So werden die «Zirkusschafe» aus Illnau für die Alp vorbereitet
Serie Schafzucht, Teil 2
Mitte Juni schicken Sabrina Otto und Bruno Zähner vom Biolandbau Guggenbüel in Illnau ihre Schafe auf die Alp. Diese Sömmerung will vorbereitet sein.
Das Mutterschaf hat sich in sein Schicksal ergeben: Die Aue liegt, auf den Rücken gedreht, im Klauenstand und lässt die «Pediküre» über sich ergehen. Sabrina Otto schneidet die Klauen an den Vorderbeinen, Bruno Zähner entfernt mit dem Klauenmesser überflüssiges Material an den Hinterbeinen.
Zweimal pro Jahr lassen die Schafe des Landwirtepaars in Illnau diese Prozedur über sich ergehen, die weiblichen Lacaune-Schafe sind dabei um einiges kooperativer als der Texel-Widder, der zusammen mit seinen Auen zum «Nägelschneiden» muss. Nur mit grosser Mühe kann Bruno Zähner die Klauen an dessen zappelnden Hinterbeinen stutzen. Doch die «Pediküre» ist wichtig. Ungepflegte Klauen bieten Keimen optimale Wachstumsbedingungen und sind anfällig für Infektionen, zum Beispiel für die Klauenseuche (nomen est omen) oder die Moderhinke.
Einige Wochen vor der Fahrt auf die Alp pflegen Sabrina Otto und Bruno Zähner die Klauen ihrer Mutterschafe, Widder und Lämmer. Mitte Juni werden die Tiere dann per Lastwagen auf die Alp Zanai oberhalb von Bad Ragaz gebracht.
«Es geht darum, dass der Hirt auf der Alp keine manuelle Pflege vornehmen muss, also keine Klauenpflege und keine Schur», sagt Bruno Zähner. Mit 400 Tieren sei er auch so mehr als nur ausgelastet.
600 Hektaren Alp hat das Paar im malerischen Taminatal gepachtet; drei Herden werden den Sommer dort oben verbringen, die Bergwiesen abweiden und dafür sorgen, dass die Alp nicht verbuscht: Das sind einerseits die Milchschafe aus Illnau mit ihren Lämmern, die 2025 geboren wurden, insgesamt rund 400 Tiere. Dazu kommen eine Herde mit Fleischschafen von anderen Bauern von rund 800 Tieren und eine Herde von rund 200 Geissen.
Zweieinhalb Monate Luxus
Wenn die Schafe auf der Alp sind, wird etwas Ruhe im Guggenbüel einkehren, dann werden die Arbeitstage von Sabrina Otto und Bruno Zähner spürbar kürzer. «Zweieinhalb Monate ohne Melken sind der reine Luxus», fasst es Zähner zusammen. Untätig sein wird das Paar jedoch nicht: Es gibt immer noch neun Pferde zu versorgen und die Felder zu bestellen. Schliesslich ist der Biolandbau Guggenbüel ein Mischbetrieb.
Das Hausschaf gehört zu den ältesten Haustieren des Menschen. Seit rund 10’000 Jahren werden Schafe gehalten. Die Wiederkäuer sind sehr genügsam und bieten den Menschen vielfältige Produkte wie Wolle, Milch, Fleisch und Dünger.
Gemäss landwirtschaftlicher Strukturerhebung lebten 2025 356'000 Schafe in der Schweiz. Damit ist die Schafhaltung eine Nische in der Schweizer Landwirtschaft. Das gilt auch für das Zürcher Oberland. Der Bestand an Schafen in den Bezirken Uster, Pfäffikon und Hinwil betrug Ende 2024 rund 7200 Tiere.
250 Schafe leben auf dem Biolandbau Guggenbüel in Illnau. Im Rahmen einer sechsteiligen Serie begleiten wir die Tiere von Bruno Zähner und Sabrina Otto über ein Jahr.
Bereits erschienen:
1. Teil: Der Biolandbau Guggenbüel in Illnau (16. Mai 2026)
Heute:
2. Teil: Die Vorbereitung der Sömmerung
Geplant:
3. Teil: Der Alpauftrieb und der Herdenschutz
4. Teil: Der Alpsommer
5. Teil: Der Alpabtrieb und die Geburt der Lämmer
6. Teil: Der Start der Winterweide
Da in der Landwirtschaft vieles von der Witterung und vom Klima abhängt, sind die Erscheinungsdaten der verschiedenen Beiträge noch nicht fixiert.
(zo)
Voraussichtlich am 18. oder 19. Juni werden Otto und Zähner ihre Tiere verladen und auf die Alp transportieren lassen. Eigentlich war der Start des Alpsommers früher geplant, die Eisheiligen jedoch brachten nochmals winterliche Verhältnisse auf die Alp Zanai.
Zurück zum Klauenstand. Rund zwei Minuten müssen die Schafe in ihrer ungewohnten Position ausharren. Dann werden sie wieder um 180 Grad gedreht, auf die Füsse gestellt und in ein Desinfektionsbad getrieben. Dort werden sie mit dem Guggenbüel-Logo gekennzeichnet, einer Art vierblättrigem Kleeblatt.
Das blaue Logo ist nicht die einzige Markierung auf den weissen Fellen: Da ist beispielsweise ein rotes «U», das die Tiere zeigt, die noch keine Impfung gegen die Blauzungenkrankheit erhalten haben. Vor zwei Jahren hatten Zähner und Otto durch die heimtückische Virusinfektion rund 20 Prozent ihrer Tiere verloren.
«Es ist wie bei den Menschen», blickt Zähner auf die schwierige Zeit zurück. «Es starben vor allem Tiere aus den Risikogruppen: Schafe, die gerade gelammt hatten, oder solche, die hochträchtig waren.» Seither steht ausser Frage, dass die beiden Landwirte ihre Tiere impfen. 12 Franken kostet die Dosis für ein Tier. Bei einer Herde von 400 Tieren, die auf die Alp fahren, geht das ins Geld.
Die Blauzungenkrankheit
Die Blauzungenkrankheit ist eine Viruserkrankung, die über Gnitzen (kleine Mücken) verbreitet wird. Alle Wiederkäuer sind empfänglich. Klinische Symptome treten meist nur bei Schafen und Rindern auf. Eines der möglichen Symptome ist eine bläuliche Verfärbung im Maulbereich und an der Zunge. Daher kommt auch der Name Blauzungenkrankheit oder Bluetongue.
Folgende Symptome können auftreten:
Fieber
Entzündungen der Schleimhäute mit schaumigem Speichelfluss
Nasenausfluss
Atembeschwerden
Schluckbeschwerden
Ödeme im Kopfbereich und an den Extremitäten
Lahmheit
Fehlgeburten
Die Sterblichkeit kann sehr hoch sein. Bei Rindern verläuft die Krankheit oft milder. Eine Impfung ist nach heutigem Stand die beste Möglichkeit, um Verlusten vorzubeugen. Je nach Serotyp der Krankheit schützen die Impfstoffe die Tiere nicht vor einer Infektion, können aber zu milderen Krankheitsverläufen führen und die Sterblichkeit verringern.
Für Menschen ist der Erreger ungefährlich. Fleisch und Milchprodukte können ohne Bedenken konsumiert werden. (zo)
Auf dem unteren Rücken der Auen, der weiblichen Schafe, ist ausserdem noch ein farbiger Punkt aufgemalt. Er zeigt an, dass die Tiere bereits gedeckt worden sind. Die Farbe wird während der Deckzeit alle zwei Wochen gewechselt. So können Zähner und Otto bei jedem Tier ziemlich genau planen, wann es ablammen wird.
Ein farbiger Punkt, ein blaues Logo, ein rotes «U», dazu sind bei einzelnen Schafen noch ältere Markierungen erkennbar. «Es gibt Kollegen, die spotten, wir hätten Zirkusschafe», sagt Bruno Zähner mit einem Lachen. «Aber wir arbeiten gerne mit Farben, weil es sehr praktisch ist», ergänzt Sabrina Otto.
Während die Tiere im Desinfektionsbad stehen, liest sie die Daten der Tiere mit einem Scanner ein. Die Daten werden anschliessend in die Tierverkehrsdatenbank übermittelt.
Jedes Tier, das den Hof verlässt, muss in dieser Datenbank erfasst werden. Das erinnert entfernt an das Contact Tracing während der Covid-Zeit 2020 und 2021. Falls es zum Ausbruch einer Tierseuche kommt, kann das Veterinäramt auf diese Weise die Ansteckungskette zurückverfolgen.

«Das Erfassen der Tieridentifikationsnummer ist auch für uns von Vorteil. Es ermöglicht uns ein einwandfreies Herdenmanagement. Wir wissen immer, wo welches Tier ist», erklärt Sabrina Otto.
Und dann kommt noch ein letzter Schritt in der Vorbereitung für den Sommer in den Bergen: Alle Schafe erhalten eine Glocke. Sie dient dazu, dass das Hirtenteam auf der Alp die Tiere auch im Nebel findet. Bruno Zähner: «Denn der Wolf wartet nur darauf, bis ein Tier nachts nicht im Pferch ist.»