Illnau-Effretikon: Parlament gibt grünes Licht für zweites Hochhaus
Grossüberbauung im Zentrum
Das Stadtparlament von Illnau-Effretikon winkt einen Gestaltungsplan mit einem 55 Meter hohen Hochhaus im Zentrum durch – obschon das Projekt optisch keine Begeisterungsstürme auslöst.
Hochhäuser im Zentrum von Illnau-Effretikon? Diese Vorstellung mag immer noch abstrakt wirken, doch sie wird schon bald Realität. Die Rückbauarbeiten für das 55 Meter hohe Wohn- und Geschäftshaus Roots beim Bahnhof Effretikon stehen unmittelbar bevor, die Bauherrschaft verkündet auf ihrer Projektwebsite einen «Bezug ab 2028».
Nun hat das Stadtparlament nachgelegt: An seiner Sitzung vom Donnerstagabend bewilligte es mit 21 zu 9 Stimmen den nächsten Gestaltungsplan im Rahmen der Zentrumsentwicklung Bahnhof West. Auf dem Baufeld E, das direkt nördlich des Roots-Hochhauses zwischen Hinterbühl-, Rikoner- und Illnauerstrasse liegt, ist auf einem Areal von 6600 Quadratmetern eine Grossüberbauung mit 65 Prozent Wohnungs- und 35 Prozent Büro- und Gewerbeflächen vorgesehen. Das Herzstück: ein Hochhaus mit 55 Metern Höhe.


Der Weg dorthin war indessen alles andere als einfach. Die grosse Fläche, die hohe Dichte, die Ansprüche der Anwohner und die komplexe verkehrstechnische Erschliessung haben nicht nur den Arealplanern viel Arbeit beschert. Auch das Parlament musste sich mächtig reinknien.
Deal mit drei Immobilien
Bevor es sich überhaupt mit dem privaten Gestaltungsplan befassen durfte, galt es, zuerst die Frage der Bodenverhältnisse zu klären. Damit die Bereuter AG ihr Projekt gemeinsam mit der Seewarte AG realisieren kann, muss sie nämlich der Stadt die beiden in die Jahre gekommenen Liegenschaften an der Hinterbühlstrasse 1 und 3 für 2,23 Millionen Franken abkaufen und diese dann auf eigene Kosten rückbauen.
Die Volketswiler Baufirma schlug der Stadt vor, dem Deal eine Liegenschaft in ihrem Besitz beizulegen: ein adrettes Wohnhaus aus den 1990er Jahren für 3,9 Millionen Franken mit sechs Wohnungen und zehn Parkplätzen an der Eschikerstrasse 35 in Effretikon.
Unter dem Strich müsste die Stadt so 1,67 Millionen Franken an die Bereuter AG zahlen. Ein Geschäft, das der Stadtrat für lukrativ und strategisch wertvoll erachtet – insbesondere hinsichtlich eines künftigen Tauschs oder zur Bereitstellung von günstigem Wohnraum für das Sozial- und Asylwesen.
Investition oder Spekulation?
Während sich das Parlament bezüglich des Verkaufs der beiden städtischen Liegenschaften einig zeigte, teilte es sich in der Frage des Hauserwerbs entlang der ideologischen Gräben.
So fand Beatrice Ehmann von der GLP stellvertretend für die Pro-Seite, dass sich hier eine nicht alltägliche Chance biete, sich aktiv an der Stadtentwicklung zu beteiligen. «Der Kauf bietet uns finanzielle Flexibilität. Es handelt sich nicht um ein Luxusobjekt, sondern um eine Investition in unsere soziale und finanzielle Zukunft.»

Auf der anderen Seite argumentierte Stefan Fässer von der FDP, dass das Haus strategisch nicht gut liege und es trotz einer respektablen Rentabilität nicht Aufgabe der Stadt sei, mit Immobilien Geld zu verdienen. Vor allem aber findet er den Kauf in der aktuellen finanziellen Lage der Stadt deplatziert: «Die Stadt verfolgt aktuell eine Desinvestitionsstrategie. Sich nun eine neue Liegenschaft zu kaufen, passt da nicht dazu.»
In der finalen Abstimmung zeigten sich denn auch klare Linien: SP, Grüne, GLP und Mitte sprachen sich geschlossen für den Erwerb der Wohnliegenschaft aus und obsiegten mit 17 zu 14 Stimmen. Pikant ist dabei, dass die SVP mit vier abwesenden Ratsmitgliedern das Zünglein an der Waage spielte: Wäre die Partei in Vollbesetzung präsent gewesen, wäre der Hauskauf nicht zustande gekommen.
Alle Auflagen erfüllt
Ähnlich animiert verlief die anschliessende Diskussion um den Gestaltungsplan, die allerdings unter dem Vorbehalt stand, dass der Kanton die geplante Zufahrt über die Illnauerstrasse noch bewilligen muss.
Alle waren sich einig, dass der Bau ein Gewinn für Illnau-Effretikon wird und dass die Bauherrschaft die von der Stadt im Masterplan auferlegten Anforderungen erfüllte. Gleichwohl fand sich aber auch kein Votant, der sich über das Erscheinungsbild des Hochhauses wirklich begeistert zeigte.


Diesbezüglich das wohl grösste Kompliment verteilte FDP-Frau Katharina Morf, die betonte, dass Schönheit immer im Auge des Betrachters liegt. Sie dankte den involvierten Akteuren dafür, dass sie Illnau-Effretikon zu einer neuen Visitenkarte verhelfen und schob nach: «Denn das ist auch bitter nötig.»
Beat Bornhauser (GLP) zeigte sich wesentlich zerknirschter. Er votierte zwar für die Annahme des Gestaltungsplans und nannte das Projekt insbesondere auch hinsichtlich der Integration des Schwammstadtkonzepts «interessant». Zum Hochhaus meinte der Leukämieforscher mit Arbeitsplatz im neu eröffneten Prestigebau des Kinderspitals Zürich wenig schmeichelhaft: «Ist das wirklich die Zukunft von Effretikon?»
Er nahm damit Befindlichkeiten auf, die schon im Zuge der öffentlichen Auflage geäussert wurden und letztlich dazu geführt hatten, dass die Bauherrschaft bei der Fassade gewisse Anpassungen vorgenommen hatte. Doch wirklich überzeugt scheinen ihn diese Retouchen nicht zu haben.
Desillusionierte Linke
Dezidiert anders sah das die Ratslinke. Annina Annaheim (SP) störte sich daran, dass an der Fassade keine Photovoltaik vorgesehen ist, dass das energietechnische Konzept nicht den neusten Standards entspricht und im Schwammstadtkonzept nur Baumgruben, aber keine Sickersteine vorgesehen sind.
«Die Stadt hat mit dem Label Energiestadt Gold eine Vorbildfunktion, die sie hier nicht wahrnimmt», warf sie dem Stadtrat vor. Es gelte die aktuellste Norm, die im Februar dieses Jahrs festgesetzte SIA Norm 390/1, zu verfolgen. Eine Vorgabe, die Hochbauvorsteherin Rosmarie Quadranti (Die Mitte) mit dem Verweis konterte, dass man die Spielregeln nicht während des Spiels ändern dürfe.
Doch auch mit ihrem Argument, dass nun erstmals der Zeitpunkt gekommen sei, auf die Gestaltung dieses Projekts politisch einzuwirken, kamen SP und Grüne nicht weit. «Ich spüre nirgends Begeisterung. Kann es das wirklich sein?», fragte Markus Annaheim zum Ende seines Votums leicht desillusioniert. «Ja», fand das Parlament in der Abstimmung. Mit deutlichen 21 zu 9 Stimmen.
Ausserdem …
… schloss sich an die Gestaltungsplanentscheide direkt ein Postulat für nachhaltige Hochhäuser an (ökologisch, ökonomisch, sozial). Der Postulant Arie Bruinink (Grüne), der sich vor allem auf Holz-Hybrid-Häuser bezog, stiess damit eine Grundsatzdebatte an. Letztlich beschloss das Plenum mit 19 zu 12 Stimmen, dem Stadtrat den Auftrag zu geben, Standorte für ein oder mehrere Hochhäuser mit mehr als 55 Meter zu identifizieren. Bei Eignung soll über nötige Anpassungen (Richtplan, BZO, etc.) angestossen werden.
… wurde über die Antwort des Stadtrats zum Postulat betreffend Lehrschwimmbecken debattiert. Es wurde letztlich einstimmig abgeschrieben. Allerdings kam aus der GLP und der SP der Einwurf, dass der Stadtrat zwar eine Auslegeordnung gemacht und das Problem erkannt hat, aber keine Lösung präsentiert.
… wurde die Abrechnung über den Projektierungskredit für den Neubau des Vierfachkindergartens Rosswinkel, Effretikon, mit Ausgaben von 648’466 Franken einstimmig genehmigt. Bei der Präsentation des RPK-Berichts kritisierte der Referent Arie Bruinink (Grüne) wegen der unzureichend aufbereiteten Abrechnung und dem zeitlichen Verzug scharf.
… hat das Stadtparlament die Abrechnung des Objektkredits für die Optionen bei der Sanierung der Schulanlage Watt (ungebundene Ausgaben) mit Gesamtkosten von 753’558 Franken und Mehrkosten von 50’182 Franken genehmigt.