Medaillenträume auf der Baustelle
Oberländerin auf neuer Olympiabahn
Natalie Maag aus Wernetshausen durfte als eine der ersten Rodlerinnen den Olympia-Eiskanal von Cortina testen.
Natalie Maag hat die ersten Fahrten auf jener Bahn hinter sich, auf der sie in weniger als einem Jahr um die Olympiamedaillen mitrodeln möchte. Das klingt eigentlich nicht nach einer bahnbrechenden Neuigkeit, schliesslich war Maag auch vor vier Jahren vor den Spielen in Peking schon eine der Testpilotinnen, als es um die Homologation der Strecke ging.
Doch selten gab es um eine Bob- und Rodelbahn so viel Gezänk wie um jene von Cortina d’Ampezzo. «Sie sind einfach froh, dass überall Eis auf der Bahn ist», sagt Maag nun. «Vor zwei Wochen war noch nicht einmal fertig betoniert.»
Daran geglaubt, dass die Bahn rechtzeitig fertig würde, hat in der Szene offenbar niemand so wirklich. Maag sagt: «Viele fanden: Den Chinesen würden wir das in so kurzer Zeit ja zutrauen. Aber den Italienern nicht.»
Der Plan B? «Schlimm!»
Eigentlich hätte ja alles längst bereit sein sollen. Schliesslich wollten die Organisatoren der Olympischen Winterspiele eigentlich lediglich jenen 2008 stillgelegten Eiskanal in Cortina reaktivieren, auf dem schon 1956 Olympiamedaillen vergeben wurden und der 1981 Schauplatz von Dreharbeiten für den Bond-Film «In tödlicher Mission» war. Doch es fand sich kein Bauunternehmen, um das Vorhaben umzusetzen.

Danach gab es viele Diskussionen und Pläne. Einer davon war, die für die Spiele 2006 in Turin gebaute Bahn von Cesana zu reaktivieren – sie gehört indes zu den Paradebeispielen für Bauwerke, die eigens für Spiele errichtet und bald danach nicht mehr gebraucht werden. Das IOC hingegen propagierte aus Nachhaltigkeitsgründen auf eine bestehende Bahn im umliegenden Ausland auszuweichen – St. Moritz war da etwa im Gespräch, oder auch Innsbruck.
Die italienische Regierung hingegen konnte sich gar nicht mit dem Gedanken anfreunden. Ein Neubauprojekt in Cortina wurde in letzter Minute durchgedrückt. Und als Plan B, falls die Bahn nicht rechtzeitig fertig werden sollte, entschieden sich die Italiener für Lake Placid. In den USA. Über 6000 Kilometer von Cortina entfernt.
«Schlimm!», sagt Maag dazu. Für sie war aber auch der Gedanke an ein Ausweichen nach Innsbruck oder St. Moritz schwierig. «Ich will nach den Corona-Spielen nicht noch Spiele erleben, an denen wir nicht am Olympia-Ort selber sind.»
Baustellen-Groove statt Olympia-Feeling
Dieses Risiko scheint nun aber verschwunden. Maag jedenfalls glaubt, dass die Spiele «zu hundert Prozent» auf der neu gebauten Bahn stattfinden. Auch wenn sie heuer auf einer Baustelle unterwegs war, die längst nicht so weit fortgeschritten ist wie jene vor vier Jahren in Peking. Da war alles praktisch fertig und in piekfeinem Zustand.
Maag empfand es als Vorteil, dass sie sich schon einmal die Rennlinie anschauen konnte. Und bei der Homologierung wurden in China Zeiten gefahren, die nur drei Zehntel über dem aktuellen Bahnrekord lagen. In Cortina fühlte sich die Bahn noch nicht sehr olympisch an – sondern einfach wie eine Baustelle. «Es ist dreckig, den Schlitten müssen wir mit dem Kran zum Start bringen – und wir klettern über das Baugerüst, um auf die Bahn zu kommen», sagt Maag.
Etwas mehr als ein Dutzend Fahrten hat sie unterdessen auf der neuen Bahn absolviert, als eine von nur drei Einzel-Rodlerinnen, die bei den Tests dabei waren. «Das wird mir keinen Vorteil verschaffen», weiss Maag. «Es ist holprig, es ist noch Dreck in der Bahn – wir fahren hier noch nicht Vollgas. Die Bahn gibt noch vieles her, und wir auch. Ich glaube, es wird hier noch vier bis fünf Sekunden schneller.»

Daran, sich schon mal mit der optimalen Linie zu befassen, ist deshalb nicht zu denken. «Wir haben nun mal einen groben Plan, wie wir hier runterkommen. Das ist schon mal etwas», sagt Maag lachend.
Eine «Startschlacht» dürfte es werden
Was sie auch schon weiss: Entgegen kommt die Bahn ihr nicht. «Ich glaube, es gibt eine Materialschlacht und eine Startschlacht.» Maag gehört nicht zu den besten Starterinnen – sie holt Zeit in technisch anspruchsvollen Passagen heraus. «Die Bahn ist relativ flach, ich kann fahrerisch da sicher etwas machen – aber der Schwung, den man vom Start mitnimmt, wird hier sehr wichtig sein.»
Desillusioniert in Bezug auf ihre Medaillenträume ist sie deshalb aber noch längst nicht. «Ich bin sowieso motiviert für das Sommertraining», sagt Maag, «nachdem ich das hier gesehen habe umso mehr.»