Dieser Hinwiler rudert 3100 Kilometer durch den arktischen Ozean
Eine Weltpremiere
Roman Möckli bricht zu einem neuen Abenteuer auf: Der 31-Jährige überquert mit drei Freunden die Arktik – in einem Boot und mit reiner Muskelkraft.
Es ist Januar 2022, auf Antigua herrscht wunderbares Wetter, die Temperaturen stehen in einem krassen Gegensatz zum Schweizer Winter. Roman Möckli dürfte mit bestem Gewissen die Beine hochlagern. Eben ist er mit drei Freunden über den Atlantik gerudert, mehr als 5000 Kilometer von La Gomera in die Karibik – und das alles in 34 Tagen, 23 Stunden und 42 Minuten. Aber am ersten freien Morgen nach den Strapazen realisiert er: Das Nichtstun, so süss es auch sein mag, ist nichts für ihn.
Die Schweizer haben die Talisker Whisky Atlantic Challenge souverän für sich entschieden. So gross der Jubel, so gut das Gefühl: Möckli weiss bereits, dass er ein nächstes Projekt anpacken will.
Das Verlangen nach Herausforderungen treibt ihn an, die ihm nicht nur körperlich, sondern auch mental alles abverlangen. «Echtes Abenteuer beginnt dort, wo die Komfortzone endet», sagt der 31-Jährige. Der Satz taugt als Lebensmotto.
Los geht es in Spitzbergen
Viereinhalb Jahre später sitzt der Zürcher Oberländer daheim in Uster und erzählt von dem, was er mit drei Freunden vorhat: Ende Juni fliegen sie nach Longyearbyen auf Spitzbergen und werden, sobald es das Wetter zulässt, zu einer Reise aufbrechen, die es in dieser Form noch nie gegeben hat.
Das Quartett wird auf seinem Weg nach Nordschottland rund 3100 Kilometer durch arktische Gewässer zurücklegen – und dafür je nach Wetter 30 bis 50 Tage benötigen.
Der Reiz an der Geschichte: die Auseinandersetzung mit der rauen Natur, ungewissen Wetterbedingungen, Nebel, hoher Luftfeuchtigkeit und Eis. Ein Ziel der Expedition: Menschen inspirieren, mutig zu sein. Ein anderes: ein Zeichen für die fragilen Polarregionen setzen.
Seit der Atlantiküberquerung hat sich im Leben von Roman Möckli einiges getan. Der Maschinenbauingenieur, der inzwischen als Business Innovation Manager tätig ist, arbeitete zweieinhalb Jahre in Thailand, Malaysia, Holland und Deutschland.
Der Sport behielt stets einen hohen Stellenwert. Er bewältigte am Marathon des Sables in der marokkanischen Sahara 250 Kilometer zu Fuss in sechs Etappen, bestieg das Matterhorn und entdeckte die Faszination des Freitauchens.
In einem meditativen Zustand
Der Hinwiler lotet seine Grenzen aus und investiert viel, um sie zu verschieben. Das gelingt nicht allein mit Muskelkraft, sondern auch dank mentaler Stärke, die er sich zum Beispiel als Extremruderer angeeignet hat. Natürlich leidet er, aber er schafft es, in heiklen Phasen eine Aussensicht einzunehmen und die Strapazen mit Distanz zu betrachten.
«Auf dem Atlantik befand ich mich in einem meditativen Zustand und beschäftigte mich viel mit mentalen Belangen», sagt er und erzählt von einem Schlüsselmoment, den er als 20-Jähriger erlebte. Bei einem 100-Kilometer-Lauf geriet er in Nöte und begriff dort, was mentale Stärke bedeutet: dem Leiden im Moment nicht zu viel Gewicht zu geben, sondern den Blick auf das Grosse und Ganze zu richten.
Wenn Roman Möckli mehrere Wochen mit seinen drei Freunden Ben von Mitzlaff, Florian Ramp und Frederik Jacobs nonstop rudert, zehrt er – wie die anderen auch – von seiner reichhaltigen Erfahrung. Das wird ihm helfen, mit Unvorhergesehenem besser zurechtzukommen.
Gerade darum ist das, was auf ihn und seine Weggefährten zukommt, echtes Abenteuer. «Als wir über den Atlantik ruderten, lagen uns gewisse Erfahrungswerte von früheren Austragungen vor», sagt er. «Das, was wir nun vorhaben, hat noch niemand vor uns gemacht.»
Mit Macken klarkommen
Die vier Freunde haben sich intensiv vorbereitet und zusammen trainiert. Mehrere Wochenenden, vor allem in der kalten Jahreszeit, verbrachten sie rudernd auf dem Vierwaldstättersee oder auf dem Neuenburgersee. Um die Mission erfolgreich zu bestreiten, sind nicht nur starke Arme und Beine gefragt, sondern auch Eigenschaften eines jeden Einzelnen, die Voraussetzung für ein funktionierendes Teamgefüge sind.
Selbstreflexion ist ein Punkt. «Man muss sich bewusst sein, was man mit welchen Worten auslösen kann», so Möckli. Wichtig ist ausserdem die Toleranz: «Jeder muss mit den Macken des anderen klarkommen.» Und drittens: «Eine offene, transparente Kommunikation ist genauso entscheidend.»
Wie vor etwas mehr als vier Jahren wird er wieder eine Menge Hörbücher an Bord haben, die ihm so etwas wie geistige Nahrung liefern. Daneben wird das Boot mit Verpflegung für mehr als 60 Tage beladen. Pro Tag verbrennen die Sportler bis zu 8000 Kalorien.
Von grösster Bedeutung ist darum das Essen. Zum einen besteht es aus Astronautennahrung, die den Körper innerhalb von kurzer Zeit mit Kalorien, Proteinen und wertvollen Mikronährstoffen versorgt. Zum anderen sind Snacks dabei wie Schoggi – oder Gummibärli, von denen sich Roman Möckli pro Tag rund 200 Gramm gönnen wird. Übrigens: Mitgeführt wird gemäss Auflagen der norwegischen Behörden ein Gewehr – für den Fall, dass ein Eisbär auf die Idee käme, das Boot zu kapern …
Wenn er den ersten Ruderschlag gemacht hat und sich auf dem Gewässer befindet, taucht er ein in eine andere Welt. «Ich werde es geniessen», sagt er. Jeweils zwei Stunden rudert er mit einem Kollegen, danach hat das Duo Pause. Wobei nur ein Teil der Pause für die Erholung genutzt wird. Möckli etwa wird Navigationsaufgaben übernehmen und – wie alle anderen auch – putzen oder Essen zubereiten.
Den Mut haben, etwas zu wagen
Wie erwähnt, steckt hinter dem Abenteuer die Idee, Menschen zu inspirieren. Möckli betont: «Wir sind nicht etwas Besonderes, weil wir so lange rudern. Aber wir sind mutig, und genau das wünsche ich mir auch von anderen. Sie sollen den Mut haben, etwas zu wagen.»
Er hat einige Kollegen bereits animiert. Einer rollte auf Inlineskates durch die USA, ein anderer kündigte seinen Job und widmet sich seither dem Laufsport. Menschen sollen zudem durch das Projekt «Arctic Row» sensibilisiert werden, sich für den Schutz einer Region einzusetzen, die sich viermal schneller erwärmt als der Rest der Erde.
Möckli rechnet damit, dass der Schlafsack aufgrund der klimatischen Verhältnisse rasch feucht sein wird und danach nicht mehr trocknet. Das mag unangenehm sein, ist alles in allem aber eine kleine Nebensächlichkeit in einem grossen Abenteuer. Und es würde nicht überraschen, wenn auf hoher See die nächste Idee reifen würde.
