«Es war gnadenlos, bis zum Schluss»
Vor drei Jahren hatte Roman Möckli die Idee: Als Nicht-Ruderer wollte er über den Atlantik rudern. Der Hinwiler fand schnell drei Kollegen, mit denen er die Grenadier-RS absolviert hatte. Minutiös bereitete sich das Quartett vor und setzte um, was es vorgenommen hatte: In 34 Tagen, 23 Stunden und 42 Minuten waren die rund 5000 Kilometer zwischen La Gomera und Antigua zurückgelegt. Die Schweizer feierten einen überlegenen Sieg.
Ihre Prämie: je eine Luxusuhr. Ihr wahrer Lohn aber: «Ein unfassbares Erlebnis», sagt der 27-jährige Möckli. Sein Team Swiss Raw sammelte zudem Geld für das Kinderhilfswerk Kovive – noch ist der genaue Betrag offen.
Möckli, der kurz vor dem Wettkampf sein Maschinenbaustudium mit dem Master abschloss, ist zurück in seiner Zürcher Oberländer Heimat und blickt zurück auf das gewaltige Abenteuer.
5000 Kilometer über den Atlantik rudern – was macht das mit einem Menschen?
Roman Möckli: Sehr vieles, physisch wie psychisch gerät man an Grenzen. Von Tag zu Tag schwinden die Kräfte, aber der Wettkampf lässt eine ausreichende Regeneration nicht zu. Man verliert viel Körpergewicht. Bei mir waren es 12 Kilo, bei anderen mehr als 20. Wir hatten Nahrung für 55 Tage an Bord, aber einer der Kollegen hatte seine ganze Ration am 34. Tag aufgebraucht, und ich hatte auch nicht mehr viel. Das heisst: Wir haben sehr viel gegessen und trotzdem massiv abgenommen. Wir verbrannten also ordentlich Kalorien.
Und wie wirkte sich das Abenteuer auf die Psyche aus?
Während der ersten vier, fünf Tage war es ziemlich hart. Ich dachte: Können wir uns je an diese Monotonie gewöhnen? Auf der ganzen Reise haben wir genau ein Segelboot gesehen, ansonsten sahen wir nur Wasser und höchstens mal einen Wal oder Delfine.
Offensichtlich haben Sie der Monotonie erfolgreich getrotzt.
Ich verzichtete bewusst darauf, Zugang zum Internet zu haben. Im Nachhinein war das die beste Entscheidung. Es gab keine Ablenkung, ich nahm alles viel intensiver wahr. Relativ rasch kam ich in eine Art meditativen Zustand, ja, es hatte fast etwas Spirituelles. Ich schaute oft hinaus aufs weite Meer, in der Nacht sah ich in einen wunderbaren Sternenhimmel. Das löste positive Gedanken in mir aus. Auch wenn ich den körperlichen Schmerz ständig spürte.
Wo tats am meisten weh?
Am schlimmsten wars, wenn man nach einem kurzen Schlaf wieder aufstehen musste. Es schmerzte vom Hals an abwärts einfach alles. Da hilft eine gewisse Leidensfähigkeit… Aber die Bedenken, ob das alles zu schaffen sei, verflogen, die Psyche passte sich der Situation immer besser an.
Wie überwanden Sie eine Krise?
Indem ich nicht überlegte, sondern ruderte. Aufgeben war nie eine Option, wir sagten uns vielmehr: Wenn wir noch schneller rudern, sind wir auch früher im Ziel. Gut war, dass es sich um einen Wettkampf handelte. Allein das motivierte, alles Vorhandene zu investieren. Ich suchte diese Grenzerfahrung – und bereue es nicht.
Geht einem wirklich nichts durch den Kopf?
Doch. Ich hatte etwa 15 Hörbücher dabei, vor allem für die Nacht. Ich konnte auf dem Boot Wissen aufsaugen, etwa aus dem Bereich der Psychologie.
War es überhaupt möglich, sich auf das Leiden vorzubereiten?
Ich habe mich auf das Schlimmste eingestellt, von daher wurde ich nicht überrascht. Es war gnadenlos, bis am Schluss. Mehrmals spürte ich ein Bein nicht mehr. Aber nach dem 15. Tag ging es körperlich besser. Seelisch ging es mir eigentlich sehr gut. ich fühlte mich wohl mit meinen Kollegen.
Belastete das Projekt Eure Freundschaft nicht?
Zum Glück nicht. Und das ist überhaupt keine Selbstverständlichkeit. Auch dieses Jahr gingen Mitglieder einzelner Teams gleich nach der Ankunft getrennte Wege, weil sie einander nichts mehr zu sagen hatten. Uns hingegen schweisste das Projekt noch enger zusammen. Obwohl wir alle sehr stur sein können.
Habt Ihr das vor dem Rennen thematisiert?
Wir erstellten eine Prioritätenliste: Über allem steht die Mission, dass wir als Freunde so schnell wie möglich und sicher über den Atlantik rudern. Und zweitens steht das Wohl des einzelnen Kollegen immer über dem eigenen. Viele Konflikte entstehen wegen des Egos, darum war es besser, das gleich an Land zu lassen… (lacht)
Kam es nie zu Reibereien?
Kaum einmal. Weil wir uns immer wieder an die Prioritätenliste erinnerten. Das schuf eine positive Dynamik. Und ich würde nicht von Reibereien, sondern von Diskussionen reden, zum Beispiel darüber, wie wir unser Boot reinigen wollen. Also nichts Grosses. Wir hatten es auch sehr lustig miteinander, wenn plötzlich einer einen Witz erzählte. Oder wenn einmal die Lust fehlte, sangen wir lautstark bei Liedern mit und tankten so wieder Energie.
Aber einen Jass klopfen, das lag nicht drin…
(lacht) …nein, wir machten nie eine Pause zu viert, nicht einmal an Weihnachten. Mindestens zwei sassen immer am Ruder.
«Am häufigsten rief ich meine Grossmutter an, weil ich wusste, dass sie sich Sorgen um mich macht.»
A propos Weihnachten und Neujahr: Hattet Ihr da Kontakt mit Euren Familien?
Über das Satellitentelefon war das möglich, ja, aber wir haben den Kontakt eingeschränkt. Am häufigsten rief ich während der ganzen Zeit meine Grossmutter an, weil ich wusste, dass sie sich Sorgen um mich macht.
Gab es unterwegs einmal gefährliche Phasen?
Jeder von uns war während des Ruderns gesichert, so konnte keiner über Bord kippen. Aber Angst? Nein. Höchstens davor, den eigenen Erwartungen nicht gerecht zu werden. Oder dass Dinge auftreten, die wir nicht beeinflussen können. Ein technischer Defekt wäre so etwas gewesen. Oder Attacken von Raubfischen, wie es sie auch schon gab. Im Vorjahr kam es mehr als einmal vor, dass ein Blauer Marlin angriff und mit seinem Speer ein Loch ins Boot rammte. Ab und zu dachte ich in der Kabine während meiner Ruhezeit: bloss das nicht…!
Hielten solche Gedanken nicht vom Schlaf ab?
Irgendwann ist man so erschöpft, dass man automatisch einnickt. Einmal zog ich ein frisches T-Shirt an, zog mich in die Kabine zurück – und schlief während dem Essen ein. Das weisse Leibchen war danach nicht mehr so weiss… Natürlich kam der Schlaf viel zu kurz. Jeder sass täglich zwölf Stunden am Ruder. Im Minimum. Wenn man sich von der Konkurrenz absetzen will, kann man sich nicht strikt an den Rhythmus halten, zwei Stunden zu ruhen und zwei zu arbeiten. Einmal brachte ich es auf 18 Stunden.
Wieso das?
Einmal überhörte ich den Wecker, der Kollege liess mich eine Stunde länger schlafen. Es sei sein Geschenk für mich. Ich aber hatte ein schlechtes Gewissen dem Team gegenüber und wollte wieder etwas gutmachen.
Sie sprachen es bereits an: Die Kalorienzufuhr war hoch. Was habt Ihr gegessen?
Astronautennahrung und Snacks. Und ich mochte besonders gern Landjäger. Für die ersten ein, zwei Tage nahmen wir Pizzas in Alufolien mit, um so allfälligen Anzeichen von Seekrankheit entgegenzuwirken. Aber glücklicherweise hatten wir diesbezüglich keine Probleme. Lustig war, dass wir manchmal miteinander handelten wie auf einem Markt und untereinander Essware tauschten, zum Beispiel Snickers gegen Waffeln.
«Ein einziger Kübel diente uns allen als WC.»
Ein stilles Örtchen gab es an Bord nicht. Wie wurde das gelöst?
Ein einziger Kübel diente uns allen als WC. Die Notdurft entsorgten wir in biologisch abbaubaren Säckchen.
Was haben Sie auf dem Boot vermisst?
Süssigkeiten, die ich so liebe. Ich hatte einen grossen Teil daheim vergessen.
Wann haben Sie das intensivste Glücksgefühl empfunden?
Als wir kurz vor Antigua waren und das Land sahen. Da gaben wir noch einmal vollen Schub. Das war Adrenalin pur! Und den schönsten Moment erlebten wir, als wir die Ziellinie überquerten. Unbeschreiblich!
Wie fühlte es sich an, Festland zu betreten?
Es drehte sich alles. Ich dachte zuerst, ich würde auf einem Steg laufen. Aber ich bildete mir das nur ein. Nach der Pokalübergabe gingen wir zusammen in ein Restaurant, in dem es Bier und Burger gab. Und das am frühen Morgen. Aber es schmeckte himmlisch. (Peter M. Birrer)
