Zwei Jahre nach dem Nein zur Unteren Farb: Der Umzug des Stadtarchivs hat begonnen
Damals war die Enttäuschung gross, heute ist es die Freude. Die Leistungsgruppenleiterin Stadtarchiv, Franziska Sidler, zügelt gerade die stillen Ustermer Zeitzeugen ins neue Zuhause – in die ehemalige Käserei Roth.
«Was nicht gesehen und genutzt wird, existiert praktisch auch nicht», sagte Franziska Sidler im Jahr 2024. Das war kurz nachdem der Projektierungskredit zur Unteren Farb abgelehnt wurde und damit die Zukunft der Paul Kläui Bibliothek und des Stadtarchivs in den Sternen stand.
Heute, ziemlich genau zwei Jahre später, steht die Leistungsgruppenleiterin des Stadtarchivs strahlend in einem organisierten Chaos. Zwischen Kisten und Umzugswagen, vollbepackt mit Büchern und historischen Werken, grinst sie wie ein Kind im Süssigkeitenparadies. Sanft streicht sie mit der Hand über die leeren Regale.
«Ich kann nicht glauben, dass es jetzt endlich so weit ist», sagt sie. Denn nach langem Hin und Her, neuen Abwägungen und Entscheiden sind die Paul Kläui Bibliothek und das Stadtarchiv in ihrem neuen Zuhause angekommen – oder auf dem Weg dahin.
In der ehemaligen Käserei Roth an der Wermatswilerstrasse, rund 800 Meter vom Bahnhof Uster entfernt, dürfen die stillen Zeitzeugen ruhen. Zumindest für die kommenden 20 Jahre.
Die Käserei sollte es sein
Es war ein emotionaler Weg: «Nachdem die Untere Farb vom Tisch war, fehlte uns die Perspektive.» Doch die Situation um das Stadtarchiv und die Paul Kläui Bibliothek war auch der Politik bekannt – und ein Anliegen. Dementsprechend dauerte es nicht lange, bis Stadt- und Gemeinderat das Thema wieder in die Hand nahmen.
Bereits im April 2024 kam die ehemalige Käserei Roth als mögliche Alternative zur Unteren Farb im Stadtpark ins Spiel. Die Räume an der Wermatswilerstrasse eignen sich bestens, auch für fragile Werke – denn in den Kellern der Käserei herrscht eine stabile Temperatur mit niedriger Luftfeuchtigkeit. Ausserdem galt die Option als schnell umsetzbar und wurde günstiger als ein Neubau eingeschätzt. «Und es hat Platz! Endlich!», ergänzt Sidler.



Auch Leserbriefe zum Thema verdeutlichten, dass die Käserei Roth nicht nur in der Politik, sondern auch in der Gesellschaft als passende Alternative betrachtet wurde. Und so beantragte die Stadt im Februar 2025 den Umzug der Paul Kläui Bibliothek und des Stadtarchivs in die Liegenschaft der Familie Roth. Im März 2025 entschied sich der Gemeinderat einstimmig dafür.
«Das ist jetzt alles anders»
Rund ein Jahr hatten Franziska Sidler und ihr Team nun also Zeit, den Umzug in die neue Liegenschaft zu organisieren. Für rund 730’000 Franken wurden in dieser Zeit auch die Räume auf die zukünftige Nutzung angepasst, renoviert und eingerichtet. «Die Familie Roth war uns gegenüber sehr kulant, andernfalls wäre das Projekt nicht möglich gewesen», sagt Sidler.
Sie und ihr Team hatten die Möglichkeit, entsprechend mitzubestimmen und damit ihren neuen Arbeitsplatz zu gestalten. «Einer der grössten Vorteile am neuen Standort ist das Tageslicht», sagt Sidler. Bisher hätten ihre Mitarbeiter teils in Kellern arbeiten müssen. Toiletten habe es nicht an allen Standorten gegeben, und auch konservatorisch war ein Teil der Räume alles andere als ideal.
«Das ist jetzt alles anders», sagt sie. Die hellen Räume laden zum Verweilen ein, der Platz kann optimal genutzt werden, und es gibt mehrere Sitzmöglichkeiten, wie zum Beispiel auch eine Terrasse, die im Sommer zum Stöbern im Freien einlädt. Dank verschiebbarer Bücherregale können nun ausserdem Veranstaltungen für bis zu 100 Personen angeboten werden.
Ein neues Kapitel
Sidler ist sichtlich zufrieden, wenn sie von den positiven Aspekten des neuen Standorts erzählt. Ihr Lieblingsfact: In der Käserei Roth hat es genug Platz. «So sind unsere Werke an einem Ort gebündelt und nicht mehr verstreut. Dadurch können wir effizienter arbeiten, was uns und den Kundinnen und Kunden zugutekommt.»




Doch bis die Wirkung dann wirklich entfaltet werden kann, steht noch einiges an. Aktuell stehen in der ehemaligen Käserei noch Dutzende Kisten und Umzugswagen, die Bücherregale sind noch leer und die Tische unbesetzt.
Bis Ende der Woche will Sidler den Umzug hinter sich gebracht haben, dann werden die ehemaligen Räume unter dem Schulhaus Pünt und dem Stadthofsaal geleert sein. Ein Gefühl der Erleichterung macht sich in der Leistungsgruppenleiterin breit, wenn sie daran denkt: «Ein neues Kapitel kann jetzt beginnen.»
Eine einzigartige Bibliothek
Gleichzeitig hat sie in der neuen Bibliothek noch viel zu tun. «Durch die Zusammenlegung der Standorte müssen wir unsere Bestände neu organisieren und strukturieren.» Doch sie hat eine Vision – und ist mehr als motiviert.
Im Zuge des bevorstehenden Umzugs haben Sidler und ihr Team bereits vieles ausrangiert und weitergegeben. In Zukunft wollen sie sich ausschliesslich auf die Geschichte Usters und des Oberlands konzentrieren. «Wir wollen keine Werke, die es auch sonst überall zu finden gibt», sagt sie. «Die Paul Kläui Bibliothek samt Uster-Dokumentation sollen einzigartig sein.» So sind beispielsweise alle Ausgaben des «Anzeigers von Uster» zu finden – zurück bis zur ersten im Jahr 1846.



Spätestens bis Ende März soll dann auch wirklich jedes Buch, jede historische Schrift und jede antike Karte an Ort und Stelle sein. Und das aus gutem Grund: Am 28. März feiern das Stadtarchiv und die Bibliothek an der Wermatswilerstrasse 8 einen Tag der offenen Tür, zu dem von 13 bis 18 Uhr Interessierte eingeladen sind, sich den neuen Standort anzuschauen.
Einen Tag später geht es dann gleich weiter mit der ersten Lesung. «Ich freue mich wahnsinnig», sagt Sidler, bevor sie lachend wieder zwischen den verpackten Büchern verschwindet.