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Serie Schafzucht, Teil 3

Die Sommerfrischler treffen auf der Alp ein

360 Milchschafe und Lämmer aus Illnau verbringen die Sommermonate auf der Alp. Das ist nachhaltig, gut für die Tiere und für den Biolandbau Guggenbüel auch wirtschaftlich alternativlos.

Hirt Jonas Gubler kümmert sich auf der Alp um die Schafe aus Illnau. Der gelernte Landwirt stammt aus Bäretswil.

Foto: Bruno Zähner

Die Sommerfrischler treffen auf der Alp ein

Serie Schafzucht, Teil 3

360 Milchschafe und Lämmer aus Illnau verbringen die Sommermonate auf der Alp. Das ist nachhaltig, gut für die Tiere und für den Biolandbau Guggenbüel auch wirtschaftlich alternativlos.

Rund zwei Stunden dauert die Reise, die die Tiere von Sabrina Otto und Bruno Zähner an diesem Freitag zurücklegen. Per Lkw geht es vom Biolandbau Guggenbüel in Illnau auf die Alp Zanai oberhalb von Bad Ragaz. Es ist eine Reise ohne Zwischenfälle – und das liegt auch am beteiligten Transportunternehmen.

Zähner und Otto vertrauen seit Jahren auf die Firma Fankhauser aus Bauma, und einmal mehr zeigt sich, dass das eine gute Entscheidung ist: Wegen Bauarbeiten wird der Verkehr auf der A3 im Kerenzertunnel im Gegenverkehr geführt. An diesem Freitagvormittag kommt es zu einem Unfall im Baustellenbereich. Zum Glück nur Blechschaden, aber während zweier Stunden geht auf der Autobahn gar nichts mehr.

«Mit dem voll beladenen Lkw in einen Stau zu geraten, wäre schlimm», sagt Bruno Zähner. Der Lastwagen verfügt zwar über eine Ventilation, nicht aber der Anhänger. Stillstand bei 35 Grad im Schatten – das bedeutet Lebensgefahr für seine Schafe.

Von Google gewarnt, reagieren die Chauffeure der beiden Lkw, verlassen bei Schänis SG die Autobahn und nehmen die kurvige Strecke über den Kerenzerberg. Die 170 Schafe kommen wohlbehalten in der Sommerfrische an – und auch die Pyrenäenberghunde, die sie im Lastwagen begleiten.

Es ist die zweite Fahrt an diesem Tag: Ein erstes Mal war der Anhängerzug um 5 Uhr in Illnau losgefahren – in der morgendlichen Kühle mit 190 Tieren auf zwei Stockwerken im Lkw und im Anhänger. Für die übrigen 170 Tiere entschieden sich Zähner und Otto, einen zusätzlichen Lkw zu organisieren.

Das Tierschutzgesetz respektive die Tierschutzverordnung legen genau fest, wie viel Platz einem Schaf beim Transport mindestens zustehen muss – sie stufen den sogenannten Mindestraumbedarf sogar danach ab, ob ein Schaf geschoren ist oder nicht. «Bei einer solchen Hitze gehen wir deutlich unter diese Limite», erklärt Zähner, wieso er kurzfristig eine dritte Fahrt organisiert hat. Das kostet den Biolandwirt zwar einen vierstelligen Betrag: «Dafür sind alle Schafe wohlbehalten auf der Alp eingetroffen.»

Das Alter und die Betriebswirtschaft

Viele der Schafe sind zum wiederholten Mal auf der Alp Zanai. Sie kennen die Prozedur des Verladens und besteigen den Lkw ohne Zeichen von Stress. Das hat auch mit dem Alter der Tiere zu tun. Das älteste Schaf in der Herde ist stolze 13 Jahre alt, im Durchschnitt werden die Muttertiere achtjährig.

Die Zahl erstaunt, denn im Alter von sechs Jahren beginnt die Leistung eines Milchschafs allmählich abzunehmen. Viele Schafhalter bringen ihre Tiere in diesem Alter zum Metzger. Auf dem Biolandbau Guggenbüel ist das keine Option. «Ich kann doch ein Schaf nicht metzgen lassen, das mir sechs Jahre lang gute Dienste geleistet hat», sagt Zähner. «Das entspricht nicht unserer Philosophie», pflichtet Sabrina Otto bei.

Sabrina Otto und Bruno Zähner vom Biolandbau Guggenbühl. Ein Paar lächelt in die Kamera. Im Hintergrund sind Schafe zu sehen.
Schafzucht mit Herz: Sabrina Otto und Bruno Zähner vom Biolandbau Guggenbüel in Illnau.

Mit Betriebswirtschaft habe das wenig zu tun, meint Zähner und versucht dann doch noch irgendwie, die Rechnung aufgehen zu lassen: «Wenn ein Schaf im Jahr 50 Liter weniger Milch gibt, ist das doch egal. Und wenn ein Schaf zwei Jahre länger lebt, müssen wir weniger Junge nachziehen. Die kosten nämlich auch Geld, bis sie Leistung erbringen.» Ganz überzeugend klingt das nicht – aber so läuft es auf dem Illnauer Demeterbetrieb.

Das Hausschaf gehört zu den ältesten Haustieren des Menschen. Seit rund 10’000 Jahren werden Schafe gehalten. Die Wiederkäuer sind sehr genügsam und bieten den Menschen vielfältige Produkte wie Wolle, Milch, Fleisch und Dünger.

Gemäss landwirtschaftlicher Strukturerhebung lebten 2025 356'000 Schafe in der Schweiz. Damit ist die Schafhaltung eine Nische in der Schweizer Landwirtschaft. Das gilt auch für das Zürcher Oberland. Der Bestand an Schafen in den Bezirken Uster, Pfäffikon und Hinwil betrug Ende 2024 rund 7200 Tiere.

250 Schafe leben auf dem Biolandbau Guggenbüel in Illnau. Im Rahmen einer sechsteiligen Serie begleiten wir die Tiere von Bruno Zähner und Sabrina Otto über ein Jahr.

Bereits erschienen:

1. Teil: Der Biolandbau Guggenbüel in Illnau (16. Mai 2026)

2. Teil: Die Vorbereitung der Sömmerung (6. Juni 2026)

Heute:

3. Teil: Der Alpauftrieb und der Herdenschutz

Geplant:

4. Teil: Der Alpsommer

5. Teil: Der Alpabtrieb und die Geburt der Lämmer

6. Teil: Der Start der Winterweide

Da in der Landwirtschaft vieles von der Witterung und vom Klima abhängt, sind die Erscheinungsdaten der verschiedenen Beiträge noch nicht fixiert.
(zo)

Zurück auf die Alp Zanai. Insgesamt 600 Hektaren Alp pachten Zähner und Otto jedes Jahr von der Ortsgemeinde Valens-Vasön. Dazu stellen sie drei Hirten ein. Insgesamt drei Herden verbringen den Sommer dort oben, für jede Herde ist ein Hirt zuständig: Da ist einerseits die Herde aus Illnau mit den 360 Milchschafen und Lämmern sowie 50 Milchschafen eines anderen Landwirts. Andererseits kommen eine Herde von 800 Fleischschafen sowie eine kleine Herde von 150 Ziegen dazu.

«Wenn der Bauer nicht draufzahlt, dann lohnt es sich …»

Die Besitzer dieser Herden sind quasi «Untermieter» auf der Alp und bezahlen das Illnauer Paar für die Sömmerung. Seit 2024 erhalten Schafhalter für den Herdenschutz Gelder von Bund und Kanton. Seither rechne sich die Sömmerung auch betriebswirtschaftlich, sagt Zähner und ergänzt mit einem sarkastischen Unterton: «Der Schweizer Bauer rechnet so: Wenn er nicht draufzahlt, dann lohnt es sich …»

Um die Tiere von Zähner und Otto kümmert sich mit dem Bäretswiler Jonas Gubler ein erfahrener Hirt. Der Landwirt EFZ hat schon die Lehre auf dem Biolandbau Guggenbüel gemacht. Dass ein Hirt mehr als 350 Tiere betreuen kann, hat damit zu tun, dass die Schafe auf der Alp nicht gemolken werden.

Zwei Drittel der Herde bestehen aus trächtigen Mutterschafen. Sie werden nicht gemolken, weil sie in der sogenannten Galtphase die ganze Energie für die Entwicklung der Föten brauchen. Das übrige Drittel der Herde besteht aus Lämmern, die keine Milch geben; ein Teil wird gemästet und später geschlachtet, ein Teil sind Aufzuchtlämmer, die zu Muttertieren werden sollen.

Existenzfrage für die Landwirte – Beitrag zum Tierwohl für die Schafe

Für das Illnauer Landwirtepaar ist die Alpsömmerung ihrer Tiere existenziell. Während die Schafe auf der Alp weiden, wächst auf ihren Weiden im Oberland das Heu für den Winter. «Wir könnten nicht so viele Schafe halten, wenn sie den Sommer nicht auf der Alp verbringen würden», umreisst Sabrina Otto den wirtschaftlichen Grund der Sömmerung.

Um rund 30 Prozent müssten sie ihre Herde verkleinern ohne Alp: «Zudem sind die Temperaturen auf der Alp im Sommer für die Schafe viel angenehmer als hier unten im Mittelland.»

Einst hatten wohlhabende Städter die stickigen Sommermonate gerne in den kühlen Bergen verbracht. Das Wort Sommerfrische findet sogar Erwähnung im Wörterbuch der Gebrüder Grimm. Mit dem Klimawandel wird das Phänomen neudeutsch auch als Coolcation bezeichnet.

Eine Schafherde grast in steilem Gelände.
Die Schafe nutzen Flächen, die anderweitig nicht bewirtschaftet werden können.

Den Schafen dürfte es egal sein. Sie fühlen sich sichtlich wohl in den Bergen. Ihre Sommerferien in den Alpen haben noch einen weiteren Vorteil: Otto und Zähner können auf den Flächen ihres Betriebs im Oberland Weizen und Mais anbauen. «Ackerbau ist für die menschliche Ernährung effizienter als die Nutztierhaltung», erklärt Zähner. Und gleichzeitig nutzen die Schafe in ihrer Sommerfrische Flächen, die sonst nicht bewirtschaftet werden können.

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