Darum gilt für sie jetzt das sportliche Lustprinzip
Anja Weber vor der Triathlonsaison
Anja Weber ist im Langlauf an die Weltspitze vorgestossen. Nun startet die Hinwilerin in die Triathlon-Saison. Welchen Stellenwert hat ihre zweite Sportart in ihrer Planung noch?
«Mal sehen, worauf ich dann Lust habe.» Das sagte Anja Weber vor einem halben Jahr, als es darum ging, was nach den Olympischen Winterspielen ihr Fokus sein würde. Immer wieder stellt sich die Frage bei der Hinwilerin, die sportlich zweigleisig fährt als Langläuferin im Winter und Triathletin im Sommer. Längst ist klar, dass sie nicht daran denkt, das eine oder das andere völlig aufzugeben.
Doch die Prioritäten können sich verschieben. Zuletzt lag ihr Fokus auf dem Langlauf, und da schaffte sie es unterdessen in die erweiterte Weltspitze und zum zweiten Mal an Olympische Spiele. Der 12. Schlussrang im Gesamtweltcup ist ein Beleg für ihre Konstanz. Olympia hatte mit der verpassten Nomination für den Teamsprint und ihrer öffentlichen Kritik an Swiss-Ski auch Frustpotenzial. Doch das hat sie längst abgehakt und verarbeitet.
Nun beginnt die Triathlon-Saison für Weber, am Samstag nimmt sie ihren ersten Wettkampf in Angriff. Worauf hat sie nun also Lust? Und welche Ziele verfolgt sie in welcher Sportart?
Das Ziel: Olympia – aber nicht in Los Angeles
Der Winter spielt in Webers Planung weiterhin eine Hauptrolle. Sie richtet den Fokus auf die Winterspiele 2030 in den französischen Alpen, ihre dritten wären es, und sie sagt: «Ein drittes Mal nimmt man nicht teil, nur um dabei zu sein.» Den Gedanken daran, auch im Triathlon an Olympia zu starten, hat sie zwar nicht komplett verworfen – es ist aber kein Ziel, das sie per 2028 erreicht haben will, wenn die Spiele in Los Angeles anstehen. Sie sagt: «Wenn diese Saison super herauskommt und ich eine Chance sehe, dann sage ich nicht Nein. Aber ich will mir keinen Druck machen.» Das gilt auch für andere Triathlon-Grossanlässe wie Welt- oder Europameisterschaften. Genuss und der Spassfaktor stehen für sie in dieser Triathlon-Saison im Vordergrund. «Wenns gut kommt, umso besser. Wenn nicht, dann ist das auch nicht so schlimm.»
Dass sie dem Langlauf weiterhin eine hohe Priorität einräumt, macht auch in finanzieller Hinsicht Sinn. Nicht nur, weil sie im letzten Winter gut 20’000 Franken an Preisgeld herausgelaufen hat. Sie hat Sponsoren, deren Fokus auf dem Langlauf liegt, und als Swiss-Ski-Kaderathletin profitiert sie davon, dass während der Saison viele Kosten gedeckt sind. Im Triathlon ist das anders, dort hat sie derzeit keinen Kaderstatus, weil sie zu wenige Rennen bestritt.
Die Planung: Alles hängt von einem Rennen ab
Von Frankreich in die Welt hinaus – so könnte man Webers Triathlon-Saison umschreiben. Aber wohin in die Welt, das ist noch offen. Und es hängt nicht von ihren eigenen sportlichen Zielen ab, sondern von jenen ihres Freunds. Weber ist mit dem französischen Triathleten Baptiste Passemard liiert – und sie will ihre Saisonplanung an seine anpassen, damit das Paar möglichst viel Zeit zusammen verbringen und auch Trainingslager zusammen bestreiten kann. «Es wäre schon toll, wenn wir uns nicht wieder zwischendurch sechs Wochen nicht sehen», sagt sie. «Ich bin ja flexibel. Ich muss mich für nichts qualifizieren.»
Klar ist deshalb nur das Programm bis Ende Juni. Weber bestreitet zwei Rennen in der französischen Liga und reist dann am letzten Juniwochenende an den Weltcup ins ungarische Tiszaújváros. Vom Resultat an diesem Rennen hängt die weitere Saisonplanung ihres Freunds ab – und damit auch ihre eigene. Wobei es noch eine Einschränkung gibt: Weil sie in den letzten Jahren weniger Rennen bestritt, hat Weber in der Weltrangliste an Boden verloren, was auf die Auswahl der Wettkämpfe einen Einfluss hat. Starts in der World Triathlon Championship Series, der höchsten internationalen Rennserie, sind deshalb nur dann möglich, wenn eine höher klassierte Schweizerin verzichtet und der Verband Weber diesen Startplatz weitergibt. Auf zweithöchster Stufe im Weltcup dürfte Weber noch keine Einschränkungen haben. «Dieses Jahr gehts sicher noch. Doch es wäre gut, wenn ich meine Position jetzt mit guten Weltcup-Resultaten halten könnte», sagt sie. Um sich weiter nach vorne zu arbeiten, müsste sie aber deutlich mehr Rennen bestreiten.
Der Umstieg: Hier hat sie noch am meisten Potenzial
Zwei Monate ist es her, seit Anja Weber die Langlauf-Saison beendet und den Umstieg vom Schneesport zum Triathlon in Angriff genommen hat. Dabei überrascht auf den ersten Blick, in welcher Disziplin ihr der Wechsel am leichtesten fällt: «Mit dem Schwimmen habe ich nie Probleme», sagt die Hinwilerin, «da muss ich nicht viel aufwenden, und es geht jeweils schnell, bis das Wassergefühl wieder da ist.» Zugute kommt ihr da, dass Schwimmen eine ihrer ersten Sportarten war – als Siebenjährige trat sie dem Schwimmclub Uster bei. Seit April verbrachte sie viel Zeit im Wasser. «Wenn ich noch mehr Zeit aufwenden würde, wäre ich vorne dabei», findet sie.
Zufrieden ist sie auch mit dem Umstieg aufs Velo, der ihr in technischer Hinsicht keine Mühe bereitet. Ihr Körper hingegen braucht etwas Angewöhnungszeit, manchmal spürt Weber ihre Knie, weil sich die Muskulatur erst wieder an diese Art der Belastung gewöhnen muss. «Da sind die Trainings nicht immer cool», sagt sie.
Den grössten Nachholbedarf sieht sie im Laufen. Der Grund ist einfach: Weber macht nicht genug Trainingskilometer den Winter durch. «Ich gehe zwar schon ab und zu laufen – aber das ist mehr Joggen als Lauftraining.» Zuletzt machte ihr zudem eine Entzündung am Fuss zu schaffen. In die Saison starten wird sie trotzdem. «Ich habe für die Triathlon-Saison nur einen beschränkten Zeitraum zur Verfügung. Den will ich auch nutzen.»
