Glacé für alli!
Tösswegs
Ice cream, gelato oder helado: In vielen Sprachen ist es klar, wie das süsse Gefrorene heisst, das wir uns an heissen Sommertagen gönnen. Und in der Schweiz eigentlich auch. Eigentlich.
Letzte Woche habe ich ein Tösswegs geschrieben, in dem «ein kuschliges Glacé» vorkam. So benannte mein Sohn die Zuckerwatte, als er sie zum ersten Mal sah. Wie in jedem anständigen Medienhaus wurde auch dieser Text von unserem Korrektor überarbeitet. Und aus «dem kuschligen Glacé» wurde «die kuschlige Glace». Denn wir orientieren uns am Duden. Und der will das so.
Aber ich nicht.
Ich finde das sogar ganz, ganz schlimm. Mein kürzlich attestierter Hörschaden geht definitiv zur Hälfte auf das Konto von Begriffen, die meiner Meinung nach falsch ausgesprochen werden. Das ist fahrlässig und gesundheitsgefährdend.
Nämlich. Und darum schreibe ich aus Prinzip jedes Mal «das» statt «die» Glacé, und zwar mit accent aigu. Von dem ich erst bei der Recherche für diesen Text gelernt habe, wie man ihn buchstabiert. Sieht auch irgendwie falsch aus, aber in diesem Fall fällt mir keine bessere Version ein.
Wir schweifen ab.
Ich will Glacé, genau so, wie es hier steht. Auch wenn das gemäss Duden «schillerndes Gewebe aus Naturseide oder Reyon» bedeuten soll. Reyon bedeutet übrigens Viskose. Warum nicht gleich Viskose, Duden? Hä, säg?
Wir schweifen ab.
Die Duboux Editions SA sollte es am besten wissen. Der Schweizer Sach- und Fachbuchverlag hat sich auf Fachwörterbücher der Bereiche Gastronomie, Hotellerie, Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie spezialisiert. In einem Artikel auf ihrer Website antworten Marianne und Jean-Pierre Duboux auf die Frage, was sie auf die Palme bringt, folgendermassen:
«Dass besonders im Raum Zürich mit besonderer Hartnäckigkeit – sei es bei Grossverteilern oder Printmedien – immer noch von Glacé/Glacés statt von Glace/Glacen die Rede ist.»
Ja, weils einfach besser tönt, gopf!
Dazu kommt: Im «Duboux Online Dictionary» wird unter «Glace, f.» ein eingekochter Fleischfond aufgeführt. Hey nei, sorry!
Ich gebe zu, es gibt in der schönen Welt der Sprache wohl dringendere Baustellen, die angepackt werden müssten. So habe ich mir schon einen richtigen Streit mit meinem Mann geliefert, ob das Wort «abdecken» nun die Tätigkeit des Zudeckens oder des «Bedeckung-Entfernens» beschreibt.
Oder Haare wachsen lassen. Sind sie nachher lang oder weg?
Oder Untiefe: Ist das jetzt eine seichte Pfütze oder der Marianengraben?
Oder Denkpause: Macht man Pause, um zu denken? Oder macht man beim Denken eine Pause?
Das sind übrigens Januswörter – Begriffe, die gleichzeitig ihr Gegenteil bedeuten.
Dazu gehört auch «umfahren». Rundherum fahren oder obendrüber? Wobei: Zumindest im Strassenverkehr sollte dies keine wirkliche Frage sein. Ausser vor mir auf der Strasse steht jemand, der sich für «die Glace» einsetzt.
