Auf der Suche nach Liebe beim Senioren-Dating in Uster
Geschichten, die in Erinnerung bleiben
Diese Geschichten, Reportagen, Porträts, Geschehnisse und Schicksale haben unsere Redaktorinnen und Redaktoren in diesem Jahr nachhaltig geprägt. Heute: Liebe im hohen Alter.
Wer kennt es nicht? Die Zeit vergeht wie im Flug, wenn man mit dieser einen Person zusammen ist. Jedem Satz – nein, jedem Wort – folgt man aufmerksam. Und das leichte Kribbeln im Bauch bestärkt das Gefühl, das man für seinen Seelenverwandten empfindet.
Zugegeben, es ist eine sehr romantische Vorstellung vom Verliebtsein. Dennoch gibt es diese Seite. So erinnerte ich mich dieses Jahr beim Besuch eines Senioren-Datings in Uster an jenen Moment, als ich vor mehr als acht Jahren meiner Liebe fürs Leben meine Gefühle offenbarte.
Damals waren wir noch eher unbeholfen, und es spielte viel Unsicherheit mit. Man muss sich eben erst schrittweise besser kennenlernen. Aber die Spannung und das Kribbeln waren unvergesslich schön.
Nun sass ich plötzlich im Pflegezentrum Im Grund beim Slow Dating für Menschen über 60. Da spürte ich die Sehnsucht nach Freundschaften, aber vor allem auch jene nach Liebe. Es war herzerwärmend zu sehen, wie die Seniorinnen und Senioren aufblühten und vor Energie sprühten. Ob einzelne ein bisschen von diesem Kribbeln im Bauch fühlen konnten, wie ich damals?
Dass ich – in diesem intimen Moment – als stiller Beobachter das Geschehen mitverfolgen durfte, war nicht selbstverständlich. Noch vor dem Start des Slow Dating hatte sich die Gruppe darüber ausgetauscht, ob sie mich überhaupt dabeihaben wollten.
Der Einblick war für mich besonders spannend, da ich das erste Mal ältere Menschen auf der Suche nach Liebe erlebte. Und ich wurde gleich in mehreren Punkten überrascht.
Dating im Alter unterscheidet sich gar nicht so stark von dem der jungen Generation. Die grösste Hürde dürfte wohl der erste Schritt sein. Ist das Eis einmal gebrochen, steht einem stundenlangen Austausch nichts mehr im Weg. Im Gespräch gilt es herauszufinden, ob das Gegenüber in Sachen Sympathie, Humor, Aussehen, persönliche Einstellung und Interessen den Erwartungen entspricht.
Von der Diakonin der Reformierten Kirche Uster, die den Event ins Leben gerufen hat, erfuhr ich zudem etwas Interessantes: Seniorinnen haben es bei der Suche nach Liebe schwieriger als Senioren. Denn Frauen leben im Schnitt länger als Männer, die Auswahl an potenziellen Partnern ist somit kleiner. Ein Geschlechterverhältnis, das auch das Slow Dating widerspiegelte.
Ausserdem werden Männer, deren Ehepartnerinnen gestorben sind, oft von Seniorinnen aus dem sozialen Umfeld umsorgt. Umgekehrt gibt es die Erwartungshaltung, dass Frauen die Herausforderung selbst meistern.
Nicht zuletzt gehört immer etwas Glück dazu, dass zwei Menschen zueinanderpassen und der Funke überspringt. Ob zwischen den Seniorinnen und Senioren vom Slow Dating mittlerweile neue Freundschaften entstanden sind, oder vielleicht sogar eine Beziehung, ist mir leider nicht bekannt. Jedenfalls würde ich es ihnen von Herzen wünschen.
