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Arroganz und Vorurteil: Wenn man die Schande am Heck trägt

Die Redaktorin ist nun seit fast einem Jahr Autofahrerin. Und mit einer Zürcher Autonummer fährt es sich seelenruhig. Doch kaum wechselt sie das Nummernschild, wird sie wie eine Kriminelle behandelt.

AG. Achtung Gefahr! Oder heisst es vielleicht auch einfach nur Aargau? (Symbolbild)

Foto: Erik Hasselberg

Arroganz und Vorurteil: Wenn man die Schande am Heck trägt

Die Redaktorin ist nun seit fast einem Jahr Autofahrerin. Und mit einer Zürcher Autonummer fährt es sich seelenruhig. Doch kaum wechselt sie das Nummernschild, wird sie wie eine Kriminelle behandelt.

Im kommenden März wird meine bestandene Autoprüfung ein Jahr alt. Nach 49 Stunden und einer gefühlten Million Franken ist es endlich geschafft. In meiner Garage steht zwar noch kein E36, denn der Fahrschein hat mich so viel gekostet wie eines dieser BMW-Schmuckstücke auf dem Facebook-Marktplatz. Dafür fahre ich mit einem gemieteten Mobility-Citroën durch die Gegend. Und im C1 fühle ich mich, als hätte ich noch nie etwas anderes gemacht.

Ich finde mittlerweile Ausreden, um irgendwohin zu fahren. Mein Keller sieht beispielsweise aus, als wäre ich ausgezogen – das Entrümpeln mit Auto ist einfach fantastisch. Es ergab sich sogar die Gelegenheit, um regelmässig über die Kantonsgrenze hinauszufahren: Meine Eltern sind in den Aargau gezogen.

Was mir dort sofort auffiel, ist, dass unser Nachbarkanton seine Autos liebt. Das imponiert mir eigentlich. Doch so wie jede Schweizerin habe auch ich ein Vorurteil indoktriniert erhalten. So fest, dass ich mich wahrscheinlich noch daran erinnern könnte, wenn ich aus einem zehnjährigen Koma erwache und an Amnesie leide: Aargauer können nicht Auto fahren.

Und dies behauptet ja eine Menge sogenannte Experten. Wie etwa der Fahrer, der vor drei Jahren wegen Rasereien seinen Ausweis abgeben musste. Oder auch die Falschparkiererin, die Bussen sammelt wie Briefmarken. Auch der, der beim Zebrastreifen vor Kindern Gas gibt, statt zu bremsen. Und nicht zuletzt all die, die während der Fahrt ihr Handy benützen. Sie finden: «Aargauer sind eifach gföhrlich uf de Strass.»

Um aus dieser Expertengruppe nicht ausgeschlossen zu werden, machte ich mir sogar einen Spruch parat, um unbürgerliche Fahrerinnen und Fahrer zu konfrontieren: «Häsch dini Autoprüefig im Aargau gmacht, oder was?»

Mit meinem Mobility-Auto hatte ich noch nie Probleme. Alle Mitfahrer auf den Strassen sind geduldig, wenn ich den Motor an einer Ampel abwürge. Oder wenn ich mit 20 km/h die Kurve nehme, warten alle, die viermal so schnell hineinrasen würden, geduldig darauf, bis ich die Kurve gekratzt habe. Ist ja auch okay, ich habe schliesslich eine Zürcher Nummer an meinem C1. Und demnach kann ich fahren.

Doch letztens machte ich meinen Eltern einen Riesengefallen. Oder eher sie mir. Ich musste sie in Rapperswil abholen. «Nimmsch mis Auto», erlaubte mir meine Mutter. Was ich auch tat. Und da lernte ich auf die harte Tour, was es heisst, eine Aargauerin im Verkehr zu sein.

Mir wurde der Vogel gezeigt, ich wurde immer wieder angehupt, und einen Spurwechsel musste ich gar nicht erst versuchen. Ich verursachte Stau, weil mich niemand abbiegen liess, und wenn ich meinen rechtmässigen Vortritt einforderte, schrien die Fahrer mir meistens irgendetwas zu. Ich hörte es natürlich nicht, aber wenn ich die Lippen korrekt las, dann riefen sie etwas wie: «Ja Gopfertelli häsch dini Autoprüefig im Aargau gmacht, oder was?»

Zu Beginn realisierte ich gar nicht, was überhaupt los war. Mein Fahren war viel flüssiger, ich sass schliesslich in einem Automaten. Irgendwann kam mir der Gedankenblitz: Ich fuhr als Aargauerin. Also behandelten mich die Verkehrsteilnehmer wie eine Kriminelle.

Wenn Sie also das nächste Mal ein Aargauer Auto in einer Unterführung oder auf einem Baum sehen, denken Sie daran: Der Verkehr hat es dorthin gedrängt. Die armen Aargauer hatten keine andere Wahl. Irgendwann müssen sie ja auch an ihr Ziel kommen. Und manchmal muss es zügig gehen – es sind ja keine Berner.

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