Das Glüschtli nach dem Tiramisu
Diese Geschichten, Reportagen, Porträts, Geschehnisse und Schicksale haben unsere Redaktorinnen und Redaktoren 2025 nachhaltig geprägt. Heute: der Wirt, der beim Fasten ans Dessert dachte.
Es näherte sich der Fastenmonat der Moslems, als eine meiner Vorgesetzten mit einer Idee kam: «Mir chöntet doch über Mensche schribe, wo imene Reschti schaffet und Ramadan machet.» Ich war begeistert, weil ich mir überhaupt nicht vorstellen konnte, wie man dies überhaupt schafft.
Als Jugendliche hatte ich die eine oder andere fastende Freundin, also wollte ich es damals auch versuchen. Nur für einen Tag. Und es blieb auch bei dem einen Tag, denn ich versagte kläglich. Nach dieser Erfahrung konnte ich mir erst recht nicht vorstellen, wie man das Hungergefühl an einem normalen Tag in unserem westlichen System überhaupt überlebt. «Es isch ebe andersch, wenn du dich dra gwönt häsch», versicherten mir meine Freundinnen.
Doch von den Jugendjahren zurück in die Redaktion: Selbstverständlich gab es Kritiken zu diesem Thema, da einige das religiöse Fasten mit Extremismus verwechselten. Trotzdem machte ich mich auf die Suche nach «dene vilne Mensche, wo s warschinlich betrifft», wie ich mit meiner Vorgesetzten spekulierte.
Eigentlich wollte ich Menschen aus den verschiedensten Ländern interviewen und so die Vielfalt der Musliminnen und Muslime aufzeigen. Vielleicht würden sich die Aussagen grundlegend unterscheiden. Doch nachdem ich ein Restaurant nach dem anderen abgeklappert hatte, war ich über das Ergebnis erstaunt: Ich hatte nichts. Keine einzige Person.
Es gab solche, die nicht fasteten, andere, die mit der Sprachbarriere zu kämpfen hatten, und wieder andere, die auf keinen Fall als fastende Moslems in der Zeitung erscheinen wollten.
Ich wollte schon aufgeben, als ich auf Mirsad Esati stiess, den Geschäftsführer des albanischen Restaurants Plisi in Dübendorf. Auch er war anfangs noch etwas skeptisch und wollte einen Beweis, dass ich wirklich Journalistin bei einer seriösen Zeitung bin. Kurz darauf sprachen wir über seine Familiengeschichte, seine Jugend, über sein Fasten und schon bald über das Tiramisu seines Restaurants.
Immer dann, wenn er an der Vitrine mit den Desserts vorbeilief, gluschtete es ihn nach dem Tiramisu. Er beschrieb dieses Verlangen so bildhaft, mit so viel Humor und – ich übertreibe wirklich nicht – mit einem Funkeln in den Augen. Ihm ist während des Erzählens wahrscheinlich das Wasser im Mund zusammengelaufen. Mir auch.
Das Verlangen nach einem unerreichbaren Dessert konnte ich gut nachempfinden. Aber auch, dass er es längst vergessen hatte, sobald er das Fasten brach. So lernte ich, dass es nie wirklich um den Verzicht von Essen, sondern um Hingabe aus dem einen oder anderen Grund geht. Und auch das ist für mich absolut nachvollziehbar.
