Wenn aus dem «Regio Plus» ein «Regio Minus» wird
Stadtparlament Illnau-Effretikon
Das Stadtparlament wollte die lokale Berichterstattung in Illnau-Effretikon stärken, die Bemühungen des Stadtrats mündeten im Gegenteil. Warum Mitte-links das nicht hinnehmen will.
Man muss nicht seiner Meinung sein, doch den Preis für die kreativste Metapher der Parlamentssitzung dürfte Kilian Meier kaum jemand absprechen wollen.
«Ich komme mir vor, als hätte ich den Stadtrat zum Essen eingeladen und ihn gebeten, einen Kuchen mitzubringen. Doch dieser kommt dann nicht nur mit leeren Händen – er montiert mir auch noch den Kühlschrank ab.»
Der Fraktionschef der Mitte Illnau-Effretikon bringt damit seine Entgeisterung über die Antwort auf ein überparteilich abgestütztes Postulat zum Ausdruck. In diesem war der Stadtrat vor etwas mehr als einem Jahr einstimmig «eingeladen» worden, zu prüfen und aufzuzeigen, wie die Berichterstattung über das lokale Geschehen in Illnau-Effretikon «umfassender, attraktiver und partizipativer» werden kann.
Das Resultat der Bemühungen: Ab Oktober erscheint das bisherige amtliche Publikationsorgan, die Gratiszeitung «Regio 1» aus dem Haus der Zürcher Oberland Medien AG, nur noch jede zweite statt wie bislang jede Woche. Die amtlichen Publikationen werden ab dann auf der Website der Stadt aufgeschaltet, womit 80’000 Franken eingespart und im Gegenzug die eigenen digitalen Kanäle – etwa mittels Newsletter – gestärkt werden.
Oder in Kilian Meiers Worten: «Ein Leistungsabbau.»
Auf die Absage folgt der Rückzug
Tatsächlich ist die Diskrepanz zwischen dem, was man sich insgeheim erhofft hatte, und dem, was man nun hat, beträchtlich. Wobei der Stadtrat sie in seiner Antwort vor allem mit zwei externen Faktoren erklärt.
Der erste Faktor wäre die gewandelte finanzielle Lage der Stadt. Die aus der Sicht des Stadtrats favorisierte Variante eines «Regio Plus» mit mehr Inhalten und einem kombinierten Onlineportal hätte gemäss der Offerte der ZO Medien AG jährliche Mehrkosten von 150’000 Franken zur Folge gehabt. Zu viel, wie das Gremium angesichts des anstehenden Sparpakets 2026 fand – und das der ZO Medien AG im Dezember 2024 mitteilte.

Beim zweiten Faktor handelt es sich um die anschliessende Entscheidung der ZO Medien AG, sich mit dem «Regio 1» aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr als wöchentlich erscheinendes amtliches Publikationsorgan zu bewerben. Stattdessen will sie das Blatt ab Oktober nur noch alle 14 Tage herausgeben. So, wie sie es bei den anderen vier «Regios» für die Regionen Uster, Pfäffikon, Wetzikon und Rüti bereits seit Anfang Jahr tut.
Stadtpräsident Marco Nuzzi (FDP) sagt denn im Verlauf seiner Ausführungen vor dem Plenum auch: «Wir wollen nichts beschönigen: Aus dem ‹Regio Plus› ist ein ‹Regio Minus› geworden.»
Mitte-links will mitreden
Die Reaktionen darauf sind zuweilen heftig. Die SP-Fraktionschefin Annina Annaheim wirft dem Stadtrat «Intransparenz» vor, weil er die Entscheidung über das «Regio Plus» ohne Einbezug des Parlaments getroffen hat. Und Arie Bruinink (Grüne) fordert gar, dass der Stadtrat noch einmal mit der ZO Medien AG in Verhandlungen tritt.
Etwas temperierter drückte sich Ralf Antweiler von den Grünliberalen aus, der das Postulat mit dem aktuellen Parlamentspräsidenten Simon Binder (SVP) ursprünglich formuliert hatte. Für ihn gehe aus der Antwort des Stadtrats deutlich hervor, dass dieser keine Notwendigkeit für eine Verbesserung sehe.
«Der Stadtrat kann uns keinen Antrag stellen, den er selbst nicht unterstützt. Dennoch ist es schade, dass wir im Parlament nicht die Gelegenheit erhalten, darüber zu diskutieren, was uns eine lokale Berichterstattung wert ist.»
Gleichzeitig nimmt Antweiler auch die ZO Medien AG in die Verantwortung. «Es wäre eine Chance gewesen, ein gutes Angebot zu machen und dafür enthusiastisch zu werben – und zwar nicht nur beim Stadtrat.»
Der neue Zustand, das macht der GLP-Fraktionschef klar, ist für ihn nicht hinnehmbar. Auch unter dem Eindruck der jüngsten Redaktionskonzentration im Haus der TX-Gruppe, die den Winterthurer «Landboten» erheblich dezimiert hatte, fürchtet er eine «News-Wüste», wie man sie aus den USA kennt.
Deshalb schlägt er vor, dass eine «Delegation von Interessierten» noch einmal Gespräche mit der ZO Medien AG aufnimmt, um die Situation zu verstehen. Bezüglich seines Postulats fordert er den Saal dagegen auf, gegen die Abschreibung zu stimmen – «um ein Zeichen zu setzen».
Bürgerliche freuen sich über Sparmassnahme
Die bürgerliche Ratsseite stellt sich dagegen voll hinter den Stadtrat. SVP-Fraktionspräsident Daniel Huber spricht von einer «vorausschauenden Entscheidung» und einer «Chance», um mehr Menschen auf die stadteigene Website zu ziehen.
Obschon er das «Regio» sehr gern lese, sei die Konzentration im Printgeschäft nun mal ein Fakt. «Es macht wenig Sinn, einem sinkenden Schiff einen sechsstelligen Betrag an Bord zu werfen und zuzuschauen, wie es sinkt. Deshalb sehe ich den Stadtratsentscheid als optimale Sparmassnahme.»
Stefan Eichenberger, Hubers Pendant bei der FDP, schliesst sich diesem Votum an: «Für uns liegt die Zukunft in den digitalen und insbesondere in den sozialen Medien – nicht im Print. Wir wollen keine Lokalmedien, die am Tropf der Stadt hängen. Stattdessen sind wir erfreut über die Entlastung unseres Haushalts.»
Den von Vorredner Antweiler formulierten Vorschlag, das Postulat nicht abzuschreiben, sieht er als wenig zielführend. Dies würde nur zu einem Ergänzungsbericht führen, der nichts am Entscheid ändern und im Parlament nicht mehr diskutiert würde. «Was ihr wollt, könntet ihr eher mit einem neuen Vorstoss erreichen.»
Nur eine Strafaufgabe?
Sein Rat bleibt indessen unerhört. Nach einer kurzen Beratungspause stimmen die Fraktionen diszipliniert ab. Geschlossen entscheiden Grüne, SP, Mitte und GLP gegen SVP, FDP und EVP mit 16 zu 13 Stimmen, das Postulat nicht abzuschreiben.
Eine Strafaufgabe in Form eines Ergänzungsberichts für den Stadtrat? «Das können Sie so sehen», entgegnet der Postulant Ralf Antweiler nach der Sitzung. «Das Thema soll nicht erledigt sein, weil es nicht erledigt ist. Es gibt immer noch Verbesserungsmöglichkeiten zu eruieren, auch innerhalb des vorliegenden Stadtrat-Antrags. Wichtig ist, dass wir klären, was wir überhaupt wollen.»
Was er so direkt nicht sagt, aber auf der Hand liegt: Ein neuer Vorstoss aus dem Parlament wird folgen. In welcher Form, mit welchem Inhalt und von welchen Initianten, wird sich zeigen.
Weiterhin für Illnau-Effretikon
Die Diskussion im Parlament von Illnau-Effretikon zeigt, wie sehr das Thema Medienvielfalt die Gemüter bewegt. Ganz besonders gefreut hat mich persönlich, wie sehr das «Regio» den Menschen in Illnau-Effretikon am Herzen liegt. Ob wöchentlich oder alle 14 Tage: Das «Regio» bleibt hier wie dort ein Bestandteil des Lebens im Oberland: Wir berichten als unabhängiges und selbständiges Medienunternehmen weiterhin und mit Freude und Engagement über das gesellschaftliche Leben und über die Vereine in den Gemeinden.
Daran wird sich auch nichts ändern. Auch mit unseren Tageszeitungen «Zürcher Oberländer» und «Anzeiger von Uster» werden wir die politische Information und die Diskussion begleiten und moderieren, so wie wir das seit 1852 tun. Illnau-Effretikon liegt uns am Herzen und gehört zu unserem Gebiet – auch und ganz besonders im «Regio».
Die Veränderungen in der Zürcher und der schweizerischen Medienwelt gehören zur Entwicklung in der Branche und hinterlassen nicht nur Gewinner. Das bestreitet niemand. In Zeiten, in denen immer mehr Gemeinden keine amtlichen Publikationen in Printprodukten mehr veröffentlichen, ist es umso wichtiger, dass sich regionale Medienunternehmen wie die Zürcher Oberland Medien mit qualitativ hochwertigem Journalismus, der auf Nähe, Verlässlichkeit und Engagement setzt, behaupten können.
Lokale Berichterstattung ist weit mehr als nur Information: Sie schafft Identität, verbindet Menschen und stärkt den gesellschaftlichen Zusammenhalt, wie die Diskussion in Illnau-Effretikon zeigte. Deshalb setzen wir uns auch weiterhin mit voller Kraft für ein lebendiges «Regio» und einen starken «Zürcher Oberländer/Anzeiger von Uster» ein. Darauf können Sie sich verlassen.

Ausserdem …
… beantwortete der Stadtrat sieben Kurzanfragen.
… wurde die Kreditabrechnung über 552’410 Franken für die Ortsplanungsrevision einstimmig genehmigt und ein Nachtragskredit über 7410 Franken bewilligt.
… wurde die Interpellation von Thomas Hildebrand (FDP) betreffend eine Standortbestimmung der Stadtpolizei nach 20 Jahren besprochen.
… wurde die Antwort zur Interpellation von Arie Bruinink (Grüne) betreffend die Einführung der dynamischen Beleuchtung besprochen.
… wurde die Interpellation von Urs Gut (Grüne) betreffend die Situation der weissen Parkzonen mündlich von Stadtrat Michael Käppeli (FDP) beantwortet – was in dieser Form ein Novum war. Die anschliessende Diskussion gestaltete sich äusserst lebendig, das Thema dürfte spätestens im Rahmen der Revision der Parkierungsordnung wieder aufs Tapet kommen. (mmu)
