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Politik

Gemeindepräsident tritt nicht erneut an

«Ich hatte tatsächlich schlaflose Nächte und habe mir viele Gedanken gemacht»

Zehn Jahre war er Gemeindepräsident in Wildberg und ist sozusagen der Vater der Fusionspläne mit der Nachbargemeinde Pfäffikon. Jetzt tritt Dölf Conrad ab, aber nicht kürzer.

Er war auf der ganzen Welt unterwegs und regierte die letzten zehn Jahre die Gemeinde Wildberg. Doch jetzt ist Schluss, oder?

Foto: PD

«Ich hatte tatsächlich schlaflose Nächte und habe mir viele Gedanken gemacht»

Zehn Jahre war er Gemeindepräsident in Wildberg und ist sozusagen der Vater der Fusionspläne mit der Nachbargemeinde Pfäffikon. Jetzt tritt Dölf Conrad ab, aber nicht kürzer.

Adolf «Dölf» Conrad ist 69 Jahre alt und seit zehn Jahren Gemeindepräsident von Wildberg. Zuvor war er Militärdiplomat und hat vor allem im Ausland gearbeitet. Unter anderem für Friedensmissionen der Vereinten Nationen. Danach wurde er der erste Schweizer, der eine Einheit der Nato kommandierte: das JRD-Nord der Kfor-Truppen im Kosovo, welches nach dem Krieg eingesetzt wurde.

Jetzt wird Conrad nicht mehr für den Wildberger Gemeinderat antreten. Aber wieso eigentlich? Und was hätte er gemacht, wäre er gar nie Gemeindepräsident geworden?

Herr Conrad, 2016 sind Sie Gemeindepräsident in Wildberg geworden. Wie kam es dazu?

Dölf Conrad: Im April 2015 bin ich wieder zurück nach Wildberg gekommen. Zuvor war ich im Kosovo, und dann im Südsudan unterwegs. Ich hatte mich soeben auf der Botschaft in Nairobi abgemeldet, wollte mich nur wieder hier anmelden und war deswegen auf der Gemeindeverwaltung. Dort traf ich auf den damaligen Gemeindepräsidenten Roland Bänninger, der mich fragte, was ich denn hier mache. Ich erklärte es ihm kurz, und er meinte: «Gut, dann hast du ja Zeit für die Gemeinderatssitzung, es fehlt nämlich einer.»

Oberst Adolf Conrad mit dem Bürgermeister von Zvecan, Dragisa Milovic, im Norden des Kosovo.
Oberst Dölf Conrad war in stetem Kontakt mit den Kosovarischen Bürgermeistern, hier Dragisa Milovic von Zvecan. (Archiv)

So schnell wird man Gemeindepräsident?

Normalerweise nicht. Aber Bänninger trat kurz darauf als Gemeindepräsident zurück, und ich übernahm seine Arbeit, denn es wurde kein Freiwilliger dafür gefunden. Ich war sozusagen im Präsidium, aber nicht gewählt. Erst im Februar 2016 war es dann offiziell, als ich mit einem eindeutigen Ergebnis gewählt worden war. Es gab allerdings auch keine Kontrahenten.

Hatten Sie sich Gedanken gemacht, dem Gemeinderat beizutreten, oder wurden Sie damals damit überfallen?

Ich bin total überfallen worden. Politische Ambitionen hatte ich damals keine, meine Ziele waren andere.

Die da wären?

Ich wollte mit dem Töff quer durch den amerikanischen Kontinent fahren, vom Süden in Argentinien bis zum nördlichsten Punkt in Alaska. Damals hatte ich überhaupt nichts am Hut mit Behördentätigkeit. Ich war 59 Jahre alt, also bereits über dem damaligen Pensionsalter für Berufsmilitärs.

Wieso haben Sie sich dann gegen Ihre Reisepläne und die Pensionierung entschieden?

Weil ich eine irrsinnig schöne Jugend in Wildberg erleben durfte. Und nun war es an der Zeit, der Gemeinde etwas zurückzugeben. Ich habe es vom ersten Moment an gerne gemacht. Es war auch kein Zwang. Von Zwängen bin ich ein absoluter Gegner.

Sie waren zuvor in der ganzen Welt tätig. War Ihnen Wildberg nicht viel zu klein?

Das ist es eben, was mir so gefallen hat. In einer kleinen Gemeinde kennt man die Menschen und die Probleme. Ich hätte beispielsweise niemals für den Kantonsrat kandidiert. Ich will mich mit den Leuten austauschen und ihnen nah sein.

Ist das nicht ein Widerspruch, wenn Sie doch für die UNO unterwegs waren?

Nein, denn auch dort hatte ich einen direkten Austausch mit Personen und war vor Ort. Bürojobs waren nie meine Ambitionen, das liegt mir nicht. Ich muss raus zu den Menschen. Es war vielleicht ein anderes Zielpublikum: Ich sprach mit hochrangigen Vertretern aus Politik, Militär und Wirtschaft. Wichtiger Teil meiner Arbeit waren auch Treffen mit berüchtigten Rebellenführern, wie zum Beispiel mit Hassan Nasrallah, Generalsekretär der Miliz Hisbollah im Libanon.

Ein Mann trägt eine UNO Veste und kontrolliert ein Gewehr.
Beim Konflikt zwischen den Royalisten und den Maoisten in Nepal einigten sich beide Seiten nach einer Weile, einen Teil ihrer Waffen abzugeben. Doch das geschah nicht immer gewissenhaft: Manche Waffen waren Attrappen aus Wasserrohren. Dölf Conrad war 2006 Chief Arms Monitor, also Chef der Waffenkontrolle bei den Maoisten.

Nun treten Sie nach einer Dekade aus dem Wildberger Gemeinderat und dem Präsidium zurück. Wie fühlen Sie sich?

Es fühlt sich irgendwie seltsam an. Ich spüre ein bisschen Wehmut. Ursprünglich wollte ich nur eine Legislatur machen – die bis 2018 –, vielleicht noch eine zweite. Nun sind es drei geworden. Ich nahm mir von Anfang an vor, dass spätestens mit 70 Jahren Schluss für mich ist. Man muss das Feld rechtzeitig für Jüngere räumen.

Was war Ihnen in Ihrer Zeit besonders wichtig?

Für mich war immer klar: Ich mache niemandem persönliche Gefallen. Der Fokus ist immer das Gemeindewohl. Jeden Morgen muss ich in den Spiegel schauen können.

Wie meinen Sie das?

Es gibt genug Politiker, die nicht von ihrer Sache überzeugt sind, sondern etwas nur tun, um wiedergewählt zu werden. Das ist ein grosses Problem nicht nur in der Schweizer Demokratie, diese Wahlkampf-Attitüde. Mich sträubt es davor, so zu sein. Das habe ich auch den Wildbergerinnen und Wildbergern sehr klar so gesagt.

Was für eine Art Politiker wollten Sie denn sein?

Einer, der für die ganze Gemeinde da ist und nicht nur für ein paar Individuen, die meinen, dass sie mehr zu sagen haben als andere. Alle haben dasselbe Recht. Das gefällt natürlich nicht allen, das sieht man an den Wahlresultaten. Mit der Zeit kamen die Gegner, und dementsprechend sanken meine Befürworter. Jeder, der sich auf die Füsse getreten fühlt, will mich dann natürlich nicht mehr. Aber das ist mir egal. Grundsätzlich geht es mir immer um die Sache, Parteiideologien sind mir ein Gräuel.

Bitte erlauben Sie mir folgende Frage, Herr Conrad: Aber eckten Sie da nicht mit Ihrer Partei, der SVP, an?

Natürlich bin ich schon ein Exot. Ich gehöre wohl zum linken Flügel der SVP, wie etwa auch alt Bundesrat Adolf Ogi. Ich habe viel auf internationalem Terrain gearbeitet, was dazu geführt hat, dass ich einige Dinge anders sehe. Im Grossen und Ganzen steht mir die SVP aber doch am nächsten.

Was sehen Sie denn anders?

Etwa die Service-Citoyen-Initiative, oder allgemein die internationale Zusammenarbeit. Ich sage ganz klar: Die Zeiten sind einfach vorbei, wo man den Karabiner aus dem Küchenschrank holt, die Taschenmunition abspitzt, und wenn der «böse Russe» kommt, ihn aus dem WC-Fenster bekämpft. Es gibt aber immer noch zu viele Ewiggestrige, die so denken. Aber so geht es nicht. Wir sind von Nato-Staaten umgeben, und wir müssen zwingend die Fähigkeit haben, mit ihnen zusammenzuarbeiten.

Also sollte die Schweiz der Nato beitreten?

Um Himmelswillen, nein. Aber zusammenarbeiten. Sonst werden wir Krisen nie überstehen können. Aber eben, ich bin kein SVP-Soldat, sondern ein Freidenker.

Wieso sind Sie denn überhaupt in einer Partei? Gerade in dieser Gegend gibt es so viele Parteilose.

So weit entfernt bin ich dann trotzdem nicht. Ich identifiziere mich nach wie vor mit den Grundwerten der SVP. Ideal für mich wäre wohl eine Partei zwischen FDP und SVP. Der Bürger kann einen Parteilosen schwierig einschätzen. Das finde ich nachteilig, als Politiker sollte man Farbe bekennen, und eine gewisse Grundhaltung sollte erkennbar sein.

Zurück zum Gemeinderat. Sie verlassen ihn in einem kritischen Moment. Die Fusionsverhandlungen mit Pfäffikon sind in vollem Gang. Ist das sinnvoll? Es handelt sich ja immerhin um Ihr Herzensprojekt.

Ich hatte tatsächlich schlaflose Nächte und mir viele Gedanken gemacht. Doch ich glaube, es ist der richtige Weg, und Esther Pfenninger wird mir eine gute Nachfolge sein. Als Gemeindepräsident hat man so viele Dinge auf dem Schirm, dass einem manchmal einfach auch die Zeit fehlt. Gerade für so ein grosses Projekt.

Sie wollen ein Aktionskomitee gründen. Aber haben Sie damit nicht weniger Einfluss im Vergleich zum Amt des Gemeindepräsidenten?

Nur bedingt, weil ich mich jetzt eben mehr engagieren kann. Mit dem Komitee werden meine jetzigen Gemeinderatskollegen Swen Rüegg, Thomas Kupper und ich uns ganz auf die Fusion fokussieren können.

Wie werden Sie das anstellen?

Wir werden die Gemeinderäte bei den Vorbereitungen unterstützen, wenn sie das so wünschen. Doch reinschwatzen werden wir auf keinen Fall. In Wildberg ist es ziemlich klar, dass die Bevölkerung die Fusion will. In Pfäffikon gibt es aber noch die, die man überzeugen muss. Dafür werden wir die Fakten und Daten zusammentragen und diese ehrlich und transparent kommunizieren.

Überzeugen oder überreden?

Ganz klar überzeugen. Ich will nicht, dass die Bevölkerung etwas wählt, das sie nicht überzeugt. Aber es gibt noch viele Falschinformationen, die kursieren, wie etwa eine allfällige Steuererhöhung. Es ist klar, dass der Gewinn für Wildberg als so kleine Gemeinde höher ist als für Pfäffikon. Doch Pfäffikon darf sicher keine Nachteile haben, sonst würde die ganze Aktion ja keinen Sinn machen.

Sie verabschieden sich also nicht ganz aus der Politik?

Nein, gar nicht. Aber sollte die Fusion wirklich zustande kommen, was ich sehr hoffe, dann ist das wahrscheinlich meine letzte politische Leistung.

Was machen Sie denn nun eigentlich nach Ihrem Amt?

Ich werde endlich mehr Zeit für meine Partnerin, für Sport und Kultur und eben auch zum Reisen haben. Und diese werde ich geniessen.

Ist die Fahrt mit dem Töff durch Amerika noch ein Thema?

Das ist noch völlig offen; vielleicht mit einem Jeep, Camper oder sogar mit dem öffentlichen Verkehr. Nur eines kann ich garantieren: Langweilig wird mir sicher nicht.

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