Autofahren? Ein Leben zwischen Tempolimit und Trauma
Tösswegs
Letzthin blätterte ich in einem alten «Tössthaler» – vergilbte Seiten, schwarz-weisses Layout – und dann: ein Inserat für einen Ford Escort für 13’455 Franken. Das schien mir viel, aber was weiss ich schon von Autos?
Ich weiss nur seit einem Jahrzehnt, was für ein Auto ich mir kaufen würde. Einen BMW. E36. Wieso? Wieso nicht! Dafür gäbe es bestimmt rationale Gründe, für mich zählt aber nur einer: «Ich find dä halt cool.»
Dafür ist mein Bruder mitverantwortlich. Er ist ein Hobbyrestaurateur, ein ehemaliger Automechaniker – kurz, ein wandelndes Lexikon mit öligen Händen. Wahrscheinlich hat er mir seine Vorliebe für BMWs einfach weitergegeben.
Aber für ein Auto braucht man zwei Dinge: Geld und einen Führerschein. Und ich habe weder das eine noch das andere. Bisher war ich als Velofahrerin und gekonnte ÖV-Züglerin – ich meisterte meine Umzüge mit dem Tram – gut unterwegs. Ein Auto war schlicht nicht nötig. Und es kann ja sonst auch immer jemand fahren.
Jedoch führt als Journalistin im Tösstal und im Oberland kein Weg daran vorbei. Klar, es gibt diese hochgepriesenen 30-Minuten-Takte an Bussen oder Zügen. Aber wie oft musste ich mich schon einen Hang hochquälen, durch den Wald laufen oder ewig im Regen auf die nächste Verbindung warten? Etwa schon so oft, wie ich gefragt wurde: «Sind sie öpe z Fuess cho?» Ja, antworte ich stets verschwitzt oder nass oder mit Dreck an den Schuhen.
Also meldete ich mich mit 31 Jahren für Fahrstunden an. Natürlich mit Gangschaltung – ich wollte schliesslich Stil beweisen. Meine ersten Lektionen verliefen vielversprechend. Mein Fahrlehrer lobte meinen Mut und meine Experimentierfreude. Ich interpretierte das als: «Ich bin ein Naturtalent.»
So fühlte ich mich zu Beginn. Mein Bruder und ich schickten uns Wunschautos hin und her. Ich schwärmte über künftige Roadtrips ins Maggia-Tal und sah mich schon beim Feierabenddrift im Aargau. Ja, zu Beginn machte alles noch Spass.
Da hatte ich mich aber zu früh gefreut. Der Strassenverkehr verschlingt mich, spuckt mich neurotisch und traumatisiert wieder heraus. Überall Ampeln, 30er-Zonen und Kreisel – man hat kaum Gelegenheit, überhaupt zu fahren.
Dann gibt es die Velofahrer, die meinen, sie seien die Alleinherrscher der Strassen. Sie quetschen sich durch den Verkehr und wechseln plötzlich ihre Fahrtrichtung, ohne den geringsten Hinweis.
Und die Fussgänger. Blind springen sie auf die Strasse, mit dem Handy in der Hand, Augen auf dem Bildschirm, als könnte man sie schon von Weitem riechen. Dann gibt es Busse. Trams. Lastwagen.
Der grösste Feind? Mein eigener Stolz. Ich hatte mir vorgenommen, nach zehn Stunden bereit für die Prüfung zu sein. «Chan ja sowieso jede Tubel fahre», dachte ich mir. Es wurden 30. Und es ist noch nicht vorbei.
Eigentlich liebe ich es aber. Das Fahren, souverän über die Strassen gleiten zu können. Deshalb wünsche ich mir dieses Jahr zu Weihnachten keine Geschenke, sondern eine Erleuchtung, den umgeknipsten Schalter, damit ich die Prüfung bestehe.
Im nächsten Jahr dürfte dann der BMW unterm Baum stehen – am liebsten in Rosa.