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Gesellschaft

Von Effretikon auf die Philippinen

«Helfen schafft wirklich Perspektive»

Rolf Hedinger aus Effretikon erzählt von seinem Engagement auf den Philippinen: Von Krankheiten, Dankbarkeit und einer Geschichte, die zeigt: Helfen schafft wirklich Perspektive.

Rolf Hedinger aus Effretikon engagiert sich seit rund 15 Jahren beim Hilfswerk Island Kids Philippines.

Foto: Marie Fredericq

«Helfen schafft wirklich Perspektive»

Seit Jahren setzt sich Rolf Hedinger aus Effretikon für die Kinder der Müllhalde in Cagayan de Oro ein. Er erzählt, was ihn am Projekt nachhaltig beeindruckt.

Rolf Hedinger aus Effretikon engagiert sich seit Jahren im Vorstand des Hilfswerks Island Kids Philippines. Er war seit 2010 mehrfach in Cagayan de Oro auf Mindanao vor Ort, begleitete Thomas Kellenberger, den Gründer der Organisation, ein Stück weit auf dessen Reise von Interlaken auf die Philippinen. Bis heute steckt er viel Herzblut, Zeit und finanzielle Mittel in die Organisation.

Sie engagieren sich seit Jahren für Island Kids Philippines. Wie und wo haben Sie davon erfahren?

Rolf Hedinger: Gemeinsam mit meinem Partner habe ich einen Vortrag von Thomas besucht. Wir waren so begeistert von seinem Engagement auf den Philippinen, dass wir ebenfalls einen Beitrag leisten wollten. Er hat dort etwas geschaffen, das wirklich nachhaltig Gutes hervorbringt und den Kindern eine echte Perspektive gibt.

Es klingt so, als hätte das grossen Eindruck hinterlassen.

Absolut. Auch Thomas selbst ist nicht nur als Gründer der Organisation, sondern auch als Mensch wunderbar. Wir sind seither gute Freunde.

In welcher Funktion sind Sie im Hilfswerk tätig?

Als ehemaliger Notfallpfleger bin ich nun über die Jahre vor allem in medizinischen Belangen Thomas’ Ansprechpartner geworden, egal, ob hier in der Schweiz per Telefon oder vor Ort. Ausserdem unterstütze ich bei der Organisation von Events – etwa bei Vorträgen, die Thomas hier in der Schweiz hält, um Spenden zu generieren.

Wann waren Sie zum ersten Mal auf den Philippinen?

Das war im Jahr 2010, als wir mit einem Team und zwei Ärzten aus Singapur eine Medical Mission, also einen medizinischen Hilfseinsatz, in Cagayan de Oro durchführen konnten.

Wie kann man sich das vorstellen?

Damals haben wir über 200 Kinder gegen Tetanus und Diphtherie geimpft, manche davon auch gegen Kinderlähmung oder Hepatitis. Kurz zuvor war eines der Kinder an Tetanus gestorben – ein schrecklicher Tod. Wegen eines Toxins kommt es zu Muskelkrämpfen und Überdehnungen, Atemnot und Herzversagen.

Ich will nicht sagen, dass unsere Probleme in der Schweiz keine sind – aber die Flughöhe ist eine andere.

Also passiert so was dort öfter?

Auf der Müllhalde, wo viele der Kinder leben, besteht eine sehr hohe Verletzungsgefahr. Wunden heilen nicht ab, und Infektionen entstehen. Viele Leiden, die wir in unserem Breitengrad gar nicht haben oder gut eindämmen konnten, sind auf den Philippinen ein Thema. Die Ärzte aus Singapur meinten, sie hätten Krankheiten gesehen, die sie sonst nur aus dem Lehrbuch kennten.

Solche Erfahrungen hinterlassen sicher einen bleibenden Eindruck.

Auf jeden Fall. Die Umstände vor Ort zu sehen, erdet einen auf einer ganz anderen Ebene.

Es ist gut vorstellbar, dass die Umstände dort ganz andere sind als hier in der Schweiz.

Dennoch will ich damit nicht sagen, dass unsere Probleme in der Schweiz keine sind – die Flughöhe ist einfach eine andere. Man ist als Schweizer in den Ferien oft mit anderen Lebensverhältnissen konfrontiert, aber wenn man diese Menschen mit ihrem Namen und ihren Geschichten näher kennenlernt, dann lässt einen das nicht so leicht wieder los.

Was hat Sie denn am meisten beeindruckt?

Die Schicksale der Kinder und ihre dennoch oft unbändige Lebensfreude.

Wie äussert sich das?

Ich habe Kinder kennengelernt, die wurden schwerstens körperlich und seelisch misshandelt, prostituiert, waren drogenabhängig – einfach, weil sie in dieses Milieu respektive diesen Teufelskreis hineingeboren wurden. Dennoch wird man immer mit einem Strahlen begrüsst, wenn man die Schule oder das Kinderdorf besucht.

Und was hatte das für Auswirkungen auf Sie?

Die Dankbarkeit und die Selbstverständlichkeit für das eigene Leben werden einem in solchen Momenten schlagartig klar. Und das führte in meinem Fall dazu, mich ebenfalls engagieren zu wollen.

Warum genau eigentlich Island Kids Philippines?

Ich weiss, dass die Philippinen nicht der einzige Ort sind, wo es Leid gibt. Aber Thomas’ Engagement und Hingabe für diese Sache haben einfach angesteckt. Ich kann mit reinem Gewissen sagen, dass hier jeder gespendete Franken an der richtigen Stelle ankommt – und wertgeschätzt wird. Dafür investiere ich gerne meine Zeit.

Damals war er mit elf Jahren stark abhängig nach dem Schnüffeln von Leimdämpfen. Doch dann hat es geklickt: Als einer der Besten aus den Philippinen und als erstes Kind von der Müllhalde schloss er die Universität ab.

Und wann geht es das nächste Mal auf die Philippinen?

Geplant ist, Thomas und die Kinder nächstes Jahr zu besuchen. Ich möchte unbedingt das neue Farmprojekt «Bata-Lima» besichtigen. Ausserdem möchte ich Nick-Josh besuchen – er war vor Jahren das Patenkind von mir und meinem Partner.

Was ist aus ihm geworden?

So einiges! Besonders wenn man bedenkt, wo er herkam: Damals war er mit elf Jahren stark abhängig nach dem Schnüffeln von Leimdämpfen und verschwand immer wieder aus der Schule. Plötzlich hat es dann geklickt: Als einer der Besten aus den Philippinen und als erstes Kind von der Müllhalde schloss er die Universität ab.

Eine Erfolgsgeschichte also.

Und wie. Es ist eine der Geschichten, die zeigen: Helfen schafft wirklich Perspektive.

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