Geisser-Brüder holen in nur zehn Monaten den ersten Michelin-Stern
Erfolgsgeschichte sondergleichen
Die Geisser-Brüder haben allen Grund, die Korken knallen zu lassen. Im Januar eröffneten die Oberländer ihr erstes Restaurant, jetzt wurden sie gleich mehrfach für ihre Leistungen ausgezeichnet.
Zwei Oberländer im Höhenflug. Die Brüder David und Benjamin Geisser erhielten mit ihrem Restaurant Soleil d’Or in St. Gallen gleich mehrere Auszeichnungen. Besser hätte es seit der Eröffnung im Januar kaum laufen können.

Erst wurde dem Duo die Auszeichnung «Eröffnung des Jahres» von Falstaff zugeschrieben. Vor wenigen Tagen kam nun auch der erste Michelin-Stern dazu. Der erst 26-jährige Chefkoch Benjamin durfte bei der Verleihung der Michelin Awards 2025 zugleich den Young Chef Award entgegennehmen.


«Ich kann es immer noch nicht realisieren, das ist einfach ein unbeschreibliches Gefühl», sagt Benjamin wenige Tage nach der Preisverleihung. Auch bei seinem Bruder ist die Freude kaum zu überhören: «Wir sind überwältigt, dass wir nach so einer kurzen Zeit direkt einen Stern erhalten haben. Andere benötigen dafür Jahre.» Besonders stolz macht ihn, dass Benjamin für seine Leistungen gleich zweimal ausgezeichnet wurde.
Ein Leben für die Haute Cuisine
Die Geisser-Brüder haben sich schon vor Jahren vollumfänglich der Kulinarik verschrieben. In Wetzikon aufgewachsen, erkundeten sie von dort aus die Welt der Gastronomie. Benjamin absolvierte seine Lehre im renommierten The Dolder Grand. Nach dem Militärdienst verschlug es ihn zuletzt nach Sylt ins 2-Sterne-Restaurant des Söl’ring Hofs. Heute lebt er in St. Gallen.
Zwischenzeitlich kochte Benjamin zudem im Kochstudio in Wermatswil bei seinem grossen Bruder David, der auch als TV-Koch bekannt ist. Davids Karriere startete im «il Casale» in seiner Heimatstadt Wetzikon. Später bekochte er als Schweizer Gardist gar den Papst. Mittlerweile ist er nach Russikon gezogen. In St. Gallen bot sich dann die Gelegenheit, dass David und Benjamin mit ihrem ersten gemeinsamen Restaurant ihren grossen Traum verwirklichen konnten.

Einen Stern nach so kurzer Zeit zu ergattern, ist für sie alles andere als selbstverständlich. «Wir hatten Glück, dass ein Testesser so kurz nach der Eröffnung vorbeikam und uns bewertete», erklärt David. «Die Medienpräsenz im Vorfeld hat uns dabei sicher in die Karten gespielt.» Den Erfolg sprechen sie aber auch ihrem Team zu. «Es braucht unglaublich Disziplin, jeden Tag abzuliefern.»
Wem gehört der Stern?
Letztlich waren es Gerichte mit Namen wie «Rapunzel», «Die kleine Meerjungfrau» und «Hans im Glück», welche die Testesser vor Ort bestellten. Die Menüs waren zu diesem Zeitpunkt auf das Thema Märchen ausgelegt. Alle paar Monate wechseln die Geissers das Motto und somit die Speisekarte komplett aus. Aktuell ist das Thema Höhenmeter an der Reihe. Jedes Gericht besteht aus Zutaten, die sich auf demselben Höhenmeter in der Schweiz wiederfinden.
Das Schwierigste sei es, immer wieder ein neues, passendes Thema zu suchen. «Sobald aber ein roter Faden ersichtlich ist, fällt uns das Konzipieren der Gerichte nicht mehr schwer», sagt Küchenchef Benjamin. Bei dieser Arbeit hilft jeweils das Küchenteam mit.
Wem also darf man den Michelin-Stern anrechnen – David, Benjamin oder dem Team? «Benjamin hat den Preis erkocht, diese Auszeichnung hat er klar verdient», hebt der 35-jährige David hervor. Selbstverständlich brauche es auch das Team. Das sei unverzichtbar. «Auf der anderen Seite werden die Sterne auch meinem Patronat angerechnet.»
Sterneküche mit Potenzial
Auf den Lorbeeren ausruhen wollen sich die Geisser-Brüder keinesfalls. «Verbesserungspotenzial haben wir noch in allen Bereichen – zum Beispiel beim feineren, detaillierteren Abschmecken», gibt Benjamin preis. Sein Bruder ergänzt: «Wir stehen noch am Anfang, deshalb werden wir uns sicher noch weiterentwickeln. Von Menü zu Menü.»
Wie aus der Bewertung der Testesser von Gault Millau hervorgeht, fehlte es den getesteten Gerichten noch an einer unverwechselbaren Handschrift. Das sei nach so kurzer Zeit aber keine Überraschung. David relativiert die Kritik: «Selbstverständlich hat Benjamin eine Handschrift.» Wegen der wechselnden Themen gebe es aber Gerichte aus diversen Stilrichtungen. «Die Gäste sollen alle paar Monate kulinarisch etwas Neues erleben können.»
Ob sie vielleicht mal mit einem zweiten Michelin-Stern ausgezeichnet werden, steht noch in den Sternen geschrieben. Den Fokus legen die Geisser-Brüder vorerst darauf, Freude an der Arbeit zu haben und die Gerichte zu perfektionieren.
Ausserdem werden sie im Idealfall bald weitere Gourmet-Restaurants in der Region Zürich eröffnen. Dafür komme auch das Oberland infrage. Spruchreif sei dies jedoch noch nicht.
