Diese Frau wird in Wildberg Geschichte schreiben
Wahl zur Gemeindepräsidentin
Esther Pfenninger wird voraussichtlich Gemeindepräsidentin in Wildberg sein. Damit ist sie nicht nur die erste Frau, die dieses Amt antritt, sondern vielleicht auch die letzte Person.
Esther Pfenninger legt ihre dicke Jacke auf einen Stuhl, als sie die Gemeindestube betritt. Sie setzt sich an den Tisch, mit einem leichten Lächeln. Immer wieder huscht ein verschmitzter Ausdruck über ihr Gesicht, als könnte sie die Situation selbst kaum glauben.
«Ich habe mir Gedanken zu diesem Gespräch gemacht und fragte mich: ‹Habe ich überhaupt etwas zu erzählen?›», sagt die FDP-Gemeinderätin. Bescheiden, denn diese Frau wird in Wildberg Geschichte schreiben: Sie wird – höchstwahrscheinlich – die erste Präsidentin der Gemeinde sein. Und vielleicht auch die allerletzte Person in diesem Amt.
Nach zehn Jahren wird Dölf Conrad (SVP) nicht mehr als Gemeindepräsident antreten. Und weil niemand ausser Esther Pfenninger kandidiert, wird sie wohl seine Nachfolgerin bei den Erneuerungswahlen am 8. März. Zudem steht Wildberg im Februar 2027 die Abstimmung zur Fusion mit Pfäffikon bevor. Und sollten sich die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger dafür entscheiden, wird der Pfäffiker Gemeindepräsident künftig das Zepter übernehmen.
Doch vorerst ist Pfenninger dran. «Ich bin eigentlich Wiederholungstäterin», gibt sie zu. Schon in der Vergangenheit war sie die erste Frau in Wildberg, die überhaupt in den Gemeinderat gewählt wurde. 1998 noch als Parteilose zusammen mit Katharina Leuenberger (parteilos). Acht Jahre war sie damals Gemeinderätin, bevor sie nicht mehr antrat – eine weitere Amtszeit in Verbindung mit einem Masterstudium und der Familie wäre zu viel gewesen.
Kein Wunschberuf, sondern Berufung
Woher kommt ihr Interesse an der Politik? Wurde in ihrer Kindheit am Küchentisch politisiert? «Nein.» Esther Pfenninger ist in bescheidenen Verhältnissen gross geworden. Sie ist in Bäretswil aufgewachsen, mit zwei jüngeren Geschwistern und Eltern aus der Arbeiterklasse. Ihr Vater war Disponent bei der FBB, ihre Mutter eine Putzfrau. Sie war die Erste der Familie, die einen akademischen Weg eingeschlagen hat.
Nach dem Gymnasium hat sie die Lehrerausbildung gemacht. «Eigentlich hatte ich etwas Mühe damit, ich wäre damals lieber wissenschaftliche Zeichnerin geworden», sagt die Politikerin. Die Erwartungshaltung war jedoch, dass sie nach dem Gymnasium dem Lehrerberuf nachgeht. «Die meisten meiner Klasse haben das so gemacht.»
Mit Kindern konnte sie immer gut, sie war ja auch Pfadi-Leiterin, also gab es keinen guten Grund, zu widersprechen. «Erst später merkte ich, dass mich das Schicksal genau den richtigen Weg gehen liess.» Den Lehrerberuf empfand sie schon bald als sinnstiftend. Ausserdem liess er sich wunderbar mit der Familie vereinbaren sowie auch mit der Politik. Sie arbeitete ihr ganzes Leben lang im Bildungssektor. Vor einem Jahr wurde Esther Pfenninger pensioniert, davor war sie Schulleiterin der Heilpädagogischen Schule in Wetzikon.
Schwierige Zeiten
Ihre politische Ader hat sie vor allem ihrem Mann Bruno Pfenninger zu verdanken. «Mein Mann war politisch breit interessiert und wusste so viel», erzählt Pfenninger und hält inne.
Mit ihm ist sie vor 33 Jahren nach Wildberg gezogen und hat drei Kinder. Für ihre beruflichen und politischen Ambitionen fand sie in ihrem Zuhause stets Unterstützung. Bruno Pfenninger war selbst FDP-Politiker. Zehn Jahre war er Mitglied der Sekundarschulpflege Turbenthal-Wildberg, ab 2018 übernahm er das Präsidium, ausserdem war er als engagierter Vereinsmensch in der Gemeinde bekannt. Im letzten Sommer starb er im Alter von 66 Jahren.
«Es ist schwierig, nun ohne meinen Mann fürs Gemeindepräsidium zu kandidieren», sagt Esther Pfenninger. Nach seinem Tod hat sie aber gespürt, dass sie einen grossen Rückhalt in der Gemeinde hat. «Unser Freundeskreis hat mich in dieser schwierigen Zeit begleitet, das ist nicht selbstverständlich.» Einer Sache ist sie sich sicher: «Mein Mann wäre stolz auf mich.»
Die «grüne Güseltante»
Doch wie gesagt, Esther Pfenninger schreibt nicht zum ersten Mal Geschichte als «erste Frau». «Eine Quotenfrau bin ich deswegen nicht und wollte es auch nie sein», erklärt sie. «Für mich zählen die Fähigkeiten hinter der Person.»
Doch ganz kalt liess sie die weibliche Präsenz in der Politik nicht. Anfang der 2000er Jahre war sie Mitglied des Forums «Ich will, ich kann», das von den damaligen Gemeinderätinnen im Tösstal gegründet wurde, um Frauen für politische Ämter zu motivieren. «Ich glaube, viele haben es sich schlicht nicht zugetraut. Auch ich fragte mich: ‹Kann ich das überhaupt?›» Offensichtlich konnte sie es.
Früher war sie noch eine parteilose Politikerin, eine Richtung wurde ihr trotzdem von ihrem Umfeld stets zugeschrieben: «Man bezeichnete mich immer als Grüne. Ich war für viele die Güseltante», sagt sie.
Denn Pfenninger arbeitete bei der Kezo und klärte Schulklassen über Abfalltrennung auf. «Das hat mich eigentlich nicht gestört», sagt sie weiter. Wieso sollte sie dies auch stören, denn immerhin erkannten die Menschen, was ihr wichtig war, unter anderem der Umweltschutz. «Ich empfand es als eine Auszeichnung für meine Werte.» Trotzdem wollte sie irgendwann Farbe bekennen und wurde Mitglied der FDP.
Wildbergs letzte Jahre?
Und nun wird die FDP-Politikerin die nächsten Jahre die Gemeinde führen. Nervös? «Nein», sagt sie bestimmt. «Aber gesunden Respekt habe ich schon davor.» Vor den politischen Prozessen scheue sie sich nicht, auch wenn heute alles komplexer sei als früher. «Aber als Gemeindepräsidentin bin ich viel eher in der Öffentlichkeit, daran werde ich mich etwas gewöhnen müssen», gesteht sie ruhig.
Vor allem werden sie die Fusionspläne in den kommenden Jahren beschäftigen: «Wir engagieren uns sehr dafür, ich glaube auch, dass die Fusion zustande kommen wird.» Sollte es bei der Abstimmung 2027 zu einer Fusion zwischen Pfäffikon und Wildberg kommen, war dies damit auch ihr letztes Jahr. Danach übernimmt das Gemeindepräsidium in Pfäffikon.
Würde sie denn bei den nächsten Wahlen als Gemeindepräsidentin für Pfäffikon-Wildberg kandidieren? «Sicher nicht. Das sollen Jüngere tun.»