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Gesundheit

Hausarzt-Serie

Je weniger Hausärzte, desto weniger Zeit für Patienten

Im zweiten Teil der Hausarzt-Serie geht es um den fehlenden Berufsnachwuchs - und was das für die Patienten bedeutet.

Michelle Graber am Pult, wo sie jeweils die Patientengespräche führt – und danach oft einen Folgetermin im immer fast vollständig ausgebuchten Terminkalender auf dem PC sucht.

Ernst Hilfiker

Je weniger Hausärzte, desto weniger Zeit für Patienten

Hausarzt-Serie

Die Hausärzte haben ein Nachwuchsproblem – auch im Zürcher Oberland. Die Folgen davon spüren sowohl die noch arbeitenden Ärzte als auch ihre Patienten.

Die Schweiz hat eine der höchsten Ärztedichten der Welt – doch wer einen Hausarzt sucht, der findet oft keinen. Denn die meisten Allgemeinmediziner sind ausgebucht, und man erhält bestenfalls das Angebot, sich auf eine Warteliste setzen zu lassen.

Die FMH, der Berufsverband der Schweizer Ärztinnen und Ärzte, spricht vor allem wegen fehlender Nachfolger für die vielen heute über 60-jährigen Ärzte erst sachte von «bevorstehenden Engpässen in der Versorgung». Michelle Graber hingegen sagt: «Wir sind im Zürcher Oberland und auch national sehr knapp dran in Sachen Nachwuchs.»

Ich kenne keinen Hausarzt, der im Moment nicht einen Aufnahmestopp oder eine Warteliste hat.

Michelle Graber

Hausärztin in Wetzikon

Graber ist diplomierte Ärztin mit einem Facharzttitel in Innerer Medizin und arbeitet als Allgemeinpraktikerin in der grossen Wetziker Gruppenpraxis Klinik Impuls. Sie ist zudem Co-Präsidentin der Gesellschaft der Ärztinnen und Ärzte des Zürcher Oberlandes (AGZO). Und gerade aus Gesprächen in diesem Kreis sagt sie: «Ich kenne keinen Hausarzt, der im Moment nicht einen Aufnahmestopp oder eine Warteliste hat.» Ihre Einschätzung der Lage in einem Satz lautet deshalb: «Wir haben Handlungsbedarf – dringend!»

Ein langer Weg bis zum Berufsstart

Wer heute eine Hausarztpraxis eröffnen möchte, der hat in der Regel nicht nur seine normale universitäre Ausbildung hinter sich, sondern danach auch noch fünf Jahre Weiterbildung zum Facharzt Innere Medizin. Das heisst, er ist 30 bis eher 40 Jahre alt, wenn er dann in die berufliche Selbständigkeit tritt.

Diesen Schritt machen laut Graber aber nur die wenigsten. Denn die jungen Ärzte fänden es «interessanter, sich auf ein medizinisches Spezialgebiet zu konzentrieren oder im Spital tätig zu sein».

Primär aus wirtschaftlichen Überlegungen: Als Spezialist verdient man viel, und als Spitalarzt hat man die finanzielle Sicherheit eines Angestellten – zwei bedeutende Punkte, die auf das Dasein als Hausarzt nicht zutreffen.

Mehr Geld und mehr Ansehen nötig

Grabers Forderungen für eine Verbesserung der Situation sind deshalb klar. Es brauche vor allem bei der Vergütung hausärztlicher Leistungen eine Korrektur. Das sei Aufgabe der Gesundheitspolitik. Hier dürfte es mit der Einführung eines neuen Tarifs dann tatsächlich zu einer Veränderung ins Positive kommen.  

Zudem «muss man das Thema Hausarzt schon im Studium viel mehr ansprechen». Ein eher frommer Wunsch, denn, wie Graber zu bedenken gibt: «Wer hält die Vorlesungen an der Uni? Die Spezialärzte, nicht die Hausärzte …»

Und: Auch das Ansehen und vor allem die Bedeutung der Hausärzte in der Bevölkerung bedürfen einer Änderung. «Es gibt viele Leute, die uns extrem schätzen», freut sich Graber zwar. Doch für einen grossen Teil der Patienten stünden halt die ständig zunehmenden Spezialisten über den Hausärzten, was für die Patienten immer mal wieder negative Folgen mit sich bringen könne.

So rate zum Beispiel der Spezialist, unbedingt ein neues Schultergelenk einzusetzen, und schenke dabei den beim Patienten auch noch vorhandenen Herzproblemen weniger Beachtung. Der Hausarzt mit seinem ganzheitlichen Ansatz hätte da wohl eine umfassendere Beurteilung gemacht.

«Direktwerbung» bei jungen Ärzten

Als engagierte und vor allem überzeugte Hausärztin ist Michelle Graber auch selbst aktiv in der Nachwuchsgewinnung. So ist die 43-Jährige neben ihrem Praxisjob noch regelmässig als Dienstoberärztin im Spital Wetzikon tätig. Dabei hat sie auch Ausbildungsaufgaben und versucht in diesem Rahmen, den jungen Ärzten das Hausarztbusiness schmackhaft zu machen. Zuweilen sogar mit Erfolg.

Doch die Lage bleibt sehr angespannt. So sucht die Klinik Impuls einen weiteren Hausarzt. Gefunden wurde trotz Gesprächen mit potenziellen Interessenten aber noch niemand.

Eine sehr sinnvolle, schöne Medizin.

Michelle Graber über die Hausarztmedizin

Gäbe es mehr Hausärzte, hätten diese neben den zunehmenden administrativen Aufgaben auch wieder mehr Zeit für die Patienten. Und mehr Zeit, um den Kernjob zu machen. «Eine sehr sinnvolle, schöne Medizin, bei der man anerkannte Behandlungsrichtlinien individuell auf den Menschen, den man vor sich hat, runterbrechen kann», schwärmt Graber.

Diese Art einer «persönlichen Medizin» sei immer wichtiger. Denn der Anteil sowohl alter als auch immer älter werdender Patienten steigt und damit die Behandlungskomplexität dieser oft unter mehreren gesundheitlichen Problemen leidenden Menschen.

Menschen, die Graber zuweilen bis ans Lebensende begleitet, sprich: selbst in der Sterbephase. Eine von den Patienten und ihren Angehörigen hochgeschätzte Aufgabe. Aber natürlich auch eine Aufgabe, bei der, rein wirtschaftlich betrachtet, Aufwand und Ertrag in keinem Verhältnis mehr stehen.

Neue Patienten warten bis zu einem halben Jahr

In Grabers Praxis sind etwa 80 Prozent der Patienten über 60 Jahre alt. Und neue, jüngere Patienten gibt es nicht. Beziehungsweise erst dann, wenn ein älterer Patient gestorben ist und jemand von der Warteliste, auf der man derzeit bis zu sechs Monate lang verbleibt, nachrücken kann.

Hat man dann das Glück und erhält einen ersten Termin bei Michelle Graber, stellt sie sich als «Gesundheitsmanagerin» vor. Und sie erklärt dem neuen Patienten, dass sie, die Hausärztin, zum Ziel hat, ihn «gesund durch jede Etappe seines Lebens zu bringen, und bei Bedarf das dafür erforderliche medizinische Wissen zur Verfügung stellt».

Hausärzte heute

Als Grundversorger bezeichnet man die Hausärztinnen und Hausärzte auch, weil sie die tragenden Säulen des Schweizer Gesundheitssystems sind. Doch die Grundversorger sind mit grundlegenden Problemen konfrontiert, unter anderem mit Nachwuchssorgen in den eigenen Reihen.

In einer kleinen Serie, die mit Unterstützung der Gesellschaft der Ärztinnen und Ärzte des Zürcher Oberlandes (AGZO) zustande kam, beleuchten wir die Lage in der Region. (ehi)

Bisher erschienen:
«Zukunft der Hausarztpraxis: Warum es Einzelkämpfer schwerer haben», Interview mit Dr. Res Kielholz aus Uster

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