Selbstversuch: Der kälteste Osterbrauch, den ich je erlebt habe
Ustermer Blaueierschwimmen
Am Ostermontag stürzten sich Hartgesottene in der Seebadi Niederuster beim 21. Blaueierschwimmen in den eiskalten Greifensee, darunter auch unsere ehemalige Praktikantin Tanisha Tinner.
Die Liegewiese der Seebadi Niederuster ist bereits um 12 Uhr von den ersten Teilnehmerinnen und Teilnehmern bevölkert. Zwischen Gänseblümchen haben sie es sich auf roten Liegestühlen bequem gemacht, plaudern und geniessen das Beisammensein.
Dass es sich dabei nicht einfach um Schaulustige handelt, wird schnell deutlich: Die blauen Plastikarmbänder verraten sie, ebenso die Hasenohren, die einige von ihnen auf dem Kopf tragen.
Der Retter im Spiegelei-Look
Auch ich trage inzwischen eines dieser Armbänder. Erhalten habe ich es beim Eingang des Strandbadrestaurants. Dort haben sich rund um ein paar kleine Bistrotische Helferinnen und Helfer in orangefarbenen Westen positioniert. Routiniert kümmern sie sich um die Anmeldung der Blaueierschwimmerinnen und -schwimmer
Unter den Orangewestenträgern sticht einer direkt ins Auge. Er hat eine Badehose im Spiegeleiprint an. Es ist der «geheimnisvolle Retter» des Blaueierschwimmens, Simon Vlk (FDP). Vor drei Jahren wollte Organisator Harald Müller den Anlass aus Aufwandgründen zum letzten Mal durchführen. Kurzerhand übernahm Vlk die Finanzierung und überzeugte Müller, weiterzumachen.
«Das geht eigentlich noch»
Während Vlk weiterhin Einschreibungen für den kostenlosen Anlass entgegennimmt, setze ich mich auf einen Betonklotz und lasse mich von den Sonnenstrahlen aufwärmen. Der Himmel ist fast klar, nur ein paar kleine Wölkchen ziehen in der Ferne vorbei. Nach fünf Minuten in der Sonne, bei rund 17 Grad Lufttemperatur und Windstille, wird mir richtig warm. Ich geniesse es, weil ich weiss, bald wird mir sehr, sehr kalt werden.

An meinem angenehmen Plätzchen lasse ich den Blick nochmals über das Badigelände schweifen. Jetzt, gegen 13 Uhr, ist die Menschenmenge deutlich angewachsen, und die Vielfalt an Verkleidungen ebenfalls: Eierketten, Eier-Ohrringe, bunte Perücken, alles ist dabei.

Um 13.07 Uhr erklingt die erste Durchsage über die Lautsprecheranlage, Mathias «Betschi» Betschart von Radio 15 gibt die Temperatur des Greifensees bekannt. «Die Wasseroberfläche hat 12,1 Grad, ein Meter darunter ist es natürlich kälter, aktuell etwa 9 Grad.»
«Das geht eigentlich noch», denke ich mir und gehe in die Garderobe, um mich umzuziehen.
Die Badesaison ist eröffnet
Punkt 14 Uhr wird der Event offiziell von Harald Müller und erstmals auch von Simon Vlk eröffnet. Müller, der den Anlass seit 2004 mit nur wenigen Unterbrüchen durchführt, ist geübt darin, ins kalte Wasser zu springen. Kein Wunder also, dass er schnell im Greifensee ist und elegant zum etwa 20 Meter entfernten Sprungturm krault.

Vlk braucht etwas länger, wagt sich dann aber ebenfalls ins Wasser und macht sich im Brustschwumm auf den Weg zu den blauen Eiern. Am Sprungturm angekommen, schnappen sich beide jeweils ein blaues Ei und schwimmen zurück an Land, wo sie von Fernsehteams und Fotografen unter Applaus abgelichtet und interviewt werden.
Danach beginnt das Blaueierschwimmen auch für die rund 460 angemeldeten Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Ein Grossteil reiht sich bereits auf dem Steg in ihren Schwimmutensilien auf. Nun mische ich mich ebenfalls unter die Menge.
Mehr als ein blaues Ei
Ich sehe noch eine Frau aus dem Wasser kommen, die ihr blaues Ei in einer aufblasbaren Mini-Ente transportiert hatte, bevor ich die Stufen in den See hinabsteige. Ein Zurück gibt es nicht, hinter mir warten schon weitere Mutige auf ihr kaltes Bad. Also wende ich einen Trick an, den ich auf Youtube von Motivationssprecherin Mel Robbins gelernt habe. Ich zähle gedanklich von fünf rückwärts bis eins und stürze mich dann in den See.


Es ist eisig kalt, mein Körper protestiert, und das Atmen fällt mir schwerer. Doch es ist ein guter, belebender Schmerz. Nach etwa 30 Sekunden erreiche ich den Sprungturm, muss jedoch kurz warten, denn vor der Leiter hat sich eine kleine Warteschlange gebildet – der härteste Moment, um die Kälte auszuhalten.
Dann klettere ich auf den Turm, greife mir ein blaues Ei aus der Kartonbox und steige auf die 5-Meter-Etage. Mit einem Sprung stürze ich ins Kalt. Der kurze Moment, in dem mein Kopf untertaucht, tut überraschend gut, ich denke einfach an nichts. Nachdem ich wieder auftauche, schwimme ich ans Ufer zurück und halte das blaue Ei stolz vor die Linse des Fotografen.
Was ist das Blaueierschwimmen, und wie ist es entstanden?
Das Blaueierschwimmen ist ein Kaltwasserschwimmen am Ostermontag im Greifensee, bei dem es ein blaues Ei als Belohnung zu holen gilt. Die Idee entstand vor mehr als zwanzig Jahren als Jux, während Harald Müller, der Organisator, mit seinen Kollegen in den Langlaufferien in Davos war. Es regnete, und der gesamte Schnee für das Langlaufen war geschmolzen. Daraufhin beschlossen sie spontan, im Davosersee zu baden. Bei einem Bier fielen die Worte: «Das machen wir in Uster am Ostermontag und holen uns blaue Eier!» (tin)