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90’000 Nachfolger gesucht

KMU in der Nachfolgefalle – Tausende Arbeitsplätze gefährdet

Nachfolge finden oder untergehen. Das ist die Frage für zehntausende KMU. Eine Herausforderung, aufgezeigt an den Beispielen zweier Mikrofirmen in Wetzikon und Uster.

Otto Herter (rechts) hat einen Nachfolger für seine Metallbaufirma in Wetzikon gefunden: Erbay Altindag arbeitet seit 2019 in der Firma und übernimmt sie per 1. Juli.

Foto: Sandro Compagno

KMU in der Nachfolgefalle – Tausende Arbeitsplätze gefährdet

90’000 Nachfolger gesucht

90’000 KMU in der Schweiz stehen vor einer Nachfolgeregelung. Einen geeigneten neuen Besitzer zu finden, ist schwierig, aber nicht unmöglich. Zwei aktuelle Beispiele aus dem Oberland.

99 Prozent aller Unternehmen in der Schweiz zählen zur Kategorie KMU und beschäftigen definitionsgemäss maximal 249 Mitarbeitende. Diese 99 Prozent der Unternehmen stellen laut Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) zwei Drittel aller Arbeitsplätze. Kein Wunder, werden sie oft als Rückgrat der Schweizer Wirtschaft bezeichnet, als Treiber der Innovation und Garanten von regionaler Wertschöpfung.

Doch viele dieser kleinen und mittleren Unternehmen stehen vor existenziellen Herausforderungen. Mehr als 90’000 KMU benötigen in den nächsten fünf Jahren eine Nachfolgeregelung, das ist jedes siebte von 662’000 analysierten Unternehmen mit insgesamt mindestens 500’000 Arbeitsplätzen. Die Zahlen stammen vom Beratungsunternehmen Dun & Bradstreet, das sich seit 2013 mit dem Thema Nachfolge beschäftigt und jedes Jahr eine Studie dazu veröffentlicht.

Gründe für die stockende Nachfolge

Die Gründe für die Schwierigkeiten, eine Nachfolge zu finden, sind vielfältig: Oft wird die Nachfolgeregelung von den Unternehmerinnen oder Unternehmern selbst hinausgeschoben – sei es aus emotionalen Gründen, aus Zeitmangel oder aus Unsicherheit über die geeignete Vorgehensweise. Oder es mangelt an geeigneten Interessenten. Gerade die klassische familieninterne Nachfolge verliert an Bedeutung.

Ein Grund können auch finanzielle Hürden sein. Die Bewertung von KMU ist oft schwierig. Wenn dann noch Immobilien im Spiel sind, wird es für potenzielle Nachfolger schnell unerschwinglich. Und nicht zuletzt fällt die Trennung vom Lebenswerk vielen Inhaberinnen und Gründern schwer.

Grundsätzlich werden drei Arten von Nachfolgeregelungen für Unternehmen unterschieden, die sich grob in familieninterne, unternehmensinterne und externe Nachfolgen einteilen lassen. Innerhalb dieser Kategorien gibt es weitere Modelle, wie den Verkauf an Mitarbeiter (Management-Buy-out), den Verkauf an externe Manager (Management-Buy-in), den Verkauf an ein anderes Unternehmen oder die Übernahme durch eine Stiftung.

Familieninterne Nachfolge


Der Königsweg der Nachfolgeregelungen findet sich innerhalb der Familie: wie kürzlich bei der Übergabe der Schaub Maler AG mit Sitz in Wetzikon von Vater Theo an Tochter Fabienne Schaub oder beim Generationenwechsel beim Meierbeck in Bettswil, wo Vater Theo für Tochter Ursina Meier Platz machte.

Management-Buy-out

Eine häufige Lösung ist das Management-Buy-out. Damit ist die Übernahme durch leitende Mitarbeiter gemeint. Auch hier gibt es ein aktuelles Beispiel aus der Region: Die Brüder Rolf und Gusti Schleh sind daran, ihr bald 100-jähriges Sanitärgeschäft in Wetzikon an den langjährigen leitenden Mitarbeiter Dave Hirzel zu verkaufen.

Externe Übernahme

Diese dritte Möglichkeit kommt zum Zug, wenn sich keine interne Nachfolge finden lässt. Eine weitere Möglichkeit ist die Übernahme durch ein anderes Unternehmen. Um auch hier ein regionales Beispiel zu nennen: Im Frühjahr 2024 verkaufte Barbara Wetter ihr Familienunternehmen Wetter Gebäudetechnik AG in Wetzikon an die Klinova AG in Zürich. (sco)

Doch ohne geregelte Nachfolge droht die Liquidation des Unternehmens; damit verbunden ist der Verlust von Know-how, von Arbeitsplätzen und Steuersubstrat. Die grössten Schwierigkeiten, eine geeignete Nachfolge zu finden, haben laut Dun & Bradstreet Kleinst- und Kleinunternehmen, also Firmen mit maximal neun Mitarbeitenden.

Dies zeigen zwei unterschiedliche Beispiele solcher Mikrounternehmen aus dem Oberland.

Lutz + Herter AG, Wetzikon: Nachfolge geregelt

Die Lutz + Herter AG war 1993 bereits im Rahmen einer Nachfolgeregelung entstanden: Firmengründer Werner Lutz näherte sich dem Pensionsalter und verkaufte seine Metallbaufirma in Wetzikon an Otto Herter. Dieser arbeitete damals in einer Metallbaufirma in Dietlikon, wollte sich aber selbständig machen.

Der neue Besitzer wandelte das Einzelunternehmen in eine AG um. Den Namen des Gründers liess er bewusst stehen: «Die Firma hatte in und um Wetzikon einen sehr guten Namen. Und mich kannte damals niemand hier.»

Heute zählen Brandschutztüren, Balkone, Geländer und Vordächer zum Angebot, die Kunden sind Privatpersonen, aber auch die öffentliche Hand.

Lange Zeit führte Otto Herter seine kleine Firma mit zwei Angestellten und einem Lernenden. Wachstum war kein Ziel: «Ich wollte genug Geld verdienen, um zu leben und um anständige Löhne zu zahlen.» Einer seiner Söhne, erzählt er lachend, habe ihm schon vorgeworfen, dass er deshalb kein richtiger Unternehmer sei: «Wahrscheinlich hat er sogar recht.»

Von den vier erwachsenen Kindern Otto Herters hatte niemand Interesse am väterlichen KMU. Und trotzdem fand der mittlerweile 64-Jährige eine naheliegende Lösung: Erbay Altindag (32) wird die Firma übernehmen. Der in Jona aufgewachsene Metallbauer EFZ arbeitet seit 2019 im Betrieb an der Usterstrasse.

Zwei Männer stehen in einer Schlosserwerkstatt und messen eine Metallkonstruktion aus.
«Wenn man einen Nachfolger sucht, darf man nicht gierig sein»: Otto Herter (rechts) und Erbay Altindag in der Werkstatt an der Usterstrasse in Wetzikon.

Es sei kein einfacher Entscheid gewesen, die Firma seines Patrons zu übernehmen, sagt Altindag: «Ich habe grossen Respekt vor der Aufgabe. Ich habe lange mit mir gerungen und das Vorhaben auch ausgiebig mit meiner Frau besprochen. Ich werde mir in der ersten Zeit sicher nur einen sehr kleinen Lohn auszahlen können, da ist es wichtig, dass sie mitzieht.»

Am 1. Juli soll die Übergabe vollzogen sein. Bereits seit einiger Zeit werden wichtige Entscheidungen gemeinsam gefällt, auch bei Offerten bezieht Herter seinen (Noch-)Angestellten mit ein. Und geplant ist, dass er seinen Nachfolger in der ersten Zeit nach der Übergabe weiter mit Rat und Tat unterstützt.

Herters Motto beim Thema Kaufpreis: «Wenn man einen Nachfolger sucht, darf man nicht gierig sein.» Immerhin scheint der Preis für beide zu stimmen: «Erbay hat eine gute Chance, und ich habe ein gutes Gefühl.»

Den Firmennamen Lutz + Herter AG übrigens wird Erbay Altindag beibehalten.

Schreinerei Tschanz, Uster: Zukunft unklar

Wie Metallbauer Otto Herter hat auch Kurt Tschanz seinen 64. Geburtstag hinter sich, und wie bei Otto Herter ist keines seiner erwachsenen Kinder interessiert, die Einzelunternehmung weiterzuführen. Im Februar 2026 geht der Ustermer Schreiner in Rente. Seine kleine Werkstatt in Uster West räumt er bereits Ende Jahr.

Kurt Tschanz tut dies nicht freiwillig. Er ist bei der Büchi AG eingemietet. Das Industrieunternehmen produziert Reaktorsysteme und Pilotanlagen für die chemische und pharmazeutische Industrie sowie für Forschungseinrichtungen und braucht dringend mehr Platz.

Dieser Umstand erschwert für den Schreiner die Suche nach einem Nachfolger. Denn er hat zwar einen treuen und umfangreichen Kundenstamm, ein Lager und Maschinen, die er einem potenziellen Käufer überlassen kann, aber eine Werkstatt kann er nicht bieten.

Und Tschanz hat einen Fehler gemacht, der vielen Unternehmern unterläuft: Er setzt sich erst seit Kurzem mit dem Thema Nachfolge auseinander. Vor gut einem Jahr habe er begonnen, die Situation im Kreise seiner Freunde, Bekannten und Kunden zu erwähnen, erklärt der Schreiner. Seit Anfang Jahr schaltet er Anzeigen auf einschlägigen Nachfolgeportalen.

Die Resultate sind ernüchternd. «Manchmal melden sich Leute, bei denen mir nicht einmal klar ist, was sie wollen. Einmal hat sich ein Schreiner aus dem Emmental gemeldet, einmal aus Laufenburg und sogar aus dem süddeutschen Raum», erzählt Kurt Tschanz und schüttelt den Kopf: «Aber man kann nicht von dort nach Uster pendeln. Wenn du erfolgreich sein willst, dann musst du arbeiten, wo du lebst, und leben, wo du arbeitest. Nur so kommst du an Aufträge.»

Vor einigen Monaten schien sich doch noch ein Happy End abzuzeichnen. Ein junger Schreiner aus der Region zeigte Interesse an der Firma. «Aber seine Frau erwartet gegen Ende Jahr ihr zweites Kind, und er fand, es sei jetzt doch nicht der richtige Zeitpunkt, sich selbständig zu machen. Ich bin also zurück auf Feld eins», erzählt der 64-Jährige enttäuscht.

Wie Metallbauer Herter arbeitet Tschanz sowohl für Privatkunden als auch für die öffentliche Hand. So hat er bis heute in der Sekundarschule von Egg ein Mandat, das ihm viel Freude bereitet. Vor zehn Jahren hatte die Schulleitung das «Arbeiten mit Lernlandschaften» eingeführt und drei Klassenzimmer in einen grossen Raum für stille Arbeiten umgebaut.

Schreiner Tschanz, damals nebenamtlich als Werklehrer an der Schule tätig, designte und konstruierte für diese Lernlandschaft verschiedenfarbige Pulte, die von den Schülerinnen und Schülern im Rahmen von Projektwochen aus Einzelteilen zusammengebaut wurden.

Am Ende der drei Schuljahre werden die Pulte demontiert, gereinigt, repariert und geschliffen. Und der neue Jahrgang baut sie dann, frisch geölt, wieder zusammen. Diese Renovationsarbeiten organisiert und betreut Kurt Tschanz jedes Jahr.

Ein Schreiner steht in seiner Werkstatt und hält farbige Holzlatten in seinen Händen.
Kurt Tschanz mit Materialmustern der Pulte für die Oberstufe in Egg. Der 64-Jährige sucht bislang vergeblich nach einem Nachfolger.

Der Beruf des Schreiners fasziniert ihn bis heute: «Im Gespräch mit dem Kunden oder der Kundin die beste Lösung zu finden, selbst zu bauen und dann zu montieren, bereitet mir auch nach 40 Jahren immer noch viel Freude. In einem Grossbetrieb ist man ein Rädli; hier aber bin ich es, der die Arbeit von A bis Z macht – und auch unmittelbar mitbekommt, ob sie gelungen ist. Das ist eine grosse Befriedigung.»

Noch bleiben dem Schreiner mit Leib und Seele sechs Monate, um eine Lösung für seine Einzelfirma zu finden. Seine Idealvorstellung: Ein Schreiner übernimmt das Inventar und den Kundenstamm. Tschanz unterstützt ihn beim Einrichten der Werkstatt und begleitet ihn noch ein oder zwei Jahre, um ihn bei der Kundschaft einzuführen: «Denn im Lauf der Jahre sind viele meiner Kunden zu Freunden geworden.»

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