Gesellschaft

Naturphänomen im Tösstal

Die Töss ist eigentlich gar nicht ausgetrocknet

Das graue Kies der ausgetrockneten Töss trügt: Im Untergrund fliesst der Strom weiter. Ein Phänomen, das reisenden Tösstalern früher auch Vorteile brachte.

Die Töss ist eigentlich gar nicht ausgetrocknet

Ausgetrocknete Töss. Das Schlagwort erschreckt. Doch wer in der Nähe der Töss lebt, der weiss, dass der Fluss auch schon in weniger trockenen Sommern «ausgetrocknet» war und so den Spaziergängern ihre graue Seite präsentiert hat. Denn der Fluss, der dem Tösstal seinen Namen verleiht, fliesst im Sommer unterirdisch weiter.

Hinweis

Wer beim Anblick der vermeintlich trocken liegenden Töss erschrickt, sollte wissen: Es handelt sich um ein wiederkehrendes Phänomen. Zur Erklärung haben wir diesen Text, der ursprünglich im Sommer 2018 erschienen ist, noch einmal für Sie aufbereitet.

Das oberflächliche Wasser versickert durch den Schotter im Untergrund. In diesem Schotter befindet sich ein deutlich grösserer Grundwasserfluss. 97 Prozent des Winterthurer Trinkwassers stammen von dort. Einzig die Fische können nicht durchs Kies versickern, sie müssen abgefischt und weiter flussabwärts wieder freigelassen werden.

Verengungen im Tal

Nicht alle Abschnitte der Töss sind vom Rückzug des Wasser gleich stark betroffen. So schwankt der Spiegel des Grundwassers zwischen Winterthur und Turbenthal lediglich um rund zwei Meter.

Ab Wila bis kurz vor Bauma sind die Schwankungen mit acht Metern bereits deutlich grösser, weiter hinten im Tösstal kann das Grundwasser um bis zu 25 Meter abnehmen, wenn es besonders trocken ist, wie Langzeitmessungen des Kantons belegen.

Diese grossen Unterschiede sind auf Verengungen des Tals zurückzuführen, die das Grundwasser je nach Stelle nach oben drücken. Unter dem Grundwasser befindet sich ein fester Molassenfels, der vom Grundwasser nicht durchdrungen werden kann.

Ein gefährlicher Weg

Das Phänomen ist bereits ziemlich alt und somit nicht dem Klimawandel geschuldet. So diente das trockene Flussbett der Töss schon während des Mittelalters und bis Mitte des 19. Jahrhunderts als Weg in die umliegenden Dörfer.

Eine Strasse wurde erst 1844 gebaut. Im Geographischen Lexikon der Schweiz schrieb man 1902: «Die rasch anschwellende Töss forderte fast alle Jahre Opfer an Waren von steckengebliebenen Fuhrwerken und an Menschen und Tieren, die mit deren Bergung beschäftigt waren.» Wie schnell die Töss wieder ansteigen kann, zeigte sich nach einem Hochwasser am 20. Februar 1999 als das Wasser innert 48 Stunden um sechs Meter anstieg.

Von einer solchen Situation erzählt auch die Stadtzürcher Schriftstellerin Olga Meyer, deren Mutter aus Turbenthal stammte, und mit den «Anneli»-Büchern grosse Erfolge feierte. In einer Szene in ihrem Kinderbuch «Sabinli», das in Wila spielt, kippt die Kutsche einer Hochzeitsgesellschaft beim Durchqueren der Töss im Wasser um. Die mitgenommenen Würste treiben flussabwärts.

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