Eine Reise nach Asien mit Lektionen fürs Leben
Diese Geschichten, Reportagen, Porträts, Geschehnisse und Schicksale haben unsere Redaktorinnen und Redaktoren dieses Jahr nachhaltig geprägt. Heute: Eine Reise in eine andere Welt.
Fünf Monate Strand, Sonne und Cocktails – mit dieser Aussicht hätte das Jahr 2025 für mich nicht besser starten können. Vor mir lag eine Reise quer durch Südostasien: kristallklares Wasser, pompöse Tempel, lange Nächte, exotische Tiere und jede Menge Street Food. Und die kalte Schweiz hinter mir.
Doch mein letzter Stopp auf den Philippinen sollte nicht nur aus Ferien bestehen. Denn Rolf Hediger aus Effretikon engagiert sich seit Jahren in einem Hilfswerk für Kinder auf der philippinischen Insel Mindanao – der perfekte Zeitpunkt, eine Reise mit einer Auslandsreportage zu verbinden!
Im April fuhr ich also mit der Nachtfähre nach Cagayan de Oro, der Hauptstadt der Insel Mindanao. Thomas Kellenberger, Gründer und Leiter der Hilfsorganisation Island Kids Philippines, holte mich am Hafen ab und brachte mich ins Kinderdorf. Dort angekommen, wurde ich gleich von den 7- bis 15-jährigen Mädchen in Beschlag genommen. Sie bewunderten meine blonden Haare, zeigten mir selbst geschriebene Gedichte, integrierten mich in Kartenspiele. Wäre ich nach einer Stunde wieder gegangen, hätte ich gedacht, in einem Hort zu Besuch gewesen zu sein.
Doch Thomas holte mich auf den Boden der Tatsachen zurück. Er erzählte mir von den Schicksalen der Kinder, von häuslicher und sexueller Gewalt, von Drogenmissbrauch, Armut, Hunger und Krankheiten.
Kurz: Vom Alltag auf der philippinischen Mülldeponie, wo die Kinder im Kinderdorf herkommen, und dem Teufelskreis, in dem sie gefangen sind.
Er zeigte mir die Strassen Cagayan de Oros, und ich sah Kinder, die dort zwischen Kabelmüll und stinkendem Abfall leben, die nach frischem Wasser betteln und bereits mit 11 Jahren in der Prostitution gefangen oder süchtig nach Schuhkleber sind. Er erzählte mir von den letzten 18 Jahren, seit denen die Hilfsorganisation besteht. Von Morddrohungen, Entführungen und politischen Intrigen. Aber auch von Erfolgsgeschichten: Von Kindern, die dank der Organisation ihren Schulabschluss machten, studieren konnten – und als Erwachsene zurück ins Hilfswerk kamen, um der nächsten Generation zu helfen.
Ich verbrachte drei Tage mit einem Mann, der sein sicheres Leben in der Schweiz aufgab und es den philippinischen Kindern der Mülldeponie verschrieb. Vor allem aber erlebte ich Menschen und Kinder, die trotz Angst und Armut, Gewalt und Perspektivlosigkeit dankbar für das sind, was sie haben. Ich lernte, dass Helfen wirklich Perspektive schafft, wenn jemand mit vollem Herzblut und Durchhaltewillen dahintersteht.
Ich begriff, wie dankbar ich eigentlich sein kann, zufälligerweise in eine viel bessere Welt geboren worden zu sein. Und ich entschied, dass auch ich einen Beitrag leisten kann, um jenen zu helfen, die nicht so viel Glück hatten.