Im Kampf gegen die Südstarts spannt die Region zusammen
Neues Bisenkonzept
Die Gemeinden und die Bevölkerung laufen Sturm gegen die geplanten Südstarts über das Oberland und das Glattal. Wie gross der Unmut ist, zeigte sich an einer Infoveranstaltung in Uster.
«Wer jetzt nichts macht, hat bereits verloren.» Urban Scherrer, Präsident des Vereins Flugschneise Süd – Nein, hat eine klare Botschaft an die gut 160 Zuhörer im komplett gefüllten Ustermer Gemeinderatssaal.
Am Dienstag hat der Verein erstmals zusammen mit dem Fluglärmforum Süd, in welchem die meisten Gemeinden der Bezirke Uster und Meilen vereint sind, gemeinsam eine Informationsveranstaltung durchgeführt. Gewieft durch die Erfahrungen im Kampf gegen die Südanflüge, setzt Scherrer nun bei den geplanten Südstarts geradeaus auf die Losung: «Wehret den Anfängen.»
Jets wollen beim Start keinen Rückenwind
Doch worum geht es überhaupt bei den neu geplanten Südstarts geradeaus? Wie Scherrer betonte, sind diese nicht zu verwechseln mit den schon heute vor allem von schweren, langsam abhebenden Passagiermaschinen praktizierten Südstarts mit anschliessender Linkskurve.
Die neuen Südstarts geradeaus bei Bisenlagen sind Bestandteil des 2024 neu aufgelegten Sachplans Infrastruktur Luftfahrt. Dieser soll laut dem Bund eigentlich den Schutz der Menschen verbessern, inklusive Nachtruhe.
Weht die Bise aus Nordosten zu stark, sind heute Abflüge in Richtung Westen nicht mehr möglich, da die startenden Jets dann zu viel Rückenwind haben. Dann wird auf dem Flughafen vom «normalen» Regime auf das Bisenkonzept gewechselt. Dieses hat heute aber den Nachteil, dass es gegenüber dem Normalbetrieb mit rund 70 Bewegungen pro Stunde eine deutlich tiefere Kapazität hat: So sind wegen der vier Friktionspunkte, bei denen sich startende und landende Jets in die Quere kommen könnten, gerade noch 44 Flugbewegungen möglich.
Maschinen über der ganzen Region
Abhilfe verspricht da nun das neue Bisenkonzept. Alle Abflüge sollen dann nach Süden erfolgen. Rund 30 Prozent der Maschinen würden über Zürich-Höngg fliegen. Der Grossteil würde über Dübendorf und Zumikon aufsteigen. Von dort aus ist eine Auffächerung der startenden Flugzeuge in drei Richtungen vorgesehen: ein paar über den Zürichsee nach Westen, einige weiter geradeaus über Männedorf und die meisten nach Osten über Uster und Pfäffikon.
Von den heute durchschnittlich rund 350 Starts pro Tag gehen 200 über Uster. Bis 2035 könnten es 270 Maschinen sein, wie die Prognose des Bunds rechnet. Unter dem Strich brächte dieses neue Bisenkonzept die höchste Kapazität, da es keine Kreuzungen mehr gibt. Rund 80 Flugbewegungen pro Stunde wären damit möglich. Und hier liegt die Furcht von Scherrer begründet: Ein so «starkes Konzept» verleite den Flughafen doch dazu, dieses nicht nur bei Bise, sondern möglichst immer einzusetzen.


Zu spüren – und vor allem zu hören – bekäme dies ausgerechnet die am dichtesten besiedelte Region um den Flughafen, nämlich der Süden. Wie Stephan Oehen, Geschäftsführer des Fluglärmforums Süd, vor dem interessierten Publikum festhielt, widerspricht dieses Konzept damit dem Prinzip der Lärmkanalisierung.
Im Gegensatz zu den Landungen, die mindestens im Endanflug auf schmalen Linien auf die Pisten des Flughafens erfolgen, sieht es bei den Starts ganz anders aus. Diese streuen viel breiter. Urban Scherrer hat denn auch eine Karte erarbeitet, die die «Bandbreite» der startenden Maschinen auf den einzelnen Routen aufzeigt. Mit einem Lärmteppich belegt würde in der Region das ganze Gebiet zwischen Dübendorf, Maur, Egg, Mönchaltorf, Greifensee, Uster, Seegräben, Pfäffikon und Fehraltorf.
Laut Berechnungen viel Lärm
Scherrer monierte, dass in den ganzen nun noch öffentlich aufliegenden Unterlagen nichts zu den Überflughöhen und damit zur Lärmbelastung zu finden sei. Auch hier hat er eigene Berechnungen angestellt. Dabei ist er zum Schluss gekommen, dass über Uster noch mit einem Lärmpegel von 70 Dezibel zu rechnen sei. Was als «laut» taxiert wird. «Der Flughafen hat bestätigt, dass diese recht gut sind», merkte der Präsident des Vereins Flugschneise Süd – Nein an.
Von ebenjenem Flughafen hätten die Organisatoren des Informationsanlasses auch gerne einen Vertreter begrüsst. Wie Oehen erklärte, hat es aber von dort geheissen, dass sie keine Zeit für einen Austausch mit der Bevölkerung hätten.
Ein Fluglotse ordnet ein
Auf eine Expertise mussten die Besucher des Anlasses am Dienstag dennoch nicht verzichten. So meldete sich aus dem Publikum Andreas Jossi, der für die GLP in der Ustermer Primarschulpflege sitzt und der seit 30 Jahren als Fluglotse tätig ist.
Er legte Widerspruch zur Aussage von Scherrer ein, wonach «der Flughafen» jeweils auf das Bisenkonzept umstelle. Das werde einzig von den Lotsen der Skyguide aufgrund der Windmessungen – und ihrer Erfahrung – entschieden. Wenn der Rückenwind für landende Flugzeuge mehr als 10 Stundenkilometer betrage, sollte das Konzept umgestellt werden. Und wenn sich die Bise lege, werde wieder umgestellt. Dafür seien jeweils rund 20 Minuten notwendig.
Abgesehen von diesem Einwand meinte Jossi aber: «Dieser Vortrag ist sehr gut gewesen. Alles, was Sie gehört haben, stimmt.» Diesen Ball nahm Scherrer gerne auf, um auf die Dringlichkeit hinzuweisen, sich nun gegen diese geplanten Südstarts geradeaus zu wehren. Nur noch bis zum 17. Februar haben die Bevölkerung und die Behörden die Möglichkeit, Einsprache gegen das neue Betriebsreglement zu erheben.
Einsprache von allen Forums-Gemeinden
Wie Oehen erklärte, werden alle Gemeinden, die dem Fluglärmforum angehören, eine solche Einsprache einlegen. Das sind fast alle Gemeinden in den Bezirken Uster und Meilen. Usters Stadtpräsidentin Barbara Thalmann (SP) forderte die Anwesenden dazu auf, ebenfalls eine der Mustereinsprachen einzureichen, die das Fluglärmforum und der Verein auf ihren Websites aufgeschaltet haben: «Es gilt, die Belastungen des Flughafens auf die Bevölkerung möglichst gering zu halten.» Auf der Website des Vereins Flugschneise Süd – Nein sind auch die Berechnungen von Urban Scherrer zu finden.
«Wir müssen in Bern ein Zeichen setzen», appellierte Scherrer. Die Hauptforderung des Vereins Flugschneise Süd – Nein ist, dass es keine Südstarts geradeaus bei Bise gibt. Dank einer Mobilisierung in der Bevölkerung mit mehreren tausend Einsprachen konnte laut Scherrer bereits erreicht werden, dass die Südstarts geradeaus bei Nebel vom Tisch sind. Ursprünglich wollte der Flughafen auch diese vorsehen.
«Kein Freipass für den Flughafen»
Scherrer vermutet jedoch, dass das Bundesamt für Zivilluftfahrt dem Begehren nach solchen Südstarts geradeaus stattgeben wird. Für diesen Fall verlangen die Organisationen aber, dass es keinen Entzug der aufschiebenden Wirkung gibt. Damit soll verhindert werden, dass es solche Starts gibt, bevor das Bundesgericht sich dazu geäussert hat.

Und falls solche Südstarts doch bewilligt würden, müsse es eine Begrenzung auf 18 Tage pro Jahr geben. Zudem müsse «Bise» klar definiert werden. In den vergangenen beiden Jahren gab es laut Meteo Schweiz zwischen 50 und 80 Tagen während mehrerer Stunden Bisenlagen. «Wir wollen keinen Freipass für den Flughafen», unterstrich Scherrer. Und erntete dafür einen grossen Applaus.