastungen sind der Zeitmangel und die Zunahme von administrativen Tätigkeiten. Auch der aktuelle Mangel an Psychiatern im Oberland – es ist schon fast einfacher, ein Goldnugget im Greifensee zu finden als einen Psychiater – führt dazu, dass wir diese Arbeit oft auch noch übernehmen müssen, obwohl wir weniger zeitliche und fachliche Ressourcen dafür haben.

Wenn Sie von administrativer Mehrarbeit sprechen: Was ist heute so viel aufwendiger als früher, dass es Ihre Agenda derart unter Druck setzt?

Nehmen wir die Medikation. Früher galt eine Liste mit fünf Medikamenten als lang. Heute gibt es Patienten, die 20 Medikamente auf ihrer Liste haben. Die Aufgabe des Hausarztes beim sogenannten Deprescribing ist es, die Medikamentenliste seiner Patienten regelmässig ohne Schaden «auszumisten». Das Ziel ist eine optimale statt eine maximale Therapie. Solche Abgleichungen und Besprechungen dauern schnell mal eine halbe Stunde. Das schlägt sich in der dicht verplanten Agenda nieder.

Erleichtert die Digitalisierung denn die Arbeit nicht?

Sie bringt zwar eine gewisse Effizienz im Datenaustausch. Allerdings ist auch eine enorme Mehrbelastung durch die Kommunikation mit E-Mails einhergegangen. So bin ich nach einem Zehn-Stunden-Tag oft noch zwei bis drei Stunden mit der E-Mail-Beantwortung oder mit dem Schreiben von Berichten beschäftigt.

Kann künstliche Intelligenz bei gewissen Aufgaben helfen?

Dank KI haben wir tatsächlich einen enormen Wissenspool innert weniger Sekunden zur Verfügung. Wir bekommen dadurch wertvolle Zahlen für wichtige Entscheidungsgrundlagen, etwa wenn es darum geht, den Nutzen von bestimmten Therapieformen abzuwägen. Sie kann aber auch helfen, seltene Ursachen bei komplexen Beschwerden besser zu erkennen. Solche Infos suche ich aber nicht auf ChatGPT, denn dort sind die Resultate oft nicht brauchbar. Es gibt dafür bessere, spezifische Plattformen für Ärzte.

Wird man sich als Patient mit KI in Zukunft selbst diagnostizieren und behandeln können? Es bestehen ja bereits Angebote wie «Walk-in-Labor» oder «Lab-to-go», die es Patienten ermöglichen, die eigenen Gesundheitswerte ganz ohne ärztliche Überweisung überprüfen zu lassen …

Ein gesunder Mensch ist einer, der noch nicht ausführlich genug untersucht worden ist – so lautet jeweils meine Antwort, wenn unsinnige Labortests gewünscht werden. Blutuntersuchungen sind immer nur eine Antwort auf eine Fragestellung. Ist eine Frage dumm, kann auch die Antwort nicht viel gescheiter sein. Die ärztliche Kunst besteht darin, die richtigen Fragen zu stellen, wie bei einem Kriminalfall. Jede Untersuchung sollte idealerweise eine geeignete Form von medizinischen Konsequenzen nach sich ziehen.

Wie sehen diese aus?

Übertriebene Untersuchungen führen oft zu sinnlosen oder sogar schädlichen Folgeuntersuchungen und unnötiger Verunsicherung. Die Laborresultate sind nicht immer «schwarz» oder «weiss». Es gibt falsch negative und falsch positive Resultate. Dies erschwert die Interpretation bei fehlendem medizinischem Vorwissen. «Walk-in-Labors» können dieser Problematik nicht gerecht werden.

Dann werden Hausärzte auch in 10 bis 15 Jahren noch relevant sein?

Die Gefahr, dass wir durch künstliche Intelligenz ersetzt werden können, ist sehr klein. Unsere Kernaufgabe wird immer sein, komplexe Zusammenhänge und Therapien im Dschungel des Gesundheitswesens in eine einfache, patientengerechte Sprache zu übersetzen. Und bei dem riesigen Therapieangebot so zu beraten, dass nur die Abklärungen und Therapien gemacht werden, die sinnvoll und wissenschaftlich abgestützt sind. Eine Therapie sollte nicht gefährlicher sein als die Krankheit selbst. (Lacht.)

Welche Anreize oder Rahmenbedingungen müssten geschaffen werden, damit die Führung einer eigenen Praxis für junge Mediziner wieder attraktiver wird?

Das Wichtigste ist, dass mehr Ausbildungsplätze geschaffen werden, um die Hausarztmedizin zu erlernen. Ein Zehntel der Assistenzärzte gibt ihre Berufstätigkeit auf, weil die Belastung im Spital zu gross oder die Tätigkeit zu praxisfern ist. Mit der heutigen Devise «ambulant vor stationär» sollten nach dem niederländischen Vorbild auch die Ausbildungsmöglichkeiten in ambulanten Institutionen, vor allem in den Hausarztpraxen, gefördert werden.

Weshalb?

Hauptsächlich, weil die Spitäler trotz der gesetzlichen Ausbildungsverpflichtung mit den Ausbildungsplätzen am Limit sind. Das Spital Uster belegt mit 18,3 Prozent Ausbildungsstellen im Kanton Zürich den stolzen dritten Platz, gleich nach dem Stadtspital Triemli und dem Unispital.

Gibt es noch einen weiteren Grund?

Das Hauptproblem ist, dass wir in der Schweiz viel zu wenige Ärzte ausbilden: Seit 2011 stehen von jährlich rund 4000 anerkannten Arztdiplomen weniger als 30 Prozent in der Schweiz erteilte Arztdiplome über 70 Prozent ausländischen Arztdiplomen gegenüber. Mit dieser enormen Auslandabhängigkeit laufen wir, auch schon ohne Beschränkung der Zuwanderung, in einigen Jahren in ein massives Problem hinein. Die Ausbildungskapazität in der Schweiz müsste um einen Faktor zwei bis drei erhöht werden, um diese bedrohliche Situation zu entschärfen. Der Hausärztemangel besteht nicht, weil der Beruf nicht attraktiv ist. Sondern, weil wir viel zu wenig Nachwuchs ausbilden.

Funktioniert denn eine Ausbildung in einer Hausarztpraxis?

Wir Hausärzte verstehen uns als Handwerker. Praktische Fähigkeiten wie das Nähen von Wunden oder eine kompetente körperliche Untersuchung gehören bei uns zum Alltag. Ich habe meine Ausbildung unter anderem bei zwei Hausärzten und einer Kinderärztin absolviert und dort viel handwerkliches Know-how gelernt. Gerade während der sehr strengen Assistenzarztzeit war die Aussicht auf die Arbeit in einer Praxis sehr motivierend. Mehr Praxisnähe könnte dazu beitragen, die Berufsabbrecherquote unter jungen Ärzten zu senken. Das Ausbildungspotenzial in den Praxen wird derzeit noch viel zu wenig genutzt.

Wenn Sie einem Medizinstudenten, der kurz vor der Facharztwahl steht, einen Grund nennen müssten, warum er Hausarzt werden sollte – welcher wäre das?

Es ist für die zwischenmenschliche Beziehung viel attraktiver, 35 Jahre lang die gleichen Personen mit vielen verschiedenen Krankheiten zu behandeln als immer nur die gleiche Krankheit bei immer neuen Patienten.

Wie ist die Situation bei Ihnen – haben Sie die Nachfolge für Ihre Praxis schon geregelt?

Auch wenn ich mit 58 Jahren kein Jungspund mehr bin, ist diese Frage für mich noch verfrüht. Ich freue mich jeden Morgen, zur Arbeit zu gehen, das ist ein grosses Privileg. Ich plane deshalb, noch über das Pensionsalter hinaus zu arbeiten.

Hausärzte heute

Als Grundversorger bezeichnet man die Hausärztinnen und Hausärzte auch, weil sie die tragenden Säulen des Schweizer Gesundheitssystems sind.

Doch die Grundversorger sind mit grundlegenden Problemen konfrontiert, unter anderem mit Nachwuchssorgen in den eigenen Reihen.

In einer kleinen Serie, die mit Unterstützung der Gesellschaft der Ärztinnen und Ärzte des Zürcher Oberlandes (AGZO) zustande kam, beleuchten wir die Lage in der Region. (ehi)

Bisher erschienen:
«Je weniger Hausärzte, desto weniger Zeit für Patienten», mit Dr. Michelle Graber aus Wetzikon

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Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

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