Diese Firma aus Uster übernimmt die Gemeindefinanzen, wenn Personal fehlt
Gemeindetreuhand
Das Verwaltungsgericht erlaubt Gemeinden, ihre Buchhaltung auszulagern. Für die Springermarkt.ch AG aus Uster ist das ein wichtiger Entscheid – und auch für die Gemeinde Fischenthal.
Wenn ein Geschäftseigentümer Mühe hat, die Buchhaltung zu erledigen, lagert er diese Aufgabe oft an einen Treuhänder aus. Dieser sorgt dann beispielsweise dafür, dass sämtliche Rechnungen bezahlt werden und alle nötigen Belege verbucht sind.
Die Gemeinde Fischenthal wollte für sich eine ähnliche Lösung finden. 2023 beschloss der Gemeinderat, die Gemeindefinanzen an eine spezialisierte Firma auszulagern.
Doch dann kam die grosse Überraschung. Der Bezirksrat Hinwil schritt ein und verbot eine Auslagerung. Er begründete dies damit, dass es sich bei der Finanzverwaltung um eine hoheitliche Aufgabe der Gemeinde handle, die nicht an Dritte übertragen werden dürfe.
Auch der Regierungsrat stützte die Haltung des Bezirksrats, bevor kürzlich das Verwaltungsgericht entschied: Gemeinden dürfen ihre Finanzen in fremde Hände geben. Denn die Führung der Buchhaltung ist in den Augen des Gerichts lediglich eine Hilfstätigkeit. Hoheitliche Aufgaben werden damit nicht übertragen.
Zu viel Macht bei Privaten?
Das Urteil, das in der Zwischenzeit rechtskräftig ist, hat nicht nur den Fischenthaler Gemeinderat gefreut, sondern auch Stefan Wyss. Der Oberländer ist Gründer und CEO der Springermarkt.ch AG mit Sitz in Uster. Seine Firma vermittelt nicht nur Springer für vakante Stellen auf Gemeindeverwaltungen, sondern bietet auch die sogenannte Gemeindetreuhand an. Das heisst, die Springermarkt.ch AG übernimmt die Buchhaltung einer Gemeinde.
Die Idee ist 2018 aus der Not entstanden. «Vor allem kleinere Gemeinden haben Mühe, neues Personal zu rekrutieren», sagt Wyss. Mit der Abtretung der Buchhaltung an eine externe Firma wie die Springermarkt.ch AG könne die Verwaltung entlastet werden.
Das Unternehmen bietet diese Dienstleistung für insgesamt 25 Gemeinden an, darunter Brütten und Hüntwangen – und die Firma hätte dies vor zwei Jahren auch für die Gemeinde Fischenthal übernehmen sollen.
Stefan Wyss war überrascht, dass der Bezirksrat Hinwil dies verhindern wollte. «Andere Bezirksräte im Kanton Zürich haben unsere Dienstleistung sogar für Gemeinden empfohlen, wenn diese ihre Aufgaben nicht mehr erfüllen konnten.»
Wyss vermutet: «Ich glaube, der Bezirksrat Hinwil wollte eine interkommunale Lösung.» Das heisst, andere Gemeinden könnten die Aufgaben der Finanzverwaltung Fischenthal übernehmen. «Unserer Meinung nach geht aber dieser Plan nicht auf, da andere Gemeinden ja auch die Probleme des Fachkräftemangels spüren», sagt Wyss.
Ansprechpersonen bleiben vor Ort
Die Gemeindetreuhand sei da eine etablierte Dienstleistung. «Wir haben keine Finanz- und Entscheidungskompetenzen», betont er. Für die Verabschiedung des Budgets und andere politische Entscheide sei weiterhin der Gemeinderat zuständig. Jede Zahlung muss von der verantwortlichen Person in der Verwaltung visiert sein.
Die Gemeindeangestellten sind auch weiterhin die Ansprechpersonen für die Bevölkerung. «Und wenn es doch mal Fragen für uns gibt, werden diese weitergeleitet und beantwortet», verspricht Wyss. Bei den Rechnungs- und Budgetgemeindeversammlungen sei zudem ein Vertreter der Firma anwesend, um mögliche Fragen zu beantworten.
Das Steueramt bleibt dabei von der Gemeindetreuhand unberührt. Dies ist und bleibt eine hoheitliche Aufgabe, die nur die Gemeinden selber machen dürfen.
«Gmeindler» von der Pike auf
Die Aufgaben der Springermarkt.ch AG sind denn auch vertraglich genau geregelt. Und Stefan Wyss stellt klar: «Wir sind nicht besser als Gemeindeangestellte, die die Buchhaltung führen.»
Der Vorteil liegt in seinen Augen bei der Effizienz. «Wenn in einer kleinen Verwaltung Leute ausfallen, dann bleibt die Arbeit liegen.» Sein Unternehmen verfüge über ein grösseres Team und könne Stellvertretungen einfacher regeln. «Mit vielen Leuten haben wir auch ein grosses internes Know-how.»
Das können im Vergleich nur grössere Gemeinden gleich abdecken. Zudem sei klar geregelt, welche Aufgaben von Fachleuten übernommen würden, welche von kaufmännischen Angestellten. «In einer kleinen Verwaltung muss teilweise auch der Leiter oder die Leiterin Finanzen Kleinigkeiten erledigen.»
Stefan Wyss weiss, wovon er spricht. Er selber bezeichnet sich als «Gmeindler» von der Pike auf. So absolvierte er eine Lehre bei der Gemeinde Wetzikon und arbeitete später als Leiter Finanzen auf mehreren Verwaltungen, unter anderem in Uster und Weisslingen.
«Wir brauchen gute und starke Gemeinden», sagt er. Für den Unternehmer ist klar: Nicht jede Gemeindeaufgabe gehört in private Hände. «Die Gemeinden müssen aber auch dafür sorgen, dass sie als Arbeitgeber attraktiv bleiben.»
Fischenthal entscheidet im Juni
Doch in den vergangenen Jahren zeigte sich mehr und mehr, dass dies nicht immer der Fall ist. Viele Gemeinden kämpfen händeringend darum, genügend Fachkräfte zu rekrutieren. Und auch hier kommt ein Geschäftszweig der Firma zum Tragen: die Vermittlung von Springern.
Das sind Angestellte, die auf Mandatsbasis kurz- oder längerfristig in einer Gemeindeverwaltung aushelfen. Im Unterschied zur Gemeindetreuhand arbeiten die Angestellten der Springermarkt.ch AG dann vor Ort in der Verwaltung. Das ist derzeit auch noch in Fischenthal der Fall, der Gemeinde, die die Finanzen gerne auslagern möchte.
Nach dem Urteil des Verwaltungsgerichts will der Gemeinderat nochmals das Angebot prüfen und im Juni 2026 die Auslagerung der Finanzen vor die Gemeindeversammlung bringen. Noch ist also nicht klar, ob die Firma von Stefan Wyss tatsächlich die Fischenthaler Buchhaltung übernehmen darf.