Schweizer Projekt hilft Kindern auf philippinischer Mülldeponie
Zwischen Armut und Kriminalität ist in den Philippinen eine Insel der Hoffnung entstanden. Ein Effretiker engagiert sich seit Jahren für die Hilfsorganisation, die Kindern aus misslichen Verhältnissen eine Perspektive gibt.
In diesem Artikel geht es unter anderem um sexuelle Gewalt.
Lonelyn wurde von ihrer Tante zu sexuellen Handlungen mit ihrem Bruder gezwungen. Die Tante hat die Videos dann im Internet verkauft.
So erzählt Thomas Kellenberger in einem italienischen Restaurant über den Dächern der etwa 1,5-Millionen-Stadt Cagayan de Oro auf den Philippinen von einem zwölfjährigen Mädchen, das seinem Hilfswerk von der Polizei übergeben wurde.
Dass solche Schicksale hier auf der philippinischen Insel Mindanao zum Alltag gehören, ist schwer greifbar, ist das Land doch ein Paradies für Reisebegeisterte, Tauchfans und Sonnenanbeter.
Doch während man auf einigen der über 7600 philippinischen Inseln Cocktails schlürfen und der Meeresbrise lauschen kann, weht ein paar Kilometer weiter ein ganz anderer Wind – wortwörtlich.
Ein Nährboden für Kriminalität
Über der ehemaligen Mülldeponie von Cagayan de Oro hängt der Smog tief, und die Hitze tut ihren Beitrag. Es riecht nach verbranntem Plastik und verrottetem Essen. Zwischen all den Müllbergen schauen Wellblechdächer hervor, die sich aneinanderreihen und eine ganz eigene Welt beherbergen: Hier leben in einer Baracke bis zu fünf Familien, teilweise mit mehr als sechs Kindern, auf engstem Raum zwischen Milchkartons und Kabelschrott.





Die 2015 geschlossene Mülldeponie ist nicht grundlos das Zuhause von rund 800 Menschen – denn sie ist ihr Kapital. Noch immer verdienen sich die Familien hier ihren Tageslohn mit dem Sortieren und Weiterverkaufen von Rohstoffen und wiederverwertbaren Materialien wie Kupfer, PET-Flaschen, Karton oder Aluminium. Armut ist hier an der Tagesordnung und nur eines der Probleme: Die Deponie wie auch andere Slums in der Stadt sind vor allem ein Nährboden für Krankheiten und Kriminalität.
Nicht selten gehören deshalb Missbrauch innerhalb der Familie, Prostitution, Drogenabhängigkeit oder körperliches wie seelisches Leid zum Alltag von Thomas Kellenberger und seinem Team der Philippine Island Kids Foundation. «Diese Kinder werden ohne Perspektive geboren. Es ist ein Teufelskreis», sagt er.
Nicht mehr wegschauen
Deshalb gründete Kellenberger 2007 die gemeinnützige Organisation. Auch Rolf Hedinger aus Effretikon ist seit früher Stunde Teil davon und engagiert sich im Vorstand. Vor allem bei medizinischen Anliegen ist er Kellenbergers rechte Hand (siehe Interview).
Island Kids Philippines – die Organisationen
Die beiden Vereine Island Kids Philippines Schweiz und Deutschland unterstützen zwei Stiftungen im Norden der philippinischen Insel Mindanao.
Die Stiftung Philippine Island Kids Foundation, Inc. (PIKIFI) in Cagayan de Oro setzt sich seit 2007 für Strassenkinder, Wertstoffsammlerkinder und deren Familien auf den Philippinen ein. Als staatlich anerkanntes Hilfswerk bietet PIKIFI missbrauchten, vernachlässigten, verstossenen und von extremer Armut betroffenen Kindern Nahrung, Unterkunft und Schutz durch familienähnliche Betreuung in einem eigens errichteten Kinderdorf.
Zudem eröffnet sie den Kindern durch eine gute Schulbildung sowie praktische Ausbildungen bis hin zum Universitätsabschluss echte Zukunftsperspektiven.
Die Mitglieder beider Fördervereine arbeiten ehrenamtlich, und es gibt kein Werbebudget. Dadurch entstehen nahezu keine Verwaltungskosten, und die Spendengelder kommen direkt und vollumfänglich den unterstützten Kindern zugute.
Rolf Hedinger aus Effretikon ist seit nunmehr zehn Jahren Teil des Vorstands des Vereins Island Kids Philippines und engagiert sich seither sowohl vor Ort als auch von der Schweiz aus in diversen Bereichen.
Zusammen haben Kellenberger und Hedinger seither viele gemeinsame Ziele erreicht – und das wortwörtlich. So begleitete Hedinger Kellenberger teilweise auf dessen Reise zu Fuss von Interlaken auf die Philippinen, die Kellenberger 2021 startete, um Spenden zu generieren.


Dass Kellenberger seit nunmehr 15 Jahren nicht mehr die Schweiz sein Zuhause nennt, war nicht geplant. «Als ich 2007 das erste Mal auf die Insel kam, wollte ich wie viele andere einfach nur Ferien machen.» Doch als er an der Mülldeponie vorbeifuhr und die Kinder sah, blies er kurzerhand den Tauchurlaub ab. Die Schicksale und Lebensumstände, mit denen er dann konfrontiert wurde, liessen ihn nicht mehr los.
Drei Jahre später gab er sein Leben in Bern und seinen gut bezahlten Job als Polizist auf – und verschrieb sich der Aufgabe, etwas für die Menschen und vor allem die Kinder der Mülldeponie und der Strasse zu tun. «Ich konnte einfach nicht mehr wegschauen.»
Seither ist viel passiert: Das Hilfswerk errichtete zwei Tagesschulen, ein Kinderdorf für besonders vernachlässigte und/oder missbrauchte Kinder und ein Frauenhaus, organisierte Schulbusse, engagierte Sozialarbeiter, Lehrer und Sozialpädagogen und begann 2024 mit dem Aufbau einer Farm südlich der Stadt.
Kein Ort ohne Hoffnung
Heute werden über 800 Kinder aus Armutsverhältnissen in den Schulen der Philippine Island Kids Foundation unterrichtet. «Wir versuchen, die Kinder in ihrem gewohnten Umfeld bei den Familien zu lassen. Das ist aber leider nicht immer möglich», erzählt Kellenberger.
Die rund 75 Kinder im Kinderdorf, die nicht nur die Schule besuchen, sondern auch ihr Zuhause dort gefunden haben, traf das Schicksal besonders hart – so auch die zwölfjährige Lonelyn, die von ihrer Tante zu schrecklichen Dingen gezwungen worden war.
Kinderprostitution, Missbrauch, Drogen – sie haben bereits in jungen Jahren eine harte Vergangenheit hinter sich. Hört man von den Geschichten der Familien und vor allem der Kinder, würde man einen hoffnungslosen Ort vermuten.



Doch das Kinderdorf ist eine Insel der Hoffnung. Es wird gemeinsam gekocht und gegessen, gemalt und gespielt. Es wird gesungen, getanzt und gelacht. Statt auf Traurigkeit trifft man hier auf grosse Kinderträume.
«Ich werde mal die Präsidentin der Philippinen», erzählt Lonelyn. Manche von ihnen schreiben Gedichte, andere lesen für ihr Leben gern. Der Alltag ist eben Alltag – trotz allem.
Ein gefährliches Leben
Die Keule der Realität schlägt umso härter zu, wenn Kellenberger dann von den Geschichten erzählt, die manche Kinder erleben mussten. «Angel wurde seit ihrem 13. Lebensjahr zwangsprostituiert», sagt er. «Liam war hochgradig abhängig von Schuhkleber, den er geschnüffelt hat, als wir ihn unter der Brücke aufgelesen haben.»
Dass er diese Kinder aus ihrem Umfeld holt, um ihnen eine echte Perspektive zu bieten, trifft nicht nur auf Wohlwollen. «Unser Team hat auch schon Morddrohungen bekommen. Ausserdem passiert es, dass Verwandte oder korrupte Anwälte die Kinder entführen wollen.»
Denn Kellenberger und sein Team holen die Kinder nicht nur aus den Missständen, sondern wehren sich auch juristisch. Dutzende Male gingen sie vor Gericht und sorgten dafür, dass die Täter hinter Gittern landeten. Es ist ein gefährliches Leben, dem sie sich verschrieben haben. Glücklicherweise könne die Foundation mittlerweile auf die Unterstützung der philippinischen Regierung zählen.
«Und wenn du abends ins Dorf kommst und die Kinder strahlend auf dich zu rennen oder du jemandem zum Uniabschluss gratulierst, der mit elf Jahren unter der Brücke wohnte und drogenabhängig war, dann hat sich alles gelohnt.»
Der Weg aus dem Teufelskreis der Armut
Dass sich Kellenbergers enormes Engagement lohnt, zeigt sich auch in Zahlen. Seit der Gründung der Foundation haben über 700 Kinder ihren Schulabschluss erfolgreich absolviert, viele von ihnen sind zur Universität gegangen: Bislang haben 13 Studentinnen und Studenten erfolgreich mit einem Bachelor abgeschlossen, viele in sozialen Berufen. «Unser Fokus liegt ganz klar auf der Schulbildung. Sie ist der Weg aus dem Teufelskreis der Armut», sagt er.
Neben Sozialarbeitern, Sozialpädagogen und Lehrpersonen sind Dutzende angehende Sozialarbeiter in der Organisation in einem Praktikum engagiert, die täglich Aufklärungsarbeit vor Ort auf der Mülldeponie leisten, Kinder abholen und animieren, zur Schule zu gehen, oder Eltern unterstützen.
Auch Thomas Kellenberger ist trotz vollem Terminplan immer wieder selbst auf den Strassen unterwegs und versucht, Kinder aus den prekären Verhältnissen für die Schule zu ermutigen. Nicht immer mit Erfolg – denn manche von ihnen können oder wollen trotz Armut, Hunger und fehlendem Frischwasser nicht ihre gewohnte Umgebung verlassen.
Ein kleines Stück Paradies
Seit fast 20 Jahren engagiert er sich dennoch unermüdlich. Doch ein Ende ist noch lange nicht in Sicht – denn gerade erst läuft sein neustes Projekt an.
Eine Farm südlich der Stadt Cagayan de Oro, die zur Selbstversorgung der Schule und des Kinderdorfs beitragen soll. «Es wird immer schwieriger, Spendengelder zu generieren», sagt er. Umso mehr mache er sich Gedanken um das Bestehen der Foundation – auch wenn es ihn nicht mehr gebe.
«Dank der Farm soll die Nahrungsmittelproduktion für Schule und Kinderdorf dereinst zumindest teilweise sichergestellt werden», erklärt er. Ausserdem sollen auf der Farm erlebnispädagogische Aktivitäten und Time-out-Plätze für Kinder in Krisensituationen geboten werden.


Auch für ihn und seine kleine Familie soll die Farm ein Zuhause werden. «Ich möchte mich langsam aus der Stadt zurückziehen und hier meinen Lebensmittelpunkt haben», sagt er. Auf dem kleinen Stück Paradies in den Bergen, dort soll sein Sohn aufwachsen.
Berührungspunkte mit Island Kids Philippines
Thomas Kellenberger ist regelmässig in der Schweiz, um Vorträge über seine Wanderung von Interlaken auf die Philippinen, über die Organisation und die Verhältnisse vor Ort zu halten.
So auch in der Garage in Wetzikon am 3. Dezember: Türöffnung ist um 18.30 Uhr, der Vortrag beginnt um 19 Uhr, und anschliessend gibt es die Möglichkeit, Fragen zu stellen.
Um bei Neuigkeiten auf dem Laufenden zu bleiben oder einen eigenen Beitrag zu leisten, kann man die Website islandkids.ch besuchen.