Vom Hunger und von der Vermischung von Gut und Böse
Geschichten, die in Erinnerung bleiben
Diese Geschichten, Reportagen, Porträts, Geschehnisse und Schicksale haben unsere Redaktorinnen und Redaktoren 2025 nachhaltig geprägt. Heute: Eine Zeitzeugin des Zweiten Weltkriegs erzählt.
2025 war das Jahr, in dem sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 80. Mal jährte. Unvorstellbar irgendwie. 80 Jahre – im Durchschnitt ein ganzes Leben, das seit damals vergangen ist.
Viele Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sind bereits gestorben. Menschen, die das Unheil des Zweiten Weltkriegs mitten in Europa und darüber hinaus miterlebt hatten und sich heute nicht mehr an diese Zeit, die Verzweiflung, die Angst und die Not erinnern können.
Margrit Gräser rief mich an, als ich Newsdienst beim ZO/AvU hatte. Sie wirkte aufgewühlt. Sie habe Berichte über das Kriegsende im Fernsehen gesehen. «Es ist Zeit, meine Geschichte zu erzählen», sagte die 88-Jährige am Telefon. Die Medienbeiträge zum 80. Jahrestag im Mai haben bei der Hinwilerin Erinnerungen freigesetzt, die lange geschlummert hatten.
Kurz darauf sass ich in ihrer Küche. Gräser war ein kleines Mädchen, als der Krieg endete. Während sie sprach, schossen ihr immer wieder Tränen in die Augen.
Auch ich spürte eine Gänsehaut. Und eine leise Verwirrung: diese Gleichzeitigkeit von anscheinend Alltäglichem und tiefem Schrecken. Als sie etwa erzählte, dass sie zu Weihnachten von einem deutschen Soldaten ein Kinderbuch geschenkt bekam – und sich noch heute sichtlich darüber freut –, und im nächsten Satz berichtete sie vom jüdischen Nachbarsmädchen, das mit seiner Familie in einen Waggon gepfercht wurde und nie mehr zurückkam.
Gräser wuchs in Ungarn auf, einem Land, das mit den Nazis kollaborierte. Jede Familie musste deutschen Soldaten ein Zimmer abgeben. Diese Gleichzeitigkeit der Erfahrungen – Nähe und Angst, Menschlichkeit und Mitläufertum, berührte mich besonders, während ich in ihrer Küche sass und zuhörte.
Sie erzählte auch, wie der Krieg dann zwar offiziell vorbei war, das Elend jedoch blieb. Wie alle jubelten – aber der Hunger immer grösser wurde. Ihre Mutter stellte Fallen für Vögel auf. Und der Mangel an Salz sei schlimmer gewesen als der fehlende Zucker.
Mich berührte diese Geschichte tief. Weil sie Menschlichkeit inmitten einer furchtbaren Zeit zeigt. Weil eine Frau nach acht Jahrzehnten spürt, dass sie endlich sprechen muss. Und weil viele von uns vielleicht auch Dinge aus der Kindheit verdrängen – bis etwas sie wieder an die Oberfläche bringt. «Ich will nicht, dass sich die Geschichte wiederholt», sagte Gräser.
Ich will positiv bleiben und hoffe sehr, dass wir alle aus unseren Fehlern lernen. Dass wir in schwierigen Momenten einen Schritt zurücktreten und durchatmen.
Gerade in der Weihnachtszeit wäre es doch so einfach, etwas menschenfreundlicher unterwegs zu sein. Weniger radikal zu reagieren. Die Gegenseite auch einmal anzuhören, bevor sich Fronten verhärten.
Probieren Sie es doch im Kleinen – vielleicht während der Familienfeiern, wenn der komische Onkel oder die mühsame Tante zum wiederholten Mal eine wütend-distinguierte Bemerkung zu Gaza oder der Ukraine macht – oder eine abwertende Bemerkung zu Ihrem Partner oder Ihrem Single-Dasein. Bitte erst durchatmen.
