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Gemietete Flitzer

Uster und die E-Trottinetts: Entspannt sich die Beziehung?

Falsch parkierte grüne Flitzer prägten einst das Stadtbild in Uster. Wie schaut es heute aus? Ein Augenschein hinter den Kulissen mit einem «Lime-Umplatzierer».

Mathias Niederberger nimmt uns mit zu den abgestellten Lime-Fahrzeugen.

Foto: Simon Grässle

Uster und die E-Trottinetts: Entspannt sich die Beziehung?

Gemietete Flitzer

Falsch parkierte grüne Flitzer prägten einst das Stadtbild in Uster. Wie schaut es heute aus? Ein Augenschein hinter den Kulissen mit einem «Lime-Umplatzierer».

Seit knapp fünf Jahren gehören sie zum Bild von Uster und Nänikon: E-Trottinetts, die gemietet werden können. Was anfangs für Ärger sorgte – blockierte Gehwege, Fahrzeuge im Gras oder im Wasser –, wird heute etwas entspannter angegangen, zumindest laut der Stadtpolizei Uster.

Wir sind mit Mathias Niederberger in Uster und Zürich unterwegs und schauen ihm über die Schulter beim Umplatzieren der Fahrzeuge. Er ist Operations Manager und organisiert die Flotte der amerikanischen Firma Lime schweizweit. Das heisst, er hat alles im Auge, den Zürcher Betrieb, aber auch die Fahrzeuge in Sion, Basel und Kloten.

Ein kleines Lagerhaus für viele Fahrzeuge

Im Lime Warehouse in Zürich stehen die Fahrzeuge, die nicht im Einsatz sind oder gewartet werden müssen. Neben Mathias Niederberger arbeiten hier fünf Personen. Sie sind zuständig für die Verarbeitung der Daten oder reparieren kaputte Fahrzeuge, wie Hamza Stoti, der sich in der Werkstatt um einen platten Reifen kümmert.

Alle anderen Aufgaben wie Batterien laden, Transporte durchführen und Geräte einsammeln übernehmen externe Firmen. Dennoch nimmt uns heute der Operations Manager Niederberger auf eine Tour durch Uster mit.

Nänikon und Werrikon sind beliebt

Erst begeben wir uns jedoch in sein Büro in Zürich und werfen einen Blick in die Daten: Welche Wege legen Ustermerinnen und Ustermer mit den E-Trottinetts tatsächlich zurück? Die Auswertung zeigt, dass vor allem die Hauptachsen genutzt werden. Im Jahr 2025 besonders die Strecke nach Werrikon und Nänikon, wo ÖV-Angebote fehlen.

Seit der Einführung haben bereits rund 25'000 Personen ein Lime-Trottinett in Uster benutzt – hochgerechnet etwa 5000 Nutzerinnen und Nutzer pro Jahr.

Am meisten werden die Fahrzeuge abends gemietet während der Stosszeiten. «Wir können die Nachfrage messen, wenn jemand aus dem Zug steigt und die App öffnet», erklärt Niederberger. Dies auch an Orten, wo es gar keine Lime-Geräte gebe.

In der Werkstatt kümmert sich derweil Hamza Stoti um platte Reifen und defekte Halterungen. Das seien die häufigsten Reparaturarbeiten. Auch wenn er draussen unterwegs sei, habe er immer Ersatzhalterungen für das Smartphone mit dabei.

Ausgerüstet, um Trottinetts herauszufischen

Niederberger hat aber noch anderes in seinem Werkzeugkasten. «Ich habe immer einen Haken dabei, falls ich ein Lime-Trottinett aus dem Fluss fischen müsste», sagt er. Trotz eingeschränkten Parkzonen rund um Gewässer komme das manchmal noch vor.

Am schlimmsten seien Graffitis. «Vandalismus wie das Übermalen von QR-Codes verursacht zusätzlichen Aufwand und führt dazu, dass Fahrzeuge nur noch in der App durch Anklicken des Fahrzeugs anmietbar sind», sagt Niederberger. Sie müssen durch das Team überprüft und gereinigt werden. Dies bedeutet eine Geschäftseinbusse.

Ein Mann steht neben einem Lime-Fahrzeug und flickt den Reifen.
Hamza Stoti muss am häufigsten platte Reifen wechseln.

Und wenn doch ein Lime-Trottinett an einem eigenartigen Ort landet? «Dann muss Hamza wandern», sagt Niederberger und lacht. Dies mit einer 7-Kilo-Batterie in der Hand, versteht sich. Etwa wenn ein Scooter auf einem Feldweg am Greifensee steht, dort, wo man mit dem Lieferwagen nicht hinkommt. Ein solches Szenario sei aber äusserst selten, meistens würden diese Fahrzeuge eingesammelt und woanders platziert.

Unterwegs mit dem Lime-Team

Wenn Niederberger in seiner App kontrolliert, welche Aufgaben in Uster anstehen, geht es meist um sogenannte Bewegungsaufgaben: zum Beispiel Trottinetts, die verschoben werden müssen, weil sie falsch abgestellt wurden.

So eines finden wir im Industriegebiet von Nänikon. Es steht einsam mitten auf dem Trottoir. Zudem ist der Reflektor kaputt. «Wäre es intakt, würde ich es nur verschieben», erklärt Niederberger, während er den Defekt mit dem Handy dokumentiert. Doch so wird es in den Lieferwagen eingeladen und kommt später nach Zürich ins Warehouse. Diese Aufgabe ist erfüllt und verschwindet auf dem Display.

Ein weiterer Blick in die Aufgaben-App zeigt einen Standort in Nänikon an. Wir fahren da hin. In einer Containernische finden wir zwei Fahrzeuge, wo eines reichen würde. «Zwei Limes an diesem Standort sind eines zu viel.» Niederberger blickt auf sein Smartphone. «Unser Algorithmus gibt vor, welches von beiden nun verschoben werden soll», erklärt er.

Falsch parkieren geht, aber kostet

Die nächste Aufgabe ruft uns an die Grenze zwischen Nänikon und Greifensee. Hier ist ein Lime-Trottinett auf dem Wildsbergweg vor Wohnblöcken platziert. «In dieser roten Zone dürfte man gar kein Fahrzeug abstellen», sagt Niederberger und verweist darauf, dass man sich an solchen Orten nicht abmelden kann.

«In diesem Fall läuft der Zähler einfach weiter», erklärt Niederberger. Das bleibt so, bis die App sich automatisch ausschaltet. Wie lange das genau dauert, will er lieber nicht sagen.

Warum das Trottinett wohl hier parkiert worden ist? Der Operations Manager zeigt in eine Richtung: «Logisch, der Bahnhof Nänikon liegt direkt da hinten.» Hier wollte jemand einfach schnell nach Hause. Niederberger nimmt das Fahrzeug mit.

Mathias Niederberger schaut auf seine App. Er steht neben einem Lime-Fahrzeug.
Direkt an der Grenze von Nänikon und Greifensee steht ein falsch parkiertes Fahrzeug.

Nun geht es darum, die zwei eingesammelten Gefährte im Lieferwagen neu zu platzieren. Wo sie hinkommen, sieht Niederberger in seinem Smartphone. Ein brauner Punkt auf der Karte von Uster zeigt ihm, wo ein geeigneter Ort ist: bei der Berufsschule und dem Gymnasium Uster, in der Nähe des Volg.

Sobald der Operations Manager den Auftrag ausgeführt und die zwei Lime-Fahrzeuge exakt am Trottoirrand hingestellt hat, tippt er wieder auf den Screen. Der Spot verschwindet, und Niederberger kann die nächste Aufgabe abfragen.

Zwei Limes, die am Rand des Trottoirs stehen.
So sehen die korrekt platzierten Fahrzeuge aus. Schön brav mit eingeschlagenem Lenker.

Lime-Trottinetts sind vor allem bei jungen Menschen sehr beliebt. Die Preise liegen jedoch gerade für Studentinnen und Studenten eher im oberen Bereich. Aktuell kostet ein Monatsticket 49 Franken für 300 Minuten, für 10 Minuten Fahrt sind es mit der einfränkigen Entriegelungsgebühr gut 5 Franken. Für Vielfahrerinnen und Vielfahrer gibt es Lime-Pässe. «Bei denen bewegen wir uns bewusst nahe an den ÖV-Preisen», sagt Niederberger dazu.

Und wie steht es um die allgemeine Sicherheit? Der blinde Gemeinderat Urs Lüscher (EVP) hat sich beim Ustermer Stadtrat danach erkundigt. Lime hatte davor schon Kleber mit Brailleschrift an den Fahrzeugen angebracht, damit auch Blinde anrufen könnten, falls ihnen ein falsch abgestelltes Fahrzeug begegnet.

Lüscher hatte die Anfrage aufgrund einer Meldung dieser Redaktion verfasst. Denn im Sommer vermeldete die Polizei, sie habe in Uster 34 Lenker von E-Scootern gebüsst. «Es war aber kein E-Trottinett von Lime darunter», sagt Polizeikommandant Andreas Baumgartner. Es handelte sich vor allem um private Fahrzeuge, die zu schnell unterwegs gewesen waren.

Zudem habe sich die Lage mit den Mietfahrzeugen in Uster beruhigt. Ab Anfang Juli könnte Uster – im Rahmen einer neuen öffentlichen Ausschreibung – fixe Abstellstationen einführen.

Wetzikon will keine Mietfahrzeuge

Die Nachbarstadt Wetzikon bleibt derweil Lime-frei. Dort wurde nach einer achtmonatigen Pionierzeit vor zwei Jahren vom Stadtrat beschlossen, das Projekt nicht weiterzuführen. Dies, weil das Angebot nur einen Teil der Bevölkerung ansprach und es damals viele Reklamationen wegen falsch abgestellter Fahrzeuge gab.

Zur Situation in Wetzikon sagt Niederberger nur: «Das war eine politische Entscheidung.» In seinem «Headquarter» in Zürich hängt jedenfalls noch ein altes Plakat, das Wetzikon als Lime-Stadt zeigt, dies neben Zug und Winterthur, die den Vertrag mit dem Mobilanbieter mittlerweile aber gekündigt haben.

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