Schon als Kind zog es sie ins Rampenlicht
Barbara Galli wollte schon als Kind auf die Bühne. Heute ist die Dübendorferin Berufssängerin – und hat dafür einen steinigen Weg hinter sich.
Die Sängerin Barbara Galli alias Barbara S ist vielen Dübendorfern ein Begriff. Ihre mal rauchige, mal sanfte Stimme ist regelmässig an der 1.-August-Feier, am Dübi-Fäscht, am Chlaus-Märt, in der Bar MySenses, im Café Mama oder im Alterszentrum Imwil zu hören.
Die 45-jährige Blondine mit warmen Augen hat sich in den letzten Jahren fest in der Entertainment-Szene der Stadt als selbständige Sängerin etabliert. Auf der Bühne zeichnet sie sich vor allem durch Vielseitigkeit aus. Sie singt Rock, Pop, Schlager, Jazz, Blues oder Chansons.
«Ich höre auch privat alle Genres, die es gibt – ausser Techno und Metal», verrät Galli. Songwünsche nimmt sie alle entgegen: «Geht nicht, gibts nicht.» Denn vor dem Publikum gehe es ihr nicht darum, sich selbst zu präsentieren. «Ich singe nicht, weil ich im Mittelpunkt stehen möchte», sagt sie. «Mein Hauptziel ist, dass die Zuhörer glücklich sind. Dafür versuche ich, in das Publikum einzutauchen, um zu spüren, was sie sich wünschen.»
Deshalb sei Singen ihre Leidenschaft. «Ich fühle mich wohl auf der Bühne – es ist meine Komfortzone», sagt die Dübendorferin, die seit über zehn Jahren in der Stadt wohnt. «Durch die Vibration meiner Stimme fallen alle negativen Emotionen von mir ab.»
Der Anfang mit dem Farbstift
Aufgewachsen ist Galli aber in Kloten. Und ihr Sinn für Musik hätte wohl kaum früher in Erscheinung treten können. Bereits mit vier Jahren begleitete sie ihre Eltern zu Musikverein-Konzerten, wo sie auf einem Farbstift als imaginierte Querflöte mitspielte, bis sie mit sechs Jahren eine richtige bekam.
Ihre Eltern nahmen ihre Tochter auch oft in Musiklokale mit. «Ich habe es geliebt, dort zu toben und zu tanzen – ich war ein sehr energiegeladenes Kind», erinnert sich Galli mit einem Schmunzeln. So kam es, dass die dort auftretende Band die Tanzwütige zu sich auf die Bühne holte.
Die Musikgruppe gab Galli als Geschenk eine Kassette ihrer Lieder mit. Als ein Bandmitglied später in ihrem Elternhaus auf Besuch war, hörte er das Mädchen dazu singen. «Er sagte meiner Familie: ‹Das Kind hat Talent – das müsst ihr fördern.›»
Beim nächsten Konzert konnte sie wieder mit auf die Bühne, dieses Mal, um zu singen. «Es war ‹An Angel› von der Kelly Family», erinnert sich Galli. In der darauffolgenden Zeit sang sie bei Konzerten jeweils ein oder zwei Songs mit der Band. «Dort oben zu stehen, hat mir überhaupt nichts ausgemacht», sagt Galli. «Im Gegenteil, ich fühlte mich wohl.»
Förderung oder Gesangsunterricht sollte Galli allerdings nicht erhalten. «Immerhin liessen meine Eltern mich einfach machen.» So auch, als eine Bluesrock-Band sie bei einem ihrer Auftritte entdeckte und sie einlud, ihre Lead-Sängerin zu werden. Als sie zusagte, war sie 14 Jahre alt. Zusammen mit ihren rund 50-jährigen Bandmitgliedern probte sie während dreier Jahre in einem verrauchten Luftschutzkeller «guten alten Rock». Nach dem Üben ging es an die Bar, «eis go zieh». Für Galli gab es dann Wasser oder Cola – natürlich.
Raus – auf die Bühne
Nach dieser Zeit wurde es Galli zu eintönig. In der gesamten Zeitspanne als Sängerin dieser Band hätten sie nur zwei Auftritte gehabt. «Aber mich zog es raus auf die Bühne.» Ihr war schon immer klar, dass sie Sängerin im Rampenlicht werden wollte.

Nichtsdestotrotz machte sie eine Ausbildung als Hotelfachassistentin und begann später, in einem Büro zu arbeiten. Sie versuchte in der Freizeit, ihren Traum zu verwirklichen. Galli sang in Schweizer und österreichischen Partybands und tourte durch die Schweiz, Spanien, Deutschland und Österreich.
Auf einen Auftritt während dieser Zeit ist Galli besonders stolz: Am letzten Profi-Damentennisturnier Zurich Open im Jahr 2008 sang sie mit der Band Just Two für die damalige Gewinnerin Venus Williams einen Song während der Siegerehrung. «Es war ein sehr spontaner Auftrag: Noch in der Nacht davor habe ich das Lied «Simply the best» von Tina Turner passend für Venus umgeschrieben.» Vor lauter Lampenfieber habe sie nicht mehr aufhören können zu zittern. «Es war Adrenalin pur, vor einem so grossen Publikum und einer Live-Fernsehübertragung zu singen. Aber die Euphorie nachher war unbeschreiblich.»
Galli versuchte, das Berufsleben und ihre Leidenschaft unter einen Hut zu bringen. Sie sagt: «Das Singen wurde zu einem gut bezahlten Hobby.» Aber das Geld sei ihr nicht wichtig gewesen. «Die Hauptsache war rausgehen, singen und Party machen.» Während dieser Zeit arbeitete sie zum Teil bis 15 Uhr im Büro, um 16 Uhr trat sie in der Bierhalle Wolf in Zürich auf die Bühne. Die Auftritte dauerten unter der Woche bis Mitternacht, an den Wochenenden bis 3 Uhr nachts.


Zeit für eine Auszeit
«Das war eine sehr turbulente Zeit», resümierte Galli. «Irgendwann zog es mir den Boden unter den Füssen weg.» Sie musste sich eine Auszeit nehmen und wies sich, körperlich und mental erschöpft, in eine psychiatrische Klinik ein. «Ich wollte nie mehr singen.»
Während ihrem Klinikaufenthalt musste sie lernen, dass die Musik ihr guttut. «In dieser Zeit war die Musik mein Lebensretter.» Ihre Kunsttherapeutin besuchte sie bei ihrer ersten Show und sagte danach: «Beim Singen habe ich dich das erste Mal ganz bei dir gesehen.»
Also startete Galli wieder auf der Bühne. «Diesmal wollte ich den Sprung endlich wagen und selbständig werden», sagt sie. Aber Existenzängste nagten an ihr. Trotz regelmässiger Shows in Österreich, Deutschland und Dänemark schlug sie sich mit Nebenjobs im Büro oder in der Gastronomie durch.

Gleichzeitig begann sie, ihre Stimme zu verlieren. «Ich habe zu viel geraucht und Alkohol getrunken – ich versuchte, mit meinen männlichen Bandkollegen mitzuhalten», sagt sie. Wegen den Suchtmitteln, dem fehlenden Schlaf und Gesangstraining entzündeten sich ihre Stimmlippen und schlossen sich nicht mehr richtig. Wegen der chronischen Heiserkeit wurde sie dann aus der Band entlassen.
Wenn Galli auf diese Zeit zurückblickt, wirkt sie niedergeschlagen. «Mir ging es mental nicht gut.» Sie hatte erneut mit Depressionen und Selbstverletzungsverhalten zu kämpfen. «Unterbewusst wollte ich wohl meinen Eltern etwas beweisen und Beachtung finden.»
Den Sprung schaffen
Als sie ihren Mann kennenlernte und eine Tochter bekam, fand sie wieder Halt. «Meine Familie gibt mir Kraft», sagt sie. Es vergingen danach noch einige Jahre, bis sie den endgültigen Schritt in die Selbständigkeit wagte. «Es brauchte noch einmal ein Burn-out samt einer Auszeit, bis ich kapierte, dass ich nicht immer nur ‹chrüppeln›, sondern meinen eigenen Weg gehen sollte», sagt Barbara Galli und lacht.

Also investierte sie in Gesangsstunden und einen Coach – und heute arbeitet sie Vollzeit als Sängerin, kooperiert mit verschiedenen Berufsmusikern, hält Reden oder Vorträge, bietet Klangheilung an und veröffentlichte im März ihren ersten eigenen Song namens «Lüchtturm».
Neben dem Singen hat sie zudem auch das Songschreiben für sich entdeckt. Sie schreibt im Auftrag individuell an ihre Kunden angepasste Lieder. Dafür nutzt sie ihr Talent, zu spüren, was Menschen brauchen: «Wenn Worte nicht mehr reichen, kann ein Lied oft genau das ausdrücken, was sonst fehlt.»
