«Das einzig anständige Vorgehen ist eine neue Abstimmung»
Die Sanierung des Fällander Gemeindehauses kostet doppelt so viel, wie die Verantwortlichen ursprünglich vorgerechnet hatten. Nun wird die Bevölkerung erneut an die Urne gerufen. Gemeindepräsident Tobias Diener (FDP) nimmt Stellung.
Herr Diener, bei der Grobkostenschätzung zu einer Sanierung wie dem Gemeindehaus in Fällanden geht man von plus/minus 25 Prozent aus. Nun sind es über 100 Prozent Differenz – also 29 statt 14 Millionen Franken. Wie kann das sein?
Tobias Diener: Ich hatte natürlich auch einen Schock, als ich das Ende Mai in der Sitzung erfahren habe. Die Ursache liegt darin, dass wir bereits 2017 eine Machbarkeitsstudie zur Sanierung des Gemeindehauses erstellt hatten. Diese wurde damals nicht weiterverfolgt – das war noch vor meiner Zeit als Gemeindepräsident. Im Jahr 2022 haben wir die Studie wieder aufgenommen und aktualisiert. Der Kernfehler, für den wir in einer Medienmitteilung um Entschuldigung gebeten haben, ist rückblickend klar: Die Studie von 2022 hat den tatsächlichen Sanierungsbedarf ungenügend abgebildet. Zum Beispiel war der Perimeter falsch gesetzt, die Umgebungsarbeiten wurden viel zu wenig berücksichtigt, ebenso die Tiefgarage. Das sind die Hauptursachen.
Was schlägt denn so dermassen auf die Sanierungskosten?
Ein Beispiel, das besonders stark ins Gewicht fällt, ist die Fassade. Es handelt sich bekanntlich um eine optisch sehr komplexe, flächige Betonfassade. In der Machbarkeitsstudie von 2022 hat man anhand von Probebohrungen abzuschätzen versucht, wie gross der Sanierungsbedarf ist. Im Rahmen des späteren Projekts, das die Gemeindeversammlung bewilligt hat, hat man dann deutlich vertieftere Untersuchungen vorgenommen, um die konkreten Sanierungsmassnahmen festlegen zu können.
Mit welchem Resultat?
Es zeigte sich, dass die Fassade weit stärker von Korrosion betroffen ist als ursprünglich angenommen. Allein die Fassadensanierung fällt deshalb heute rund dreimal so teuer aus wie ursprünglich geplant. Das liegt einerseits daran, dass man tiefer in die Substanz hineingeschaut hat, andererseits aber auch daran, dass die Schäden in der Zwischenzeit weiter fortgeschritten sind. Es ist letztlich die Summe verschiedener Faktoren, die zu dieser Kostensteigerung führt.
Es braucht zuerst noch etwas Zeit, bis sich die Wut und die Empörung gelegt haben.
Tobias Diener
Gemeindepräsident Fällanden (FDP)
Vor zwei Jahren hat die Bevölkerung an der Gemeindeversammlung den Startschuss für die Sanierung genehmigt. Wieso hat es so lange gedauert, bis man die effektiven Kosten ausgemacht hat?
Wenn man ein Vorprojekt ausführt, sind zwei Jahre nichts Aussergewöhnliches. Bei öffentlichen Bauten ist das Vorgehen, das wir gewählt haben, normal. Bevor man mit dem Ausführungsprojekt startet, muss man die Details sauber ausschaffen und vertieft abklären.
An der besagten Gemeindeversammlung hat ein Stimmbürger die geschätzten Kosten von rund 14 Millionen Franken als «unrealistisch» bezeichnet. Er stellte einen Rückweisungsantrag, der allerdings chancenlos blieb. Heute muss man sagen: Der Mann hatte offenbar recht. Weshalb ist der Gemeinderat nicht auf die gleiche Einschätzung gekommen?
Der Kern unserer Arbeit war immer die Machbarkeitsstudie von 2022. Dort ist der grosse Fehler passiert. Und daraufhin haben wir im beleuchtenden Bericht für die Urnenabstimmung und später die Gemeindeversammlung eine falsche Zahl geliefert – das ist das Happige an der Geschichte.
Darum wird erneut abgestimmt
Die Stimmberechtigten von Fällanden hatten sich 2023 in einem Variantenentscheid für die Sanierung des Gemeindehauses für 14 Millionen Franken und gegen einen Neubau für 33 Millionen ausgesprochen. Nun zeigt sich: Die Sanierung würde nach aktuellen Berechnungen rund 29 Millionen Franken kosten. Die ursprüngliche Kostenschätzung auf Basis einer Machbarkeitsstudie von 2022 habe den tatsächlichen Sanierungsbedarf deutlich unterschätzt, teilt die Gemeinde mit. Da die Stimmberechtigten ihren Entscheid auf falschen Annahmen gefällt hatten, soll die Abstimmung im ersten Halbjahr 2027 wiederholt werden. (dam)
Nun hat die Gemeinde das laufende Sanierungsprojekt sistiert und veranlasst, dass die neu berechneten Sanierungskosten von 29 Millionen Franken durch eine Zweitmeinung verifiziert werden. Weshalb hat man dies nicht schon vor der ersten Urnenabstimmung veranlasst?
Das ist im Nachhinein eine berechtigte Frage. Allerdings wäre es ein unübliches Vorgehen, wenn wir zu einer bestehenden Machbarkeitsstudie eine Zweitmeinung einholen würden. Das machen wir auch nicht bei den vielen Bauprojekten, die wir in unserer Gemeinde haben. Was aber klar ist: Das, was hier passiert ist, darf kein zweites Mal vorkommen. Wenn wir wieder mit Zahlen an die Öffentlichkeit treten, dann müssen sie niet- und nagelfest sein.
Mit dem Schritt einer erneuten Urnenabstimmung ist der Gemeinderat einer drohenden Stimmrechtsbeschwerde beim Bezirksrat zuvorgekommen.
Nein, darum geht es nicht. Der Punkt ist, dass wir der Bevölkerung bei der Entscheidung über Sanierung oder Neubau falsche Informationen geliefert haben. Wir haben eine erneute Abstimmung nicht wegen der Angst vor einer Stimmrechtsbeschwerde angesetzt, sondern, weil es notwendig ist. Das einzig anständige Vorgehen ist, die Bevölkerung nochmals entscheiden zu lassen. Auch wenn wir von Gesetzes wegen dazu nicht verpflichtet wären, wäre ein Fortführen ohne erneuten Urnenentscheid unredlich. Ausserdem hätte über die Vorlage mit 29 statt den prognostizierten 14 Millionen Franken ebenfalls noch abgestimmt werden müssen. Und diese hätte an der Urne kaum eine Chance gehabt.
Dabei taucht wieder der Neubau als Abstimmungsoption auf. Diesmal in einer redimensionierten Variante mit möglichen Alterswohnungen. Wird sich der Gemeinderat abermals für den Neubau aussprechen?
Das wissen wir noch nicht. Erst muss die ausgearbeitete Variante mit dem Neubau vorliegen. Die erwähnten Alterswohnungen wären aber eine separate Fragestellung. Durch einen Neubau könnte lediglich Platz für so ein Vorhaben geschaffen werden.
Was ist noch übrig vom Projektierungsgeld in Höhe von 1,2 Millionen Franken, das der Souverän für die Sanierung genehmigt hat?
Rund 800'000 Franken. Die würden bei einem neuerlichen Entscheid für eine Sanierung weiter in das Projekt einfliessen.
Anfang 2028 oder 2029 wollte die Gemeinde mit der Sanierung starten. Mit wie viel Verzögerung rechnen Sie nun?
Mit eineinhalb Jahren bei einem Entscheid für die Sanierung. Wenn sich die Bevölkerung für den Neubau entscheidet, muss noch ein neuer Projektierungskredit beschlossen werden. Dann rechnen wir mit zwei Jahren Verzögerung.
Nach all dem Ärger über die falschen Zahlen: Erwarten Sie nun gehässige Reaktionen aus der Bevölkerung?
Mir ist klar: Im Moment müssen wir noch nicht über die Zukunft sprechen. Es braucht zuerst noch etwas Zeit, bis sich die Wut und die Empörung gelegt haben. Letztlich sind wir aber da, um gemeinsam die Zukunft zu gestalten.

