Kantone schiessen 1 Milliarde Franken in ihre Spitäler ein
Neue Daten zur Finanzlage
Schweizer Kliniken machten 2024 zu wenig Gewinn. Vielerorts fehlt es an Mut und Geld für digitale Lösungen. In Zürich sind die Perspektiven besser.
Viele Schweizer Spitäler stecken seit Jahren in der Krise. Im Kanton Zürich werden in diesem Zusammenhang oft das Kinderspital oder das GZO Spital Wetzikon genannt. Ersteres erhielt Darlehen vom Kanton in der Höhe von insgesamt 250 Millionen Franken – 100 Millionen davon wurden 2024 gesprochen. Dem GZO wurde diese Hilfe verwehrt. Jetzt wollen die Aktionärsgemeinden die nötige Kapitalerhöhung tragen, es geht um 50 Millionen Franken.
Auch andere Schweizer Spitäler plagen Geldsorgen. 2023 markierte bisher einen historischen Tiefpunkt in ihrer finanziellen Entwicklung. Eine neue Studie der Unternehmensberatung PWC, die Finanzzahlen von 44 Schweizer Akutspitälern auswertete, zeigt nun eine leichte Entspannung für 2024: Die Umsätze stiegen gegenüber dem Vorjahr im Median um 4,1 Prozent (um Datenausreisser durch kleinere Spitäler zu vermeiden, wird der Mittelwert genommen).
Dennoch bleibt die Situation angespannt. Laut Co-Studienleiter Philip Sommer bleibt die Profitabilität kritisch: Die Zielmarge von 10 Prozent erreichen 95 Prozent der untersuchten Spitäler nicht. Erst wenn diese erreicht sei, könnten sich Spitäler die Infrastruktur leisten und seien finanziell zukunftsfähig, sagt der PWC-Gesundheitsexperte.
Die Gewinnmarge stieg 2024 zwar von 3,6 auf 4,5 Prozent, blieb aber deutlich unter dem Zielwert von 10 Prozent. Der leichte Anstieg wird mit mehr stationären Leistungen, Tariferhöhungen und Effizienzsteigerung der Spitäler erklärt.
Starkes Bevölkerungswachstum im Kanton Zürich
Die Studienergebnisse lassen sich auf Zürich herunterbrechen, obwohl nicht einzeln ausgewertet: Neun der untersuchten Spitäler befinden sich im Kanton. Und sie haben gegenüber anderen Krankenhäusern einen Vorteil: das Bevölkerungswachstum. Für die Spitalbetriebe, laut Experte, ein wichtiger Wert. Aufgrund des Wachstums haben in Zürich die Fallzahlen für Spitalleistungen zugenommen, die Kliniken seien daher produktiver und effizienter, was sich in leicht besseren Finanzzahlen zeige. «Aber auch in Zürich sind die Spitäler noch weit weg von dort, wo sie eigentlich sein müssten», sagt Sommer.
Das Bevölkerungswachstum und der demografische Wandel würden in Zukunft dazu führen, dass die Nachfrage nach Spitalleistungen – vor allem im Kanton Zürich – überproportional steigen werde. Gemäss dem aktuellen Szenario des Bundesamtes für Statistik wird die Bevölkerung des Kantons Zürich bis 2050 um rund 25 Prozent auf knapp 2 Millionen wachsen.
Zu wenig Investitionen in digitale Lösungen
Obwohl die Spitäler in Zürich und in der Schweiz produktiver geworden sind, sinkt das Produktivitätswachstum: Die Steigerung von 2023 zu 2024 lag lediglich bei 0,3 Prozent. «Es fehlen der Mut und die finanziellen Möglichkeiten zu Investitionen in die Zukunft», sagt Sommer und meint neue digitale Lösungen, den Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) oder die Einführung neuer Prozesse.
So könnten zum Beispiel administrative Tätigkeiten, die zu Überstunden und Frustration beim medizinischen Fachpersonal führen können, ausgelagert werden. «Aber die Angst ist zu gross, dass Fehler passieren, wenn man zum Beispiel Austrittsberichte von KI schreiben lässt», sagt Sommer.
Diese Einstellung hemme das Produktivitätswachstum der Spitäler, was wiederum eine niedrigere Marge zur Folge habe: ein Teufelskreis. Wenn es die Spitäler nicht schafften, diesen zu durchbrechen, könne dies im letzten Schluss den Konkurs bedeuten, sagt der Experte.
Über die letzten 12 Jahre seien im Schnitt pro Jahr zwei Spitäler geschlossen worden. «Wir haben heute über 100 Spitäler weniger als noch in den 80er-Jahren», sagt Sommer. Jetzt könnte sich diese Entwicklung beschleunigen. Denn: «Wer nicht in Prozesse, digitale Transformation und Infrastruktur investiert, wird nicht produktiver und lebt letztendlich von seinen Reserven.» Sind diese einmal aufgebraucht, benötigen die Spitäler finanzielle Unterstützung.
Ambulant vor stationär
Dann springen die Spitalbesitzer ein – hauptsächlich sind das die Kantone. Laut der Studie schossen sie in der Schweiz allein im letzten Jahr 1 Milliarde Franken an Eigen- und Fremdkapital ein, um die Eigenkapitalquoten der Spitäler zu stabilisieren und Zukunftsinvestitionen zu ermöglichen. «Das ist ein erheblicher Betrag», sagt Sommer. Nachhaltig sei diese Entwicklung nicht.
Um langfristig Kosten einzusparen und das Gesundheitssystem zu entlasten, wird eine grossflächige Verlagerung von stationär zu ambulant angestrebt. Trotz dieser politisch angestrebten Ambulantisierung fand im Jahr 2024 ein ausgeprägtes stationäres Umsatzwachstum statt: Von 1,7 Prozent im Jahr 2023 haben sich die Erträge laut Studie auf 3,6 Prozent mehr als verdoppelt.
Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, brauche es folgende Anpassungen: sachgerechte Tarife, die Ambulantisierung und Innovationen fördern. Heute sei das nicht so, das Tarifsystem veraltet. Wegen der Tarifstruktur von 1996 sei das ambulante Geschäft ein Verlustgeschäft, sagt Sommer. Das sei ein Problem.
Dass ein Bestreben hin zu ambulant besteht, zeigt sich im Kanton Zürich: Mit dem Ambulanten Zentrum des Stadtspitals, das Anfang 2023 an der Europaallee eröffnete, und dem ambulanten Gesundheitszentrum des Universitätsspitals im Circle beim Flughafen gibt es zwei Einrichtungen, die einzig ambulante Behandlungen durchführen.
«Lösungen sind zu 80 Prozent da»
Sommer glaubt an die Ambulantisierung: «Wir sind überzeugt, dass in den nächsten 20 Jahren in der Schweiz 30 bis 40 Prozent der heute stationären Fälle künftig ambulant behandelt werden können.» Doch Lösungen, wie zum Beispiel Hospital at Home, bei dem Patienten und Patientinnen zu Hause genesen können und dabei durch Ärzte und die Spitex betreut werden, litten aktuell unter Finanzierungsproblemen und Akzeptanz. Auch der Datenschutz in der Schweiz sei noch zu rigoros und hemme innovative Lösungen.
Es sei eine gewisse Risikoaversion da, der strategische Fokus fehle. «Die Lösungen sind zu 80 Prozent da», sagt Sommer, «die Spitäler müssen nun den Fokus darauf legen, sie anzunehmen und umzusetzen.»