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Gesundheit

«Mit 30 Millionen Franken wäre unsere Existenz gesichert»

Die Verwaltungsratspräsidentin Sacha Geier überrascht an einem Anlass des Wirtschaftsforums Uster mit einer spannenden Aussage.

Sacha Geier, Verwaltungsratspräsidentin des Spitals Uster, sprach über die Zukunft des Hauses.

Foto: PD

«Mit 30 Millionen Franken wäre unsere Existenz gesichert»

Spital Uster – quo vadis?

Verwaltungsratspräsidentin und Interims-CEO stehen an einem Anlass des Wirtschaftsforums Uster Rede und Antwort. Auch ein Experte ordnet die Lage des Spitals Uster ein.

«Warum brauchen wir von unseren Aktionärsgemeinden 40 Millionen Franken, wenn doch 30 Millionen reichen würden?» An einem geschlossenen Anlass des Wirtschaftsforums Uster (WFU) lässt die in den Raum geworfene Frage von Sacha Geier, der Verwaltungsratspräsidentin des Spitals Uster, aufhorchen. Schrieb das Spital doch Ende Oktober in einer Medienmitteilung, die auch auf der Website der Gesundheitsinstitution einsehbar ist:

«Die Spital Uster AG braucht eine Aktienkapitalerhöhung von 40 Millionen Franken, um die Eigenkapitalquote auf ein existenzsicherndes Niveau zu bringen. Andernfalls droht der Konkurs.»

Im Verlauf des Dienstagabends wird Geier erklären, weshalb für das Spital, den grössten Arbeitgeber der Stadt, der Betrag von 40 Millionen Franken so wichtig ist.

Das Hoffen auf Antworten

Wohin geht es für das Spital Uster? Auf diese Frage will das Wirtschaftsforum Uster eine Antwort. Und hat dafür neben der Verwaltungsratspräsidentin auch den CEO ad interim, Vital Schreiber, und Paul Sailer, Director Beratung Gesundheitswesen bei PwC Schweiz, eingeladen.

Zahlreiche Gäste haben sich in der Cavalleria des Reitvereins Uster eingefunden, neben diversen Gemeinderäten sind auch Stadtpräsidentin Barbara Thalmann (SP) und Stadträtin Karin Fehr (Grüne) anwesend. Sie alle dürften die Bedenken, die WFU-Präsident Jürg Schibli eingangs äusserte, teilen. «Ich mache mir persönlich grosse Gedanken über die finanziellen Sorgen des Spitals. Und ich hoffe, dass Sacha Geier und Vital Schreiber aufzeigen können, wie die finanzielle Entwicklung weitergehen soll», sagt er.

Spital Uster ist systemrelevant

2018 gab es schweizweit 271 Spitäler. «Sie alle sind einem extrem hohen finanziellen Druck ausgesetzt», erläutert Paul Sailer in einem Inputreferat zu Beginn des Abends. «Entwicklungen wie Wettbewerb, der Preisdruck, nicht kostendeckende Tarife insbesondere für ambulante Behandlungen, digitale Transformation, Fachkräftemangel oder sich verändernde Patientenbedürfnisse stellen die Spitäler vor grosse Herausforderungen», so der Experte. Um innovative Wege zu beschreiten und Projekte wie die digitale Transformation zu stemmen, müssten Spitäler Gewinn erwirtschaften. Das sei jedoch schwierig mit nicht deckenden Tarifen.

Impressionen vom WFU-Inside-Anlass zur Zukunft des Spitals Uster am 14. November 2023.
Paul Sailer, Gesundheitsexperte von PwC Schweiz, erklärt: «Das Spital Uster ist systemrelevant.»

«Durch den Druck auf die Tarife seit Einführung einer schweizweit einheitlichen Vergütung von stationären Behandlungen 2012 kam es zu einer ungesteuerten Konsolidierung von Spitälern, die auch grosse und für die Versorgung notwendige Spitäler in Existenznöte gebracht hat», erklärt Sailer die vergangenen Entwicklungen. Und malt ein düsteres Bild: «Der Fachkräftemangel, der durch die Pandemie akzentuiert wurde, wird sich weiter verschärfen, eine riesige Lücke wird entstehen.» Heisst in konkreten Zahlen: 40’000 Pflegekräfte und 5000 Ärzte werden dem System fehlen. Die Grundversorgung wird zum Problem.

«Für die Versorgung in der Region ist das Spital Uster aber wichtig, das Haus ist systemrelevant.» Über 10’000 stationäre und 70’000 ambulante Fälle im letzten Jahr könnten vermutlich nicht einfach von der Karte verschwinden.

Allerdings ist es genau das – das eigene Verschwinden –, das dem Spital Angst bereitet. Und um das zu verhindern, braucht es Geld. Sacha Geier erklärt der anwesenden Runde noch einmal, wie es dazu kam: Abschreibungen der Planungskosten aus dem gestoppten Bauvorhaben «Vrenelisgärtli» – wo man übrigens sehr froh darüber ist, dass der Bau «zum Glück nicht» gekommen ist. «Gerade im Hinblick auf die aktuellen Entwicklungen von stationärer zu ambulanter Behandlung wüssten wir nicht, wie wir den Bau künftig noch hätten füllen sollen respektive eine solche Bausumme künftig abzuschreiben wäre.»

Aber auch das Operationsverbot während der Pandemie sowie eine langsame Strategieentwicklung hätten dazu geführt, dass das Spital auf Geld angewiesen sei. «Wenn wir unser Eigenkapital nicht aufstocken können, müssten wir wegen fehlender Liquidität Konkurs anmelden.» Die Worte von Sacha Geier sind auch an diesem Abend deutlich.

Die Aktienkapitalerhöhung

Das Spital Uster ist als AG organisiert und wird von zehn Aktionärsgemeinden getragen. Diese haben anteilsmässige Anteile, die bis 2026 gebunden sind und sich auf ein Aktienkapital von 20 Millionen Franken belaufen. Aufgrund von Verlusten ist das Aktienkapital und damit auch die Eigenkapitalquote gesunken. Diese muss gemäss einer Vorgabe der Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich auf 30 Prozent erhöht werden.

Die Aktionärsgemeinden stellten sich an einer ausserordentlichen Versammlung im Oktober hinter die Aktienkapitalerhöhung, die Uster, den grössten Minderheitsaktionär mit 49,63 Prozent, am meisten finanziell belasten würde. Die Stadt Uster ist bereit, bis zu 20 Millionen Franken einzuschiessen und ihren bisherigen Anteil von knapp 10 Millionen Franken somit zu verdreifachen. Die neun anderen Gemeinden sind auch gewillt, ihr Aktienkapital zu erhöhen. Greifensee, Mönchaltorf und Russikon wollen das aber nicht in vollem Umfang tun. Über die Aktienkapitalerhöhung entscheidet am Ende das Volk. Je nach Gemeinde an der Gemeindeversammlung oder an der Urne. (erh)

Im Frühjahr, als bekannt wurde, dass das Spital eine Aktienkapitalerhöhung braucht, war es die Ustermer Stadtpräsidentin und Verwaltungsrätin Barbara Thalmann, die sagte: «Insgesamt braucht es 40 Millionen Franken.» Immer wieder in Gemeinderatsbeschlüssen und Weisungen, die das Thema Aktienkapitalerhöhung zum Gegenstand haben, ist die Rede von maximal 40 Millionen Franken, die das Spital braucht. Auch Ende Oktober klingt es noch so.

Doch an diesem Abend sagt Geier: «Mit 30 Millionen Franken wäre unsere Existenz gesichert. Und die guten Verhandlungen mit den Städten und Gemeinden in den letzten Wochen und Monaten haben gezeigt, dass wir sehr zuversichtlich sein können, diese Summe zu erreichen.» Die 10 zusätzlichen Millionen sind vorgesehen für zeitnahe Sanierungen und die Erweiterung sowie Modernisierung der Notfallstation. «Bekommen wir die 10 Millionen Franken nicht, müssen wir das Geld erwirtschaften und können nicht unmittelbar in die Notfallversorgung investieren.»

Rentabel unterwegs

Die Verwaltungsratspräsidentin führt in ihren Schilderungen, die am Ende des Abends ein Zuhörer als «Marketing-Event» bezeichnen wird, die Konsequenzen aus, sollte das geforderte Aktienkapital nicht zusammenkommen. «Bis 2026 haften die Aktionärsgemeinden gemäss Fusionsgesetz für ihre Verbindlichkeiten. Die Kosten eines Konkurses würden sich nach einer von uns in Auftrag gegebenen Studie auf 100 Millionen Franken belaufen.»

Dass das Gesundheitszentrum rentabel betrieben werden könne, habe das letzte Jahr durchaus gezeigt. «Letztes Jahr wären wir selbsttragend gewesen und hätten 5 Millionen Franken erwirtschaftet, wären die Abschreibungen nicht gewesen. Sie sehen also: Ja, wir sind gut unterwegs.» Der erarbeitete Businessplan sei von mehreren Banken und Beratungsfirmen als zielführend beurteilt worden.

«Die Gesundheitsdirektion hat uns Leistungsaufträge erteilt», untermauert die Verwaltungsratspräsidentin ihre Argumente. «Und alle Abschreibungen im Zusammenhang mit dem gestoppten Bauprojekt sind abgeschlossen.»

Gesundheitszentrum statt Spital

In Zukunft sehe sich das Spital – «übrigens das Spital Uster ist bereits heute schon der drittgrösste Player für Weiter- und Ausbildungen im Kanton hinter Triemli und Universitätsspital mit einem Anteil von 18,6 Prozent Lernenden» – als ein in ein Netzwerk eingebettetes Gesundheitszentrum. «Kooperationen sind uns wichtig.» Dazu gehörten Spitex, Arztpraxen, Alters- und Pflegeheime sowie andere Kliniken wie Hirslanden oder Universitätsspital. Dass dieser vom Spital eingeschlagene Weg der richtige wäre, erklärte auch vor wenigen Wochen ein Ustermer Gesundheitsexperte.

Die Vorteile für ein Gesundheitszentrum Uster lägen auf der Hand: «Wir befinden uns in der grössten Wachstsumsregion des Kantons, zudem verfügt unser Haus über eine extrem offene Unternehmenskultur.»

Ihre flammende Rede beendet Geier mit den Worten: «Die Gesundheit ist das höchste Gut, das wir bekommen. Die Aktienkapitalerhöhung ist für uns überlebenswichtig.» Sie sei das Medikament, das es jetzt brauche, «um die Wunden der Vergangenheit zu heilen». Es handle sich um eine lohnenswerte Investition in unsere Gesundheit.

In der anschliessenden Diskussions- und Fragerunde zeigt sich Gesundheitsexperte Paul Sailer überzeugt von den Ausführungen zur Strategie des Spitals. «Natürlich ist das schwierig zu beurteilen nach 20 Minuten, aber die Ansätze, die ich gehört habe, stimmen mich zuversichtlich.» Und auch CEO Vital Schreiber hält fest: «Ich habe schon unzählige Businesspläne gesehen, aber unserer ist der erste, bei dem ich nicht die Stirn runzeln musste.»

Impressionen vom WFU-Inside-Anlass zur Zukunft des Spitals Uster am 14. November 2023.
Sacha Geier und Vital Schreiber sind zuversichtlich, dass die Aktienkapitalerhöhung zustande kommt.

Eine Frage des Vertrauens

Eine gewisse Skepsis ist allerdings zu spüren, spätestens dann, als die Frage gestellt wird, wie das Spital denn letztlich das Stimmvolk überzeugen wolle. Verwaltungsratspräsidentin Sacha Geier erklärt darauf, dass das Vertrauen in den Räten spürbar sei. «In den letzten zehn Monaten ist das Vertrauen ins Spital gestiegen, alle Gemeinden sind uns sehr zugewandt.»

Das Vertrauen des Stimmvolks wird sich in den kommenden Abstimmungen zeigen. 40 oder 30 Millionen Franken sind ein grosser Unterschied. Wenn man die von den Gemeinderäten und Parlamenten bewilligten Beträge zusammenzählt, werden die 30 Millionen wohl deutlich überschritten.

Angesprochen auf die Frage, warum das Spital stets von 40 Millionen Franken und nicht dem Mindestbetrag gesprochen habe, antwortet die Verwaltungsratspräsidentin beim Apéro: «Das haben wir vorher im Detail den Gemeinden erklärt, und sie haben es anscheinend verstanden. Es wurde nicht nochmals bei uns nachgefragt.»

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