Die Frau aus Bubikon – zwischen Bühne, Büro und Beziehungsarbeit
Viele kreative Hüte auf
Hanna Scheuring führt Regie, steht auf der Bühne und leitet eines der traditionsreichsten Theater Zürichs. Die Dreifachbelastung ist für sie weniger ein Problem als ein freudiger Arbeitsmodus.
Sie ist Regisseurin, Schauspielerin, ehemaliger Sitcom-Star aus «Fascht e Familie» und Leiterin des Bernhard Theaters in Zürich. Wir treffen uns im Restaurant der Roten Fabrik nach Hanna Scheurings langem Probentag.
Nach dem Gespräch muss sie noch in «ihr» Theater, um Administrationskram zu erledigen. «Wenn ich tagsüber Regisseurin bin, dann muss ich meine Arbeit als Theaterleiterin halt abends oder nachts noch machen», sagt sie und wirkt dabei keineswegs müde.
Scheuring führt seit 2014 das Bernhard Theater in Zürich am Sechseläutenplatz. Unter ihrer Intendanz hat sich das Haus vom «Millionengrab», wie der «Blick» schreibt, zu einem der erfolgreichsten privaten Bühnenlandschaften der Schweiz entwickelt.
Die Schauspielerin lebt in Zürich und in Bubikon, wo sie einen grossen Garten bewirtschaftet. «Es ist manchmal jedoch einfacher, nach den Vorstellungen direkt in die Wohnung in Zürich zu gehen», sagt sie. Das Haus in Bubikon bringt ihr aber immer ein Stück Auszeit. «Das Haus stellt eine wichtige Ressource für mich dar.»
Ins Theater muss Scheuring später noch, weil an diesem Abend Lieder aufgenommen werden für ihre aktuelle Produktion, die im Januar Premiere feiert: «Mordsfreundin» heisst die Krimikomödie, unter anderen mit Wanda Wylowa, Tonia Maria Zindel (bekannt aus «Lüthi und Blanc») und Kamil Krejcí.
Eine Killerin mit gutem Einfluss
In der Krimikomödie «Mordsfreundin» dreht sich alles um Missverständnisse und komische Wendungen: In den Ferien freundet sich das Lehrerpaar Peter und Debbie mit Elsa an, einer quirligen Witwe, die von Wanda Wylowa gespielt wird.
Monate später lädt sich die neue Ferienbekanntschaft beim Paar selber ein – Peter und Debbie sind allerdings zu höflich, um abzusagen. Elsa entpuppt sich jedoch als gefährliche Bedrohung, denn sie ist eine gesuchte Mörderin.
Der Alltag der Lehrerfamilie wird somit ordentlich durcheinandergerüttelt. Wie wird man die unerwünschte Besucherin wieder los, ohne rücksichtslos oder feindselig zu wirken? Vor allem, weil Elsa einen positiven Einfluss auf die pubertierenden Kinder hat.
Die Geschichte beruht auf dem Buch von Steven Moffat, der unter anderem das Drehbuch für die BBC-Fernsehserie «Sherlock» geschrieben hat. Die «viel zu nette» Krimikomödie feiert Premiere am Samstag, 24. Januar, um 19.30 Uhr – und wird danach bis zum 1. März im Bernhard Theater aufgeführt.
Eigentlich wollten wir über die neue SRF-Sitcom «Unsere kleine Botschaft» sprechen. Wer könnte eine bessere Expertenmeinung dazu abgeben als ein ehemaliger Sitcom-Star wie Scheuring aus «Fascht e Familie»? Zwischen 1994 und 1999 spielte sie in der SRF-Produktion die Rolle der Vreni Hubacher, einer unsicheren Bankangestellten auf der Suche nach der grossen Liebe. «Das ist schon so lange her», winkt die Regisseurin ab.
Zur neuen Sitcom sagt sie nur: «Ich habe die erste Folge geschaut, vor allem wegen der Schauspielkolleginnen und -kollegen. Ich gucke selten Fernsehen – ich habe gar keine Zeit dafür.»
Lange habe sie nach «Fascht e Familie» keine Rolle mehr bekommen, «weil ich in den Köpfen der Zuschauerinnen und Zuschauer so fest als Vreni verankert gewesen bin». In dieser Zeit hat sie das Zepter in die Hand genommen und eigene Theaterstücke auf die Bühne gebracht.
Die 60-Jährige blickt einen mit wachen blauen Augen an, man würde sie nicht so einschätzen, als ginge sie in fünf Jahren schon in Pension. Dann wird sie jedoch die Leitung am Bernhard Theater abgeben. Direkt aufhören wird sie aber nicht: «Ich werde weiterhin als Schauspielerin arbeiten.» Auf die Frage, welche Rolle sie denn noch gerne spielen möchte, sagt sie nur: «Das ist ja noch lange hin.»
Erstes Mal Weihnachten als Oma
Weihnachten verbrachte Scheuring im engen Kreis der Familie in Bubikon. «Ich bin ja im letzten Jahr Grossmutter geworden», erzählt sie stolz. Am Silvester hingegen stand sie schon wieder im Bernhard Theater. Sie mache das jedes Jahr so. «Ich bin kein Silvestertyp, das Geböllere ist nicht mein Ding, vor allem wenn ich abends nach der Vorstellung noch über den Sechseläutenplatz gehen muss.»


Das sei manchmal so richtig unheimlich. Jedenfalls ist Scheuring froh, dass in Bubikon keine privaten Feuerwerke mehr in den Himmel gepulvert werden dürfen.
Prägende Theatermacher
Verheiratet ist Scheuring seit Sommer 2023 mit Daniel Rohr, ebenfalls einem Theaterleiter, jedoch am Theater Rigiblick. Die beiden haben sich, wen wunderts, bei einer Theaterproduktion kennengelernt.
Nach zwölf Jahren Beziehung hatten sie sich im November 2022 verlobt und im August 2023 in Bubikon geheiratet. Die beiden gelten als prägende Theatermacher von Zürich. Wie geht das, wenn zwei Leiter in verschiedenen Theatern in derselben Stadt arbeiten, gibt es da Konkurrenzkämpfe?
Streit auf der Bühne?
Scheuring lacht: Klar gebe es Reibung, besonders wenn einer von ihnen Regie führe und der andere spiele. «Zum Beispiel, als ich Daniel als Regisseurin einmal ganz hinten auf der Bühne platzieren wollte und er fand, das passe nicht zur Szene», dann gebe es jeweils lange Diskussionen.
«Da stellt sich schon manchmal die Frage, wer das letzte Wort hat.» So war es bei den Proben zum dystopischen Science-Fiction-Stück «Fahrenheit 451», das im Theater Rigiblick zusehen ist. «Es braucht Vertrauen, sich den Ideen des anderen hinzugeben. Aber am Schluss stimmen wir mit unserer Meinung eigentlich immer überein», sagt Scheuring und schmunzelt.
Meditation beim Gehen
Auf die Frage, wie sie als Theaterleiter den Spagat zwischen privatem und beruflichem Leben meisterten, antwortet sie offen, dass dies nur gelinge, wenn sich beide bewusst Zeit für andere Dinge nähmen. In ihrer Freizeit liest sie viel. «Zugegeben, auch mit einem Auge darauf, was wir auf die Bühne des Bernhard Theaters bringen könnten.»
Oft geht sie in ihren Ferien wandern und absolviert Abschnitte des Jakobswegs. Dies auch gemeinsam mit ihrem Mann. «Manchmal gehen wir schweigend, aber meistens haben wir noch so viel auszutauschen, wir reden über all die Dinge, die über das Jahr hinweg passiert sind.»
Abseits der Bühne und entlang dem Jakobsweg hätten sie als Paar genügend Zeit, die turbulenten und ereignisreichen Monate aufzuarbeiten. «Wir sind beide sehr beschäftigt, aber unser Alltag ähnelt sich. Das hilft und schafft Verständnis.»