Göpf Mülli und die Äpfel – eine Liebe, die ein Leben lang hält
Reisen, Yoga oder Joggen – das sind die gängigen Methoden, um dem stressigen Alltag zu entfliehen. Göpf Mülli jedoch findet seinen Frieden unter seinen Apfelbäumen. Er gewährt einen Einblick in sein Lebenswerk.
«Es ist ein bisschen so, als ob ich Briefmarken sammeln würde – nur dass es Äpfel sind.» So beschreibt Gottfried «Göpf» Mülli seine Leidenschaft. Und diese Leidenschaft ist gross: Rund 200 Apfelbäume mit fast ebenso vielen Sorten stehen in seinem lauschigen Obstgarten in Uster.
Seit 50 Jahren engagiert sich der Pomologe für die Pflege und Erhaltung der Artenvielfalt von Äpfeln. Sein grosses Wissen stellt er auch heute noch verschiedenen Institutionen zur Verfügung. Unter anderem Fructus, der schweizweiten Vereinigung zur Förderung alter Obstsorten.
«Angefangen hat eigentlich alles mit dem Dübendorfer Milchapfel», erzählt der 86-Jährige, gefragt nach dem Schlüsselerlebnis. Auf einem Markt in Oerlikon sei er im Jahr 1965 zufällig auf diese seltene Sorte gestossen. Es war «Liebe auf den ersten Biss»: «Dieser milde, feine Geschmack überwältigte mich.»


Er konnte Reiser, also Zweiglein des Milchapfels, ergattern und in die Sammlung des Wädenswiler Forschers Karl Stoll geben. «Das war zu diesem Zeitpunkt eine der Sorten, die Stoll noch nicht hatte.» Mülli beschäftigte sich damals mit Äpfeln hobbymässig nebenbei. Er arbeitete als Mechaniker, später als Laborant.
Sein botanisches Wissen ermöglichte ihm, als Quereinsteiger in den Beruf des Gärtners umzusatteln. Auf diese Weise konnte er seinen Erfahrungsschatz erweitern. 1985 gründete Karl Stoll dann die Organisation Fructus. Göpf Mülli war in diesem Verein willkommen.
Der Verein setzt den Nationalen Aktionsplan zur Erhaltung und nachhaltigen Nutzung der pflanzengenetischen Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft (NAP-PGREL) um. «Durch die Mitarbeit an diesem Projekt gewann ich sehr viele Fachkenntnisse.»
Wissen wird heute durch Gentests ersetzt
So wurde der damals 60-Jährige für unzählige Sortenbestimmungen beigezogen. Zu jener Zeit war das menschliche Know-how über alte Obstsorten die einzige Möglichkeit, unbekannte oder vergessene Sorten zu erkennen. «Heute wird unser Wissen durch Gentests ersetzt», so Mülli. «Man braucht nur ein Blatt des entsprechenden Baums an die Fachstelle zu schicken und bekommt die Referenzsorte ausgespuckt.»

Laut dem Experten sind weltweit über 20’000 Apfelsorten beschrieben. «Häufig kommt es vor, dass ein Apfel in verschiedenen Ländern mit unterschiedlichen Namen geführt wird.» Die Übersetzungen der Namen können zu amüsanten Verwechslungen führen: So übersetzten deutsche Pomologen den Namen der englischen Sorte Sykehouse fälschlicherweise in Siechenhaus. «Daraus ergab sich schliesslich die Spitalrenette», erzählt er lachend.
Internationaler Austausch
Als Koryphäe auf seinem Gebiet kam Göpf Mülli nicht nur in der ganzen Schweiz, sondern auch in vielen anderen Ländern herum. «Ich besuchte europäische Obstausstellungen in Belgien, Frankreich, Italien, Liechtenstein, Österreich oder Deutschland», erzählt er. An Treffen von Pomologen im deutschsprachigen Raum ist er heute noch regelmässig anzutreffen.
«Wir waren acht Experten im Team von Fructus. Nun bin ich noch der letzte – die anderen sind entweder im Altersheim oder auf dem Friedhof.»
Der rüstige Rentner ist noch fast täglich in seinem Obstgarten anzutreffen. Er macht viele Führungen und Degustationen für Gruppen, Schulklassen und Interessierte. Oft wird er auch als Referent engagiert. In der Hochsaison hat er jeweils helfende Hände, die ihn bei der Ernte unterstützen.
Obstgarten als «Fitness- und Meditationsprogramm»
Gemäss Mülli unterschätzen viele den wahren Aufwand eines Obstgartens. Die notwendigen Arbeiten – wie das Zurückschneiden der Bäume, das Mähen drum herum und die Ernte – füllen die Zeit aus. «Doch im Gegenzug geben diese Tätigkeiten dem Menschen enorm viel zurück.»
So erscheint es für ihn fast widersinnig, wenn Menschen zum Joggen gehen und gleichzeitig keine Musse für die Arbeit im Garten finden. «Sie bietet eine so unmittelbare Erfüllung.»
Neben der körperlichen Betätigung habe es für ihn meditativen Charakter, im Morgengrauen im Obstgarten zu arbeiten. Jetzt, nach der Hochsaison, ist Göpf Mülli allerdings froh, dass es langsam wieder etwas ruhiger wird. «Im Winter halten auch die Bäume eine Ruhephase – da brauchen sie mich nicht mehr jeden Tag.» Dann einmal etwas länger liegen bleiben zu können, sei auch nicht zu verachten. Doch langweilig wird ihm trotzdem nicht.



Gefragt nach seiner Lieblingssorte, winkt Göpf Mülli schmunzelnd ab: «Mich interessiert immer der Apfel am meisten, den ich gerade in der Hand habe.»
Am liebsten beisst er in einen Apfel, wenn er ihn gerade vom Baum gepflückt hat. «Es gibt Sorten wie den Transparent, die beim Reinbeissen einen richtigen Flash im Mund auslösen.» Das sei, als ob man ein spritziges Mineralwasser trinke, so könne man auf diese Weise auch den Durst löschen.
Nostalgie überkommt den Kenner auch heute noch, wenn er in einen Usterapfel beisst. «Da werden Kindheitserinnerungen wach.» Er schmecke süss und sei von einer leichten Vanillenote geprägt. «Durch seine geringe Grösse hat er in eine Kreidebüchse gepasst und war der ideale Znüni-Apfel für Schulkinder.» Seine Leidenschaft für Äpfel hat also offenbar schon viel früher angefangen. Und hält bis heute an.
