Er schreibt sein eigenes Fussballmärchen
Elmin Rastoder zählt zu den Überfliegern dieser Saison. Der Rütner befindet sich nicht nur in Topform – sondern ist mit dem FC Thun auch auf Meisterkurs.
Elmin Rastoder aus Rüti sitzt im nüchternen Medienraum der Stockhorn-Arena, draussen lockt ein beinahe frühlingshafter Bilderbuchtag – doch der Stürmer des FC Thun strahlt auch ohne Sonne. Am Vorabend hat er seinen zehnten Saisontreffer erzielt. Sieben Tore in den letzten acht Partien, acht Siege in Serie für seine Mannschaft. Zahlen, die nach Euphorie klingen.
Rastoder aber bleibt ruhig. «Das hätte ich zwar nicht gedacht», sagt er über seine Quote und den Vorsprung an der Tabellenspitze. «Aber wir haben ein sehr geiles Team, das lebt. Ich spüre das Vertrauen von Trainer und Mitspielern – das lässt mich so performen.» Dann schiebt er nach: «Ich mache mir keinen Druck.»
Es ist dieser Kontrast, der derzeit vieles erklärt. Während rund um Thun das Wort vom Wunder die Runde macht, wirkt der Mann im Sturmzentrum beinahe unberührt.
Vielleicht auch, weil sein Leben bodenständig geblieben ist. Mit seiner Frau wohnt der 24-Jährige im Berner Bümpliz-Quartier. Zum Training fährt er meist gemeinsam mit Mitspieler Leonardo Bertone, der nicht nur in der Nähe lebt, sondern mit dem er sich auch «schnell angefreundet» hat und in der Freizeit viel unternimmt. Trainingsfreie Tage verbringt er gerne bei seiner Familie in Rüti, nach Spielen geht es nicht selten mit Frau und Eltern in eine Thuner Pizzeria. Viel Glamour passt nicht in diesen Alltag.
Auf dem Platz hingegen steht Rastoder mit den Thunern im Rampenlicht. Der Aufsteiger hat sich an der Spitze der Super League einen komfortablen Vorsprung erspielt, der erste Verfolger FC St. Gallen hinkt bereits aus respektabler Distanz hinterher. Acht Siege in Folge haben aus einem ambitionierten Neuling einen ernsthaften Titelkandidaten gemacht.

Ginge die Saison heute zu Ende, wäre Thun der erste Meister seit 2003, der nicht Young Boys, FC Zürich oder Basel heisst. Ein Aufsteiger, der die Liga dominiert – das ist eine Story mit Seltenheitswert.
Ein Kunststück, das im grossen Fussball sonst kaum mehr vorkommt: 1998 gewann der 1. FC Kaiserslautern als Bundesliga-Aufsteiger sensationell den Titel. Thun ist auf dem besten Weg, eine Schweizer Variante dieser Ausnahmegeschichte zu schreiben.
In die «Elf der Vorrunde» gewählt
Dass internationale Medien bereits aufmerksam geworden sind, überrascht deshalb kaum. Die Geschichte vom unerschrockenen Neuling aus der Provinz verkauft sich gut. Doch hier sitzt keiner, der von Märchen sprechen will. Rastoder redet lieber von Trainer Mauro Lustrinelli, der sich nie zufriedengibt, und von einer Mannschaft, die nie nachlässt. «Wir wussten, dass etwas drinliegt. Dass wir nicht um den Abstieg spielen würden, wie es viele prophezeit hatten.»
Und der 24-Jährige ist einer der Thuner Hauptprotagonisten. Rastoder, in der Aufstiegssaison über weite Strecken der Meisterschaft noch nicht einmal Stammspieler, wurde bereits Ende 2025 vom «Blick» in die «Elf der Vorrunde» gewählt.
Seine Präsenz lässt sich auch in Zahlen ablesen: Kein einziger Spieler der Liga hatte bis anhin nur annähernd so viele Ballberührungen im gegnerischen Strafraum (198) wie der Zürcher Oberländer mit nordmazedonischen Wurzeln.
Für Aussenstehende kommt diese Entwicklung vielleicht überraschend. Schon deshalb, weil es seine erste Saison ist, in der er auf höchster Stufe wirklich eine tragende Rolle einnimmt. Bei seinem Ausbildungsverein Grasshoppers kam Rastoder zwar ab 2022 zu acht Kurzeinsätzen auf höchster Stufe. So richtig auf ihn gebaut wurde aber nicht. Im Gegenteil: Gleich zweimal wurde er in dieser Zeitspanne an den FC Vaduz in die Challenge League ausgeliehen.
Überragend gegen den Jugendklub
Das ist nun alles Geschichte. Und bei den Zürchern dürfte man seine Entwicklung mit gemischten Gefühlen verfolgen. Ausgerechnet im Direktduell von Mitte Januar war er mit einem Tor und zwei Assists der Matchwinner beim 3:1-Sieg. «Das war schon ein Spiel, das mir viel gegeben hat», sagt der Angreifer, den alle nur «Rasto» nennen.
Dass Rastoder in Thun gelandet ist, war allerdings kein Zufall. Die Verantwortlichen des Vereins aus dem Berner Oberland hatten ihn vor seiner Verpflichtung im Sommer 2024 über längere Zeit beobachtet. «Wir haben viele Informationen eingeholt», sagt Sportchef Dominik Albrecht. «So konnten wir uns ein klares Gesamtbild machen.»
Mit seinen körperlichen Voraussetzungen und seiner mannschaftsdienlichen Art habe er ideal ins Profil gepasst. Beim FC Thun, betont Albrecht, spiele neben der sportlichen Qualität auch der Charakter eine zentrale Rolle. «Er ist ein super Typ.»
Der Traum von der WM-Teilnahme
Es ist ein weiterer Beleg für seinen Aufstieg: Seit seinem Debüt im September ist Rastoder bereits fünfmal für Nordmazedonien, das Heimatland seiner Eltern, aufgelaufen. Damit darf er berechtigte Hoffnungen hegen, auch Ende März im Playoff-Halbfinal gegen Dänemark erneut berücksichtigt zu werden. «Die Qualifikation für eine WM ist für mich schon ein grosser Traum», sagt Rastoder.
Beim FC Thun ist man derweil überzeugt, dass Rastoders Entwicklung noch lange nicht abgeschlossen ist. Sportchef Dominik Albrecht sieht in ihm sogar das Potenzial für eine grössere Liga im Ausland. «Er bringt sehr vieles mit», bekräftigt er. Sein Vertrag läuft dank einer Klausel inzwischen bis 2028.
Wer dem Rütner zuhört, merkt schnell: Abheben liegt ihm fern. Der Erfolg hat ihn nicht verändert, höchstens bestätigt. «Nelson Ferreira, unser Stürmertrainer, sagt mir immer: ‹Rasto, ruhig bleiben und unseren Spielprinzipien treu bleiben. Dann kommst du immer zu Chancen.›»
Die nächste Gelegenheit, sein Torkonto zu erhöhen, die Thuner Siegesserie auszubauen und einen weiteren Schritt Richtung Meistertitel zu machen, ergibt sich diesen Samstag beim abgeschlagenen Tabellenletzten FC Winterthur. Alles spricht also dort für den Leader. Rastoder lächelt, als er aufsteht. «Ich bin im Flow», sagt er. Und es klingt nicht wie Übermut. Sondern wie jemand, der weiss, dass sein Märchen noch lange nicht zu Ende erzählt ist.