Sabine Sieber – die SP-Politikerin aus den Bergen
Die ehemalige Sternenberger Gemeindepräsidentin Sabine Sieber ist tot. Ein Rückblick auf ein bewegtes Leben mit viel Engagement.
«Gummistiefel oder barfuss ist erlaubt», schrieb Sabine Sieber im Oktober 2021 in die Todesanzeige von Manfred Hirschi. Ihr Ehemann, ein Bergbauer, war mit seinem Traktor einen Abhang hinuntergestürzt und erschlagen worden. Mehrere hundert Menschen nahmen in höchst unterschiedlichen Fussbekleidungen in fahlem Herbstsonnenschein an der Trauerfeier in der Kirche Sternenberg und der Urnenbeisetzung im Kirchhof teil.
Das war typisch für Sabine Sieber: Sie wusste Menschen zu charakterisieren, und sie benannte, was Sache ist. Ebenso typisch war, dass sie ein halbes Jahr später Hand bot für einen Zeitungsbericht über die Gefahren, denen Bauern in den Berggebieten ausgesetzt sind, erläutert am Schicksal des Schafbauern Manfred Hirschi. Darin stand, sie habe die Sorge um ihren Mann oft zur Seite schieben müssen.
Die ausgebildete Hauswirtschaftslehrerin und Schulmanagerin wurde 1960 geboren und kam nach der Scheidung von ihrem ersten Ehemann in die höchste Gemeinde des Kantons. «Auf dem Sternenberg wohne ich, weil ich hier Freiheit, Toleranz und Solidarität leben kann», schrieb sie dazu. 2006 erwarb sie den Alten Steinshof, ein historisches Gebäude aus dem Jahr 1865, und baute ihn zu einem Seminarhotel aus. Das schmale Haus verfügte sogar über ein Hallenbad samt Gegenstromanlage.
Von der von Tannen eingerahmten Terrasse aus lenkte sie den Blick ihrer Gäste gern in die Ferne, über viele grüne Täler und Hügel hinweg bis weit in den Thurgau. Zu ihnen gehörten dankbare Frauengruppen, darunter «Lismerinnen», die getreulich jedes Jahr für eine Woche heraufkamen. Die Damen schätzten Sabine Siebers Fürsorge und ihre hervorragende Küche. Nach 16 Jahren wurde ihr die Arbeit als Hotelière allerdings zu viel. Deshalb wollte sie den Alten Steinshof verkaufen und sich wieder der Arbeit in Klassenzimmern und Schulküchen widmen.
Grosszügig und mit einem Gespür für Öffentlichkeitsarbeit in eigener Sache gewährte sie 2007 einem Freund, dem Winterthurer Altphilologen Peter Bosshard, Gastrecht für die Präsentation seines Buchs «Windige Höhen: Ein Sternenberger Roman», in dem der Autor seine Jahre als einsamer Primarlehrer aus der Stadt Zürich auf dem Sternenberg literarisch verarbeitete. Die warme Atmosphäre in der holzvertäfelten Gaststube trug zum erfreulichen Medienecho bei, das das Buch erhielt, und zum Schluss bezahlte niemand eine Rechnung.
Sabine Siebers Leidenschaft war die Politik. Sie engagierte sich als Schulpräsidentin, Gemeinderätin, Kantonsrätin und zuletzt als Mitglied des Bezirksrats Pfäffikon. Vor allem aber bleibt sie als letzte Gemeindepräsidentin von Sternenberg in Erinnerung. Hauptsächlich in dieser Funktion ist die Autorin dieser Zeilen ihr immer wieder begegnet. Sieber leitete die Gemeinde von 2002 bis 2014 und bereitete die 350 Einwohner über mehrere Jahre sorgfältig auf die Fusion mit Bauma vor.
Im November 2013 stimmten beide Gemeinden an der Urne dem Zusammenschluss zu – ein grosser Erfolg. In mehreren Workshops, die in lockerer Atmosphäre oft in einem Klassenzimmer des Dorfschulhauses stattfanden, hatte Sieber gezeigt, welche Aufgaben auf alle Gemeinden im Kanton Zürich zukommen würden und dass viele davon die personellen und vor allem die finanziellen Möglichkeiten der Sternenberger bei Weitem übersteigen. Als die Fusion Anfang 2014 vollzogen wurde, war Sabine Siebers Aufgabe als Gemeindepräsidentin erfüllt. Wahrscheinlich war es nur einer «Auswärtigen» möglich, die heisse Kartoffel «Gemeindefusion» überhaupt anzupacken und zu einem guten Ende zu führen.
Von 2010 bis 2017 engagierte sich Sabine Sieber auf den Bänken der SP im Zürcher Kantonsrat. Frauenthemen und das Klima waren ihr wichtig, als Geschäftsfrau und Lokalpolitikerin ausserdem die Finanzen. Als Besitzerin eines KMU, die sich über die knausrige Vergabe von Krediten an Gastrobetriebe durch die Banken ärgerte, politisierte sie eher am rechten Flügel der Partei. «Ich sehe mich als ländlichen Gegenpol zu den klassischen Vertretern der städtischen SP», sagte sie in einem Interview einmal.
2017 trat sie zurück und sorgte so für einen Generationenwechsel: Ihr Nachfolger wurde Fabian Molina. Als sie 2019 auf einer Seniorenliste für den Nationalrat kandidierte, wurde sie gefragt, ob es ihr ganz ohne Politik langweilig geworden sei. «Auf das politische Engagement gemünzt, trifft dies definitiv zu», antwortete sie lachend. Sie schaffte die Wahl aber nicht. Ihr blieb der Bezirksrat.
«Frei im Denken und Handeln, liebenswert, grosszügig, hilfsbereit, tatkräftig und humorvoll», so beschrieb sie ihren verstorbenen Mann. Das galt auch für sie selber. Am 7. September ist Sabine Sieber Hirschi unerwartet im Alter von 65 Jahren gestorben.
Anna E. Guhl hat von 2002 bis 2015 als Redaktorin für die Zürcher Oberland Medien AG gearbeitet. In dieser Funktion pflegte sie regelmässigen Kontakt mit Sabine Sieber.