«Man kann sich kaum vorstellen, was wir damals erlebt haben»
Zeitzeugin des Zweiten Weltkriegs
Margrit Gräser ist im Zweiten Weltkrieg in Ungarn aufgewachsen. Sie erzählt in Hinwil vom Überleben, vom Hunger und vom Mut ihrer Mutter.
Die Berichte über den 80. Jahrestag zum Ende des Zweiten Weltkriegs in den Medien im Mai haben bei Margrit Gräser vieles wachgerufen. «Es ist Zeit, meine Geschichte zu erzählen», sagt die 88-Jährige am Telefon.
Sie, die seit 69 Jahren in Hinwil lebt, weiss, was es bedeutet, wenn der Krieg direkt vor der Haustür tobt. «Ich möchte nicht, dass sich die Geschichte wiederholt.»
Ihre Tochter bestätigt später: Die Mutter habe früher kaum über den Krieg gesprochen. «Wahrscheinlich habe ich vieles einfach verdrängt», sagt Gräser. Doch jetzt, 80 Jahre später, kehren die Erinnerungen zurück. In ihrer Küche in Hinwil sitzt die Zeitzeugin, 88 Jahre alt, mit wachem Blick. Ihre blauen Augen wirken klar – doch einen Moment sucht sie nach Worten.
Der Vater war Käser aus der Schweiz
Margrit Gräser kam 1937 zur Welt, als Tochter eines Schweizers, der eine Ungarin geheiratet hatte. Sie lebten in Rábahídvég, einem kleinen ungarischen Dorf nahe der österreichischen Grenze, nur etwa anderthalb Autostunden von Graz entfernt. Ungarn trat 1941 als Verbündeter von Nazi-Deutschland in den Krieg ein, 1944 befahl Hitler die Besetzung des Landes.
Als Gräser sieben Jahre alt war, verlor sie ihren Vater. Emil Züger starb zu Hause an einer Krankheit – mitten im Krieg, inmitten von Unsicherheit und Lärm. Zurück blieben seine Frau Anna und zwei kleine Töchter.

Emil Züger war ein gebürtiger Schweizer aus dem Kanton Schwyz, ein gelernter Käser. Dieses Handwerk brachte er nach Ungarn, er hatte dort die Ungarin Anna Raposa geheiratet und mit ihr eine Familie gegründet – mit acht Kindern.
Doch der Krieg warf lange Schatten. In kluger Voraussicht hatte Züger schon 1939, zu Beginn des Zweiten Weltkriegs, gehandelt: Er schickte die sechs ältesten Kinder in die Schweiz – in Sicherheit, in sein Heimatland.
«Er sagte zu meiner Mutter: Die älteren Kinder sind in der Schweiz besser aufgehoben und können eine gute Ausbildung geniessen», erinnert sich die Hinwilerin. Margrit und ihre vier Jahre ältere Schwester Theres blieben bei der Mutter.
Die Familie wurde auseinandergerissen. Gräsers ältere Geschwister kamen über die Pro Juventute in der Schweiz in ganz unterschiedlichen Familien unter – und hatten genug zu essen. Dafür wurden sie von ihrer leiblichen Mutter getrennt – und konnten sie erst viele Jahre später wieder sehen. «Das hat mein älterer Bruder auch noch auf dem Sterbebett belastet», erinnert sich Gräser gerührt.
Weihnachten im Krieg
Trotz der deutschen Besatzung versuchte die Mutter, Hoffnung zu bewahren. «Sie schmückte den Weihnachtsbaum mit roten Äpfeln und stellte ihn ans Fenster – für alle sichtbar. Damit wollte sie den anderen Dorfbewohnern Mut machen.»


Gräser erinnert sich noch an ein Geschenk eines deutschen Soldaten: ein Märchenbuch. «Tischlein deck dich» sei ihre liebste Geschichte gewesen – auch nach dem Krieg, als der Hunger immer schlimmer wurde. Denn mit der Befreiung ging das Leiden weiter.
Unvereinbares im Ausnahmezustand
Die Zeitzeugin sitzt 81 Jahre später in ihrer Hinwiler Wohnung und erzählt, ohne zu werten. Für das Kind muss es eine widersprüchliche Welt gewesen sein, aber es kannte nichts anderes. In jedem Haus mussten Zimmer für deutsche Soldaten bereitgestellt werden. Man lebte unter einem Dach mit dem Feind sozusagen – ohne das so zu benennen.
«Wir mussten alle den Hitlergruss machen», erzählt sie nüchtern. Wenn ein Trupp durch das Dorf zog, sollten sich alle flach auf den Boden legen. Fenster mussten nachts verdunkelt werden, Radio hören war verboten.
Gräser erinnert sich an eine Kindheitsfreundin, die mit ihrer jüdischen Familie deportiert wurde: «Wie Vieh wurden sie in Waggons gezwungen, die dann zugenagelt wurden.» Sie hat es mit eigenen Augen gesehen, wie die Züge weggefahren sind. «Alle dachten, sie kämen zurück. Doch sie kamen nie wieder.»
Flucht in den Wald
Als die Front näher rückte, baute die Wehrmacht eine Panzerfalle direkt vor ihrem Haus. Dann kam der Befehl: Evakuierung. Die Dorfbewohner wurden in den Wald geführt, in eine provisorische Senke, die mit Ästen und Laub bedeckt war, um den Ort zu tarnen. «Zwei Monate lebten wir praktisch unter freiem Himmel», erzählt Gräser.
Sie erinnert sich an Schüsse, die über den Unterschlupf hinweg pfiffen. An den Durst. An Babys. «Die Frauen, die gerade geboren hatten und noch stillten, gaben etwas Milch an die Kranken ab.» So konnten diese überleben.
Der Krieg endet – das Grauen bleibt
Im April 1945 marschierte die Rote Armee in Ungarn ein. Am 8. Mai kapitulierte die deutsche Wehrmacht – der Zweite Weltkrieg war zu Ende. Die Dorfbewohner atmeten auf und durften zurück in ihre Häuser. Doch die Freude hielt nicht lange an: «Das Schlimmste war, als wir unsere verwüstete Wohnung sahen.»
Die Zeitzeugin wird diesen Anblick nie vergessen. «Blut und tote Soldaten in den Betten, Hühnerköpfe, die im Garten herumlagen.» Aus Angst zog die Mutter mit den beiden Mädchen vorübergehend in den leeren Kuhstall.
Der Hunger – und die Kraft einer Mutter
Das Grauen hatte noch kein Ende. Denn dann kam auch der Hunger. Alles war geplündert. «Im Nachhinein denke ich immer wieder, wie stark meine Mutter doch gewesen sein muss», sagt Gräser. Eines Tags sei sie mit einer Kuh nach Hause gekommen. «So konnten wir wenigstens zwei Tage lang von der Milch trinken – bis der rechtmässige Besitzer die Kuh wieder abgeholt hat.»
Ihre Mutter habe dauernd nach Lösungen gesucht und sei sehr erfinderisch gewesen. «Mit einer Schnur hat sie eine Falle für Spatzen gebaut.» Die 88-Jährige wisse nicht, ob man das heute schreiben dürfe, aber ihre Mama habe daraus eine Suppe gekocht. «Das Schlimmste war jedoch der Mangel an Salz», das habe gefehlt.
Der Schutzbrief als mentale Unterstützung
Das ehemalige Dritte Reich wurde von den Siegermächten Grossbritannien, USA, Frankreich und der Sowjetunion in vier Besatzungszonen aufgeteilt. Ungarn fiel nach Kriegsende unter sowjetische Kontrolle. 1949 rief das Regime die Volksrepublik Ungarn aus – ein sozialistischer Staat nach dem Vorbild Moskaus. Für viele Menschen änderte sich das Leben radikal.
Auch Anna Züger, Margrit Gräsers Mutter, musste fortan auf dem Feld arbeiten. Grossgrundbesitzer wurden enteignet, Eigentum neu verteilt – doch der Alltag blieb geprägt von Mangel und harter Arbeit.
«Was meiner Mutter während des Kriegs und auch danach Halt gab, war der Schweizer Schutzbrief.» Gräser hat den Brief heute noch, sie bewahrt ihn in einem Fotoalbum auf. Auch dieser Brief war ein Vermächtnis des Schweizer Vaters. Das Papier musste kurz vor seinem Tod ausgestellt worden sein, datiert ist es auf das Jahr 1944.
Ein «Schweizerischer Schutzbrief» während des Zweiten Weltkriegs bezog sich vor allem auf die Funktion der Schweiz als Schutzmacht für andere Staaten. Er war ein diplomatisches Instrument, wenn Staaten ihre Beziehungen abbrachen.

Die Mutter habe diesen Brief während und nach dem Krieg immer stolz unter den Arm geklemmt bei sich getragen. Margrit Gräser schaut mit ihren wachen klaren Augen auf: «Dabei weiss ich gar nicht, ob der Brief im Ernstfall wirklich geholfen hätte.»
Sie vermutet, dass der Brief aber als Kraftquelle gedient habe, einfach weil die Mutter daran glaubte. «Sie war eine gläubige Frau, jeden Abend betete sie und schloss alle ihre Kinder ins Gebet mit ein.» Gräser kannte die Namen ihrer Geschwister in der Schweiz nur deswegen.
Eine Reise in die Schweiz
Schon kurz nach dem Krieg durfte die damals Neunjährige mit dem Roten Kreuz für einen Monat zum ersten Mal in die Schweiz reisen. Ihre Stimme klingt bewegt, wenn sie davon erzählt: «An jedem Bahnhof wurden wir mit Musik empfangen. Wir wurden als die überlebenden Kinder gefeiert.»
Am schönsten war für sie aber das Wiedersehen mit ihrem älteren Bruder Peter. «Er arbeitete am Bahnhof Buchs und nahm mich in die Arme, als wir ankamen.» An das Gefühl dieser Vertrautheit kann sie sich noch gut erinnern.
Wenn Margrit Gräser auf ihr Leben zurückblickt, erfüllt sie vor allem eines: Dankbarkeit. Für ihre Familie, für ihre Enkel – und dafür, dass sie den Krieg überlebt hat. «So etwas kann man sich heute kaum noch vorstellen», sagt sie leise. Sie überlegt eine Weile, dann sagt sie: «Vielleicht ganz gut, wenn einem gar nicht so bewusst war, welcher Gefahr man eigentlich ausgesetzt ist.»
Dennoch ist sie eine eher ängstliche Person geblieben. Noch Jahre später duckte sie sich instinktiv, wenn ein Flugzeug am Himmel vorbeiflog.
Die aktuellen Nachrichten aus der Ukraine verfolgt sie mit grosser Betroffenheit. Zu vieles erinnert sie an das, was sie selbst durchlebt hat. Doch bei aller Erschütterung bleibt ihr Blick auf das Menschliche gerichtet.
«Am liebsten würde ich Putin sagen, er soll diesen Krieg sofort beenden», sagt sie mit bewegter Stimme. Sie denke dabei nicht nur an die ukrainische Bevölkerung – sondern auch an die vielen jungen Männer auf russischer Seite, die völlig unnötig ihr Leben verlieren. «Das ist so sinnlos.»
Nach Hinwil gezogen
Noch einmal ein Blick zurück: Ungarn wurde auch Jahre nach dem Krieg kein sicherer Ort. 1956 begann der Volksaufstand in Ungarn, der durch die sowjetische Armee blutig niedergeschlagen wurde. Die Grenzen wurden geschlossen. Mutter Anna konnte mit den zwei Töchtern in die Schweiz fliehen. Grosse Strecken legten sie zu Fuss zurück – mit nichts als dem, was sie auf sich trugen.
Gräser rang mit dem Neuanfang – in der Schweiz war alles so anders als zu Hause. «Das war schwer für mich.» Doch sie fand Halt: im Restaurant Freihof in Hinwil. Ihre Schwester Magda Kohler führte den Betrieb damals gemeinsam mit ihrem Mann. Dort fand sie Arbeit und ein neues Zuhause. Sie war stolz, da ihr erstes eigenes Geld verdienen zu können und unabhängig ihr eigenes Leben aufzubauen.
