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Meinung

No öppis …

Kleines Kuvert, grosses Privileg

«Meine Stimme lasse ich mir nicht nehmen.» Zu diesem Schluss kam Redaktorin Bettina Schnider, als kürzlich das Abstimmungscouvert nicht bei ihr eintraf.

Sicher ist sicher: Das Abstimmungskuvert kommt direkt in den Briefkasten der Verwaltung.

Fotos: Simon Grässle/Bettina Schnider

Kleines Kuvert, grosses Privileg

«Meine Stimme lasse ich mir nicht nehmen.» Zu diesem Schluss kam Redaktorin Bettina Schnider, als kürzlich das Abstimmungskuvert nicht bei ihr eintraf.

Seit 14 Jahren gehöre ich zum stimmberechtigten Teil der Bevölkerung. Ich kann mich noch erinnern, wie ich im März 2012 auf meine erste Abstimmung hinfieberte. Buchpreisbindung, Zweitwohnungsinitiative und sechs Wochen Ferien, darüber konnten wir damals abstimmen.

Wählen und abstimmen zu dürfen, ist ein Privileg. Ich bin sehr froh, wohne ich in der Schweiz, wo mir dieser Prozess überaus einfach gemacht wird. Ich musste mich – anders als etwa in den USA – nie als Wählerin registrieren. Wenn ich brieflich abstimmen will, was ich fast immer tue, brauche ich keinen zusätzlichen Antrag. Die Unterlagen kommen automatisch. Demokratie ist hier keine Hürde, sondern ein Angebot.

Vielleicht war mir deshalb stets schleierhaft, wie man von diesem Recht keinen Gebrauch machen will. Politikverdruss? Nicht bei mir. Schon als Teenagerin erinnerte ich meine Eltern teilweise an kommende Abstimmungstermine, wenn ich das Kuvert noch ungeöffnet auf ihrem Schreibtisch sah.

Nicht aus Besserwisserei, sondern aus Überzeugung: Dieses Mitspracherecht ist zu wertvoll, um es liegen zu lassen.

Die Gründe, wieso Leute sich nicht politisch beteiligen wollen, sind gut erforscht. Für gewisse ist es beispielsweise zu kompliziert, andere sehen den Sinn nicht. Ich persönlich konnte dies nie nachvollziehen. Aber wer ein Privileg nicht nutzen will, dem steht dies frei. Auch das ist Teil der Demokratie.

Wie zentral der Akt des Wählens und Abstimmens für mich ist, wurde mir wegen eines Zwischenfalls erneut bewusst. In meiner 14-jährigen Karriere als Stimmbürgerin war das Kuvert stets zuverlässig in meinem Briefkasten gelandet.

Doch vor gut zwei Wochen sah ich auf Instagram, wie ganz viele Leute ihre Unterlagen ausfüllten. Jeden Tag öffnete ich den Briefkasten – und kein Kuvert in Sicht. Also meldete ich mich per E-Mail bei meiner Wohngemeinde. Zuerst wurde ich vertröstet.

Aber als zweieinhalb Wochen vor dem Abstimmungstermin immer noch kein Kuvert da war, schickte man mir die Unterlagen nochmals zu. Ich gehe davon aus, die Post hatte die erste Sendung verloren.

Nicht am Volksentscheid teilzunehmen, stand für mich nie zur Debatte. Zu wichtig ist mir persönlich die Abstimmung über die SRG-Initiative. Gerne zitiere ich hier den Leitartikel unseres Chefredaktors Michael Kaspar: «Medien sind kein Luxus. Man kann sie nicht je nach politischer Stimmungslage mal fördern, mal halbieren.»

Auch ich will mich dazu äussern können. Und da mein Vertrauen in die Post gerade etwas angeknackt ist, warf ich das Kuvert persönlich bei der Stadtverwaltung ein. Sicher ist sicher.

In unserer Kolumne «No öppis …» machen wir uns Gedanken über die grossen und kleinen Dinge des Lebens – und teilen diese mit Ihnen.

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Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

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