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Gefahr am Hang – wie Bauer Hirschi in den Tod stürzte

In der Schweiz stirbt alle zwei Wochen ein Bauer oder eine Landwirtin bei der Arbeit. Manfred Hirschi aus dem Zürcher Oberland kam mit dem Traktor ums Leben.

Foto: Sabina Bobst

Gefahr am Hang – wie Bauer Hirschi in den Tod stürzte

Als sich der Nebel an jenem Oktobersonntag verzieht, hinterlässt er einen feuchten Boden. Manfred Hirschi sagt, es stinke ihm etwas, heute das Heu im Hang zusammenzunehmen. Aber die Wickelmaschine für die Siloballen ist schon bestellt für den nächsten Tag. Gegen 16 Uhr gibt ihm seine Frau einen letzten Kuss: Bis später.

Der Kreiselheuer hängt am Traktor, Marke New Holland, 6 Tonnen Leergewicht. Bauer Hirschis Frau findet ihn eigentlich zu gross für die Arbeit im abschüssigen Gelände von Sternenberg, wo die Landwirte ihre Arbeit auch heute noch von Hand verrichten, wenn es zu steil ist für Maschinen und Fahrzeuge.An den meisten Tagen erlaubt es sich Sabine Sieber nicht, sich zu viele Sorgen um ihren Mann zu machen. Sie will ihm das Leben nicht unnötig schwer machen. Doch an jenem Sonntag wird sie unruhig. Normalerweise kehrt Hirschi um 20 Uhr heim, und jetzt dunkelt es schon ein, ohne dass er zurückgekehrt ist. Sie steigt ins Auto und geht ihn suchen.

Eine Frau mit angegrauten, lockigen Haaren und Brille steht vor einer grünenden Berg- und Wiesenlandschaft.

Das kleine Dorf Sternenberg im Zürcher Oberland liegt auf 870 Metern über Meer, bis zur Fusion mit Bauma war es die höchstgelegene Gemeinde im Kanton Zürich. Ein steiler, kurvenreicher Weg führt hinauf ins abgeschiedene Bergdorf, in dem es nachts so stockfinster wird, dass ein Einwohner einst auf die Idee kam, hier eine Sternwarte zu bauen.

Sabine Sieber weiss nicht, wohin ihr Mann gefahren ist. Seine Landparzellen verteilen sich über das ganze Gemeindegebiet. Intuitiv zieht es sie zum Höchstock, südlich des Dorfes. Dort stehen schon alle: Feuerwehr, Polizei, Krankenwagen. Als Sieber aus dem Auto aussteigt, verstummen die Feuerwehrleute aus dem Ort.

Sie macht den Kommandanten ausfindig, einen Freund von Manfred. Sie braucht nicht zu fragen, was passiert sei. Nur: «Lebt er noch?» Der Kommandant schüttelt den Kopf. Man rät ihr davon ab, den Hang hinabzusteigen und zu ihrem Mann zu gehen, man will ihr den Anblick ersparen. Sie tut es nicht.

Manfred Hirschi war am 10. Oktober 2021 mit dem Traktor in die Tiefe gestürzt. Im Unfallbericht heisst es, das Fahrzeug habe sich mehrfach überschlagen und sei erst nach 300 Metern zum Stehen gekommen. Als zwei Spaziergänger Hirschi fanden, lag er tot eingeklemmt unter der eingedrückten Fahrerkabine. Die Pathologin vor Ort sagte später zu Sieber, dass es ein schneller Tod gewesen sei. Manfred Hirschi wurde 57 Jahre alt.

Jährlich 30 Todesfälle

Wie häufig Bäuerinnen und Bauern bei der Arbeit sterben, ist nicht bekannt, weil es keine Meldepflicht für landwirtschaftliche Unfälle gibt. Die Beratungsstelle für Unfallverhütung in der Landwirtschaft (BUL) stützt sich auf Medien- und Polizeiberichte ab und hat in den vergangenen fünf Jahren 151 tödliche Unfälle in der Schweiz gezählt.

Demnach stirbt alle zwölf Tage eine Person bei einem landwirtschaftlichen Unfall – mindestens. Nicht mitgezählt sind in der Auswertung jene Unfälle, welche die Polizei nicht öffentlich mitteilt, zum Beispiel aus Rücksicht auf die Familien, wenn Kinder betroffen sind. Zudem fehlen Unfälle mit Schwerverletzten, die erst Tage nach dem Unfall sterben.

Im Jahr 2021 waren die häufigsten Todesursachen Fahrzeugstürze mit Überschlag im Gelände oder nach Abkommen von der Fahrbahn (6 Todesfälle) und Unfälle bei Forstarbeiten (ebenfalls 6). Man könnte deshalb sagen, dass Manfred Hirschis Arbeit gleich doppelt gefährlich war. Erstens umfasste sein Betrieb 35 Hektaren Landwirtschaftsfläche in überwiegend steilem Gelände. Zweitens bewirtschaftete er 7 Hektaren Wald.

Der Sicherheitsgurt rettet Leben

Thomas Bachmann ist Unfallanalytiker bei der BUL und war selbst langjähriger Bauer. Er sagt: «Landwirt ist ein gefährlicher Beruf. Neben den Branchen Forst und Bau ist das die gefährlichste Branche.» Die Beratungsstelle hat die Sicherheitsgurte zum Schwerpunktthema in der Prävention gemacht, denn bei den meisten tödlichen Traktorunfällen zeige die Analyse: Wäre die Person angegurtet gewesen, hätte sie mit einer hohen Wahrscheinlichkeit überlebt.

Ob das auch für Manfred Hirschi gilt, darf bezweifelt werden, weil die Fahrerkabine eingedrückt war. Da der Unfallanalytiker Bachmann in Sternenberg – wie häufig nach schweren Unfällen – von den Untersuchungsbehörden beigezogen wurde, darf er sich nicht zu dieser Frage äussern.

Für Landwirte und Bäuerinnen gilt keine Gurtpflicht im Traktor, es sei denn, es handelt sich um Angestellte oder Lernende eines Betriebs. «Leider gurten sich die meisten Bauern nicht an, entweder weil sie den Nutzen unterschätzen oder es mangels Routine vergessen», sagt Bachmann. Dann gebe es auch Sturköpfe, die sich bewusst nicht anschnallen und denken würden: Wenn ich im Hang stürze, dann will ich abspringen können.

«Die Erfahrung zeigt, dass sie meistens ins Verderben springen, nämlich dorthin, wo der Traktor auf ihnen landet», sagt Bachmann, der seit 35 Jahren in der Unfallanalyse tätig ist.

Sternenberg, wo gut 350 Menschen leben, zählt mehr als ein Dutzend Bauernfamilien mit eigenen Betrieben. Hinzu kommen mehrere Einwohner, die im Nebenerwerb bauern.

«Wir alle hier kennen die Gefahr der Steilhänge und haben mit ihr irgendwie zu leben gelernt», sagte eine Bäuerin aus dem Ort nach dem Unfall. Sie räumte ein: «Wenns pressiert, neigen mein Mann und ich manchmal dazu, mehr zu riskieren, als wir sollten.» Man rede sich ein: Das letzte Mal ist es ja gut gegangen, da wird jetzt schon nichts passieren. Die Routine als gefährliche Begleiterin.

Den Hof führte er allein, obwohl es Arbeit für zwei gab

Sechs Monate nach dem Unfall sitzt Sabine Sieber im Restaurant des Seminarhauses, das sie in Sternenberg führt. Sie ist keine Bäuerin, sondern war jahrelang Gemeindepräsidentin im Ort sowie für die SP im Kantonsrat. Heute ist sie im Nebenamt Bezirksrätin in Pfäffikon.

Nach dem Unfall sprangen Hirschis Bauernkollegen ein und sahen in den ersten Tagen nach dem Hof und den 400 Schafen. Der Bauernverband vermittelte einen vollamtlichen Betriebshelfer, später kamen Siebers Bruder und dessen Frau zu Hilfe. Nun soll Hirschis Göttibub Luca, 26 Jahre alt und bisher Forstwart im Bündnerland, den Hof führen.

Ein Bauernhof aus der Ferne fotografiert. Das rote Dach der Scheune ist weithin sichtbar.

«Zum Holzen ging mein Mann nie allein in den Wald, sondern nur mit Bauernkollegen», sagt Sieber. «Sie waren immer sehr vorsichtig und passten aufeinander auf.» Bei der alltäglichen Arbeit hingegen war Hirschi oft stundenlang allein im Feld. Der ehemalige Leistungssportler – als Langläufer war er einst im B-Nationalkader – sei ehrgeizig gewesen, sagt Sieber. Er forderte sich viel ab. Den Hof führte er allein, obwohl es Arbeit für zwei gab.

Die Unfallanalyse brachte keine technischen Defekte am Traktor zutage. Der Motor liess sich nach dem Sturz sogar noch anstellen. Sabine Sieber erinnert sich, dass es ein kalter, wunderschöner Abend war. «Die Mondsichel war unglaublich schön. Vielleicht hatte ihn der Anblick zum Herumträumen verleitet?»

Sieber erzählt, wie vor einigen Jahren schon einmal ein Traktor in die Tiefe stürzte. Damals sass ein 16-Jähriger am Steuer, er arbeitete auf Hirschis Hof und war eigentlich ein guter Traktorfahrer. Hirschi hatte ihn gelehrt: «Wenn du mit dem Traktor stürzt, egal, was passiert, halte dich mit aller Kraft am Lenkrad fest.»

Als es einmal tatsächlich dazu kam, tat der Junge wie geheissen. Der Traktor überschlug sich im Hang und kam nach 200 Metern zum Stehen. Anders als Jahre später bei Hirschi hielt die Fahrerkabine dem Sturz stand. Der Junge überlebte.

Unterschätzte Gefahr: Trockene Böden

Besonders viele Landwirte verunfallten im trockenen Hitzesommer 2018. Was viele nicht wissen: Laut dem Unfallexperten Thomas Bachmann ist ein ausgetrockneter Untergrund für Traktorfahrer vergleichbar gefährlich wie ein sehr nasser Boden: «Wenn trockene Grashalme abknicken, finden die Pneustollen keinen Halt darauf und rutschen ab.»

Wegen der Häufung an Unfällen rief der Bauernverband 2018 eine Arbeitsgruppe ins Leben, welche die Unfallprävention ausbaute. «Wir konnten nicht tatenlos zusehen, wie ein Bauer nach dem anderen starb», sagt Markus Ritter, Verbandspräsident und St. Galler Nationalrat (Mitte).

Er beobachtet, dass einerseits sehr junge und andererseits alte Landwirte verunfallen. Den einen fehle die Erfahrung, den anderen die Reaktionsgeschwindigkeit, sagt Ritter. Eine generelle Anschnallpflicht würde Ritter nicht befürworten. «Ich erwarte von einem Bauern nicht, dass er sich auf dem flachen Feld angurtet.»

Auch gemäss dem Unfallanalytiker Thomas Bachmann genügen die gesetzlichen Vorgaben. «Die Frage ist eher, ob die Vorgaben auch eingehalten werden.» Auf Baustellen beispielsweise sei das Bewusstsein für die Arbeitssicherheit auch deshalb grösser, weil die Firmen Vorgaben einhalten und mit Kontrollen rechnen müssten.

«Das lässt sich nicht vergleichen mit der Situation eines selbstständigen Bauern, der sein eigener Herr und Meister ist.» Immerhin, sagt Bachmann, hat die Zahl der Unfälle im Langzeitvergleich abgenommen, weil Maschinen und Fahrzeuge sicherer sind als vor dreissig, vierzig Jahren.

In Sternenberg, wo jeder jeden kennt, war Manfred Hirschi vielen ein Freund oder zumindest ein guter Bekannter gewesen. Er hatte den Hof mit 29 Jahren von seinem Vater übernommen und war über die Region hinaus bekannt als Barfussbauer: Er ging vom Frühling bis in den Spätherbst ohne Schuhe, weil er überzeugt war, damit gesünder zu leben. Er war ein Freidenker, der Schafe hielt statt wie die anderen Bauern Kühe.

Wie seine Frau war Hirschi engagiert im Dorf. Mal in der Kirchenpflege, mal in der Skilift-Genossenschaft, dann im Verkehrsverein, natürlich in der Feuerwehr. Besonders feinsinnig führte er sein Ehrenamt als Totengräber aus: Vor der Bestattung unternahm er jeweils eine Rundfahrt mit der Urne und hielt an jenen Orten, die der verstorbenen Person wichtig gewesen waren. Ein befreundeter Gärtner ist deshalb auch mit Hirschis Urne eine solche Tour gefahren.

An der Unfallstelle liess Sabine Sieber durch Nachbarn einen Baum pflanzen. Dort soll nie mehr ein Traktor durchfahren. Jigme Garne

Im Vordergrund ein neu angepflanzter Baum auf einer steil abfallenden Wiese. Im Hintergrund ist ein grosser Wald zu sehen.

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