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Mental-Load-Serie

Stille kracht: Wenn an Weihnachten die Fetzen fliegen

Eine Psychologin verrät, wie sich das Weihnachtsfest im Kreis der Familie entspannt und friedlich geniessen lässt.

In der stressigen Weihnachtszeit werden Beziehungen werden auf die Zerreissprobe gestellt.

Foto: Unsplash

Stille kracht: Wenn an Weihnachten die Fetzen fliegen

Mental-Load-Serie

Das perfekte Fest soll es werden – doch statt in besinnlicher Stimmung zu schwelgen, geraten die Gäste aneinander. Eine Psychologin gibt Tipps, wenn die Emotionen mit dem Fleischfondue um die Wette brodeln.

Das «Fest der Feste» steht bevor. Der Countdown läuft – zwischen Geschäftsweihnachtsessen, Schulaufführung und Nachbarschaftsadventsfenstern noch schnell die letzten Einkäufe erledigen. Neben Arbeit und Haushalt Geschenke einpacken, Guetsli backen und das Fünf-Gänge-Menü planen.

Unsere Serie über Mental Load beleuchtet das Thema, das viele beschäftigt, aus diversen Blickwinkeln. Regionale Expertinnen und Experten geben Tipps, wie man der mentalen Belastung gegensteuern kann.

Bisher erschienen:
«Nein zu sagen hat nichts mit Egoismus zu tun» mit Paar- und Familienberaterin Nadine Sonderegger aus Wetzikon

«Viele Menschen haben gegen Ende der Adventszeit schon einen regelrechten Stressmarathon hinter sich», erklärt Raphaela Hügli. Die Psychologin berät in Wetzikon Paare und Familien und arbeitete viele Jahre im Präventionsbereich. Sie kennt das Phänomen, dass es am Weihnachtsfest häufiger zu Streitigkeiten innerhalb der Familie kommt.

Man sieht die Psychologin Raphaela Hügli.
«So verschieden die Familien sind, so unterschiedlich sind auch die Vorlieben und Wünsche, Weihnachten zu feiern», weiss Raphaela Hügli.

Sind wir gestresst, wirkt sich das auf unsere Stimmung aus: «Wir sind gereizter, und unsere Empathiefähigkeit nimmt deutlich ab.» Beziehungen werden auf die Zerreissprobe gestellt. Ein weiterer Faktor ist gemäss Hügli die hohe Erwartungshaltung: «Die Festtage sollen etwas Besonderes sein – entsprechend hoch wird die Messlatte angesetzt.»

Aus psychologischer Sicht rät sie deshalb, Stress schon in der Adventszeit möglichst zu vermeiden. Und liefert gleich einige Praxistipps mit. «Für viele ist Wichteln eine entspanntere Möglichkeit des Schenkens. Statt für jeden das passende Geschenk zu suchen, braucht man auf diese Weise nur für die zugeloste Person ein Präsent zu finden.»

Auch für die teils aufwendige Organisation des Festessens kennt sie eine Lösung: «Delegieren und Arbeiten aufteilen – während einer der Gäste für den Apéro besorgt ist, bringt ein weiterer Gast das Dessert mit.» Es muss auch nicht immer ein Siebengänger sein. «Fondue, Raclette, Tischgrill oder ein Braten aus dem Ofen lässt sich gut vorbereiten», sagt Raphaela Hügli, «so kann sich der Gastgeber entspannt mit den Gästen an den Tisch setzen, und alle können das Essen gemeinsam geniessen.»

Wenn sich die Geschenke auftürmen

Von einer «Geschenke-Schlacht» rät die Psychologin grundsätzlich ab: «Am Weihnachtsfest sollte das Besinnliche im Vordergrund stehen.» Wer den Fokus darauf lege, gemeinsam mit den Liebsten eine schöne Zeit zu verbringen, habe schon gewonnen. Selbstredend würden in vielen Familien Geschenke dazugehören. «Gerade kleinere Kinder sind mit Päckli-Bergen aber oft hoffnungslos überfordert», weiss die dreifache Mutter aus eigener Erfahrung. Geschenke dosiert abzugeben, könne helfen.

«In einer Partnerschaft ist das Weihnachtsfest ein schöner Moment, sich zu überlegen, was meiner Partnerin oder meinem Partner wichtig ist. Es gibt Menschen, die sich über ein physisches Geschenk freuen, während andere etwa einen Gutschein für gemeinsame Zeit viel mehr zu schätzen wissen.» Im Vorfeld über die individuellen Erwartungshaltungen zu sprechen, könne vor möglichen Enttäuschungen schützen. «Das lässt sich bereits einige Monate vor dem Fest auf spielerische Weise herausfinden. Es gibt Kartenspiele mit Fragen und Antworten für Paare, da kann auch die Thematik des Schenkens eingebunden werden.»

Der Umgang mit den «lieben Verwandten»

Doch auch mit der besten Vorbereitung lassen sich Streitereien unter dem Weihnachtsbaum nicht immer ganz vermeiden. Gerade in der erweiterten Familie kennt sie jeder – die unangenehmen Situationen, wenn die Schwiegermutter einmal mehr vor allen fragt, warum sie noch keine Enkelkinder hat. Oder der Onkel spitzfindige Bemerkungen über die lockere Arbeitsmoral des Neffen macht.

Man sieht eine schlecht gelaunte Weihnachtskugel und vier fröhliche.
An Weihnachten kann die negative Stimmung einer Person schon ausreichen, um einen Streit auszulösen.

«Häufig passieren solche Situationen, wenn wir absolut nicht damit rechnen», so Hügli, «wir reagieren dann aus dem Gefühl heraus und werden emotional.» Sich mental auf solche Situationen vorzubereiten, könne helfen. Wer sich im Vorfeld schon mögliche Antworten überlege, werde in solchen Fällen weniger überrumpelt und reagiere gelassener.

Vielleicht mache es auch Sinn, vorgängig mit dem «schwierigen» Familienmitglied das Gespräch zu suchen und klarzustellen, dass über gewisse Themen keine Diskussion gewünscht werde. «Wie ich mein Leben gestalte, ist meine Sache, und ich möchte das nicht an Weihnachten vor allen besprechen», könnte eine klare Aussage lauten.

Wunder sollten gemäss Raphaela Hügli aber auch an Weihnachten nicht erwartet werden: «Kommt es doch zu einem Streit und kippt die Stimmung, hilft manchmal nur noch ein Time-out.» Gemeint ist damit, einen Orts- und Themenwechsel vorzuschlagen: «Gehen wir doch alle schnell raus und drehen eine Runde ums Haus.»

Das würde die Dynamik eines aufkommenden Streits durchbrechen. Nach dem Weihnachtsfest sollte der Vorfall zwischen den Beteiligten nachbesprochen werden: «Aus einer gewissen Distanz das Problem aufzugreifen und zu analysieren, ist enorm wichtig für alle Parteien.» Das könne auch eine präventive Wirkung für die nächste Feier haben.

Kommunikation ist das Zauberwort

Was den Zeitpunkt und die Dauer einer Weihnachtsfeier betrifft, sollte immer auf die «schwächsten Mitglieder» Rücksicht genommen werden, etwa auf ältere Personen oder kleine Kinder. «Das 95-jährige Urgrosi mag vielleicht nicht erst um acht Uhr essen und stundenlang sitzen bleiben.»

Man sieht einen Baum aus Holz mit Tipps, um Stress zu vermeiden.
Diese fünf Tipps von Psychologin Raphaela Hügli helfen kurzfristig, die Festtage entspannter anzugehen. Für Weihnachten 2024 werden idealerweise schon im Sommer erste Gespräche geführt.

Grundsätzlich könne es in vielen Familien helfen, frühzeitig die verschiedenen Erwartungshaltungen abzufragen und auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Was ist den Gästen wichtig, was den Gastgebern? «Oft denken wir für die anderen, meinen zu wissen, was sie erwarten.» So hätten viele Menschen eigentlich gar nicht so hohe Erwartungen, wie wir annähmen. Perfektionismus ist passé – die Psychologin plädiert für mehr Gelassenheit und Humor.

«Wir sollten das Weihnachtsfest durch Kinderaugen betrachten», resümiert Raphaela Hügli, «Kindern ist es egal, ob die Servietten zur Tischdekoration passen – Hauptsache, sie haben eine lustige und entspannte Zeit.» Sie ergänzt lachend: «Sind es nicht die kleinen Pannen, die uns Jahre später mit einem Lachen an die Weihnachtsfeiern mit der Familie zurückerinnern lassen?»

Dieser Artikel ist im Dezember 2023 bereits einmal auf unserem Portal erschienen. Im Rahmen der Mental-Load-Serie veröffentlichen wir ihn nun erneut. 

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