Abo

Gesellschaft

Enttäuschung nach Volks-Nein zur Unteren Farb ist gross

Die Paul-Kläui-Bibliothek und das Stadtarchiv werden nicht in die Untere Farb ziehen. Ob es in naher Zukunft Alternativen geben wird, ist ungewiss.

Mit der verlorenen Abstimmung um den Projektierungskredit der Unteren Farb steht die Zukunft der Paul-Kläui-Bibliothek und des Stadtarchivs in den Sternen.

Foto: Marie Fredericq

Enttäuschung nach Volks-Nein zur Unteren Farb ist gross

Ustermer Geschichte im Keller

Mit der verlorenen Abstimmung um die Untere Farb ist die Zukunft für das Stadtarchiv und die Paul-Kläui-Bibliothek ungewiss. Die Ustermer Geschichtszeugnisse schlummern derweil in Kellerräumen.

Vereinsmagazine aus den 1920er Jahren, der «Anzeiger von Uster» aus dem Jahr 1940, historische Näniker Stadtpläne – die Paul-Kläui-Bibliothek (PKB) sammelt die geschichtlichen Artefakte der Stadt Uster. Aktuell verstauben sie ausserhalb der Sichtbarkeit der Öffentlichkeit unter dem Schulhaus Pünt und im Keller des Stadthofsaals in Uster.

Was nicht gesehen und genutzt wird, existiert praktisch auch nicht.

Franziska Sidler

Leiterin der Leistungsgruppe Stadtarchiv und Paul-Kläui-Bibliothek

Das hätte sich mit dem geplanten Umzug in die Untere Farb ändern sollen. Denn an zentraler Lage, mit modernen Leseräumen und zugänglich für die Öffentlichkeit, wären die Geschichtszeugnisse der Stadt gesehen worden und hätten genutzt werden können. Doch es kam anders – denn die Ustermer Stimmbevölkerung entschied sich gegen den Projektierungskredit für die Untere Farb. Und damit auch gegen das neue Heim für das Ustermer Stadtarchiv und die Paul-Kläui-Bibliothek.

Enttäuschung ist gross

«Für mich persönlich ist der Ausgang der Abstimmung sehr schade, und ich bin enttäuscht», sagt Markus Affentranger, Vorstandsmitglied des Vereins der Freunde der Paul-Kläui-Bibliothek. Der historische Verein vertritt das Interesse, Geschichtskultur zu fördern , Geschichte erlebbar zu machen– die Untere Farb wäre gemäss Affentranger ein attraktiver, schöner und gut zugänglicher Ort für die Zeitzeugnisse gewesen.

Untere Farb in Uster
Für Franziska Sidler und Markus Affentranger wäre die Untere Farb im Ustermer Stadtpark ein geeignetes neues Zuhause für die Paul-Kläui-Bibliothek und das Stadtarchiv gewesen.

«Es ist wichtig, solche Institutionen sichtbar zu machen. Nur so wird Geschichte für die Menschen auch wirklich zugänglich», so Affentranger. Doch mit der verlorenen Abstimmung steht die Zukunft der PKB weiterhin in den Sternen – und die Bücher und Dokumente fristen weiterhin ein Schattendasein in den Kellerräumen unter der Stadt. «Die Bibliothek hätte mehr Visibilität verdient.»

Auch Franziska Sidler, Leiterin des Stadtarchivs und der Paul-Kläui-Bibliothek, ist vom Abstimmungsergebnis enttäuscht. «Was nicht gesehen und genutzt wird, existiert praktisch auch nicht.» Dabei ist aktuell nicht nur die Sichtbarkeit der Bibliothek ein Problem.

Keine Perspektive, kein Platz

Vor allem die Gegebenheiten vor Ort seien eher schlecht als recht. Sowohl die Durchlüftung der Räume als auch die Sicherheit vor Wasserschäden und die richtige Konservierung der Bücher und Dokumente stelle das Team immer wieder vor neue Herausforderungen.

Ausserdem gebe es schlichtweg zu wenig Platz, was eine adäquate Sortierung und Kategorisierung schier unmöglich mache. «Es ist einfach unübersichtlich, was die Attraktivität natürlich weiter mindert», so Sidler. «Dabei haben wir hier so coole Bücher, Dokumente und Werke – vom hundertjährigen Stadtplan bis zur privaten Fotosammlung.»

Ihr als Historikerin läge der aktuelle Umstand schwer auf dem Herzen. Die Aussicht auf den Umzug in die Untere Farb habe die Situation relativiert. «Mit der verlorenen Abstimmung ist uns vorerst jegliche Perspektive für einen besseren Standort genommen», so Sidler.

PKB ist allen ein Anliegen

Für Sidler und Affentranger kam der Ausgang der Abstimmung überraschend – sie hätten eigentlich mit der Annahme des Projektierungskredits gerechnet. «Vor ein paar Jahren hat sich die Stimmbevölkerung noch klar für den Gestaltungsplan, der eine Zusammenführung von Stadtarchiv und PKB in der Unteren Farb vorsah, entschieden», so Affentranger. Weshalb das Vorhaben nun gescheitert ist, darüber könne man nur spekulieren.

Wen das Abstimmungsergebnis jedoch erfreut, ist das Referendumskomitee, welches die Abstimmung an der Urne erst angestossen hatte. Argumente des Komitees gegen den Projektierungskredit waren vor allem die Nutzung der Unteren Farb und der Erhalt des Wohnraums – ausserdem sei die «Haus in Haus»-Lösung in der Scheune weder für die PKB noch für das Stadtarchiv geeignet.

Paul Stopper, Mitinitiant des Referendums, ist selbst Mitglied des Vereins der Freunde der Paul-Kläui-Bibliothek. Gemäss Stopper widerspreche sich seine Mitgliedschaft und das Referendum nicht – denn ihm läge vor allem am Herzen, die beste Lösung für die Paul-Kläui-Bibliothek zu finden – und die sieht er nicht in der Unteren Farb. Der Verein selbst nimmt dazu keine Stellung.

Als Vereinsmitglied habe sich Stopper nach eigenen Aussagen schon 2020 vereinsintern für den Standort in den ZKB-Gebäuden eingesetzt, worauf nach seiner Aussage «leider keine Reaktion vom Vereinsvorstand gekommen ist». Auch eine 2016 mit zwei Gemeinderäten eingereichte Motion beim Gemeinderat zum Umzug der PKB ins ZKB-Gebäude sei auf taube Ohren gestossen.

In einem am 6. März an den Ustermer Stadtrat gerichteten Schreiben macht das Referendumskomitee öffentlich klar: Ihnen ist das weitere Vorgehen um die PKB, das Stadtarchiv und die Untere Farb ein echtes und grosses Anliegen – so sei es nie Ziel des Referendums gewesen, die Paul-Kläui-Bibliothek und das Stadtarchiv an den heutigen Standorten zu belassen.

Komitee schlägt Alternativen vor

So schreibt das Komitee im Brief, welcher der Redaktion vorliegt, man gehe davon aus, dass die Stimmbürger erwarten, möglichst rasch eine Lösung zu finden: «für das an diversen Standorten verstreute Stadtarchiv und die Paul-Kläui-Bibliothek. Um diese zu einer Institution zu vereinigen und im selben Gebäude zusammenzufassen. Und damit die Paul-Kläui-Bibliothek möglichst rasch vom gegenwärtigen, ungünstigen Standort umzuzügeln.» Die Sanierung der Unteren Farb soll möglichst bald angegangen werden – zum einen des Wohnteils, zum anderen der Scheune. So sei das Komitee auch offen für die Umsetzung einer einfachen Gastronomie in der Scheune.

Passende Alternativen zur Unteren Farb für die Paul-Kläui-Bibliothek und das Stadtarchiv sieht das Komitee nach wie vor beispielsweise im ehemaligen ZKB-Gebäude an der Freiestrasse oder im Zeughaus – beides Standorte, die bei früheren Evaluationen als geeignet befunden worden seien. «Die Gebäude sind geradezu ideal», so Stopper.

Dem entgegen steht Sidler: «Die Standortstudie ist aus dem Jahr 2013 und nicht mehr aktuell. Das ZKB-Gebäude wurde damals als die ungeeignetste Option beurteilt. Unterdessen steht das Gebäude auch nicht mehr zur Verfügung, weil es von der städtischen Finanzverwaltung genutzt wird.»

Die von moos. giuliani. herrmann. architekten durchgeführte Standortstudie beurteilte damals mehrere mögliche Standorte – und befand dabei das Stadthaus oder die Untere Farb als geeignetste Lösung. Sowohl das Zeughaus wie auch das alte ZKB-Gebäude wurden aus mehreren Gründen, wie beispielsweise den Kosten und dem Nutzungszweck, als nicht optimalste Option bewertet.

Ein Schritt zurück

Obschon sich die Beteiligten und Betroffenen nicht darüber einig sind, ob der Ausgang der Abstimmung nun gut oder schlecht ist, und was passende Alternativen sein könnten, schaut man dennoch in eine Richtung, was den Handlungsbedarf um die PKB, das Stadtarchiv und die Untere Farb betrifft.

Zukünftige Entscheidungen diesbezüglich seien jedoch mit Sorgfalt zu treffen: So hat Gemeinderat Balthasar Thalmann (SP) bereits einen Tag nach der Abstimmung ein Postulat bei der Stadt eingereicht. In diesem beauftragt er den Stadtrat «vor weiteren Entscheidungen die Planung für das Stadtarchiv und die künftige Nutzung der Unteren Farb sorgfältig und ergebnisoffen aufzurollen und daraus die entsprechenden Schlussfolgerungen zu ziehen».

Dass nun nicht mehr am ursprünglichen Plan für die Untere Farb festgehalten werden kann, sieht auch Stadtpräsidentin Barbara Thalmann (SP). «Es ist noch unklar, wie es nun weitergehen soll. Wir müssen einen Schritt zurück machen, alles neu auslegen.»

Erst dann könne man neu evaluieren, was zum einen mit der Paul-Kläui-Bibliothek und dem Stadtarchiv, zum anderen aber auch mit der Unteren Farb passiere. Mit der verlorenen Abstimmung werden die Karten neu gemischt – und die Zukunft ist wieder ungewiss.

Abo

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?

Jetzt melden.