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Das Jugendheim, mein Zuhause

So sieht das Leben im Jugendheim in Maur aus

Ist das Kindeswohl gefährdet, werden betroffene Kinder und Jugendliche als letzte Option in einem Heim platziert. Ein solches gibt es auch in Maur. Aber wie fühlt es sich an, dort zu leben?

Ein Blick hinter die Kulissen der Wohngruppe des Jugendheims in Maur.

Foto: Jan Gubser

So sieht das Leben im Jugendheim in Maur aus

Das Jugendheim, mein Zuhause

Ist das Kindeswohl gefährdet, werden betroffene Kinder und Jugendliche als letzte Option in einem Heim platziert. Ein solches gibt es auch in Maur. Aber wie fühlt es sich an, dort zu leben?

Es ist ein Tag, der Jugendliche förmlich aus ihrem Umfeld herausreisst, wenn sie ihre Familien verlassen, ein neues Zuhause in einem Heim erhalten und ihr Leben erst mal von Neuem sortieren müssen.

Kinder und Jugendliche landen aus verschiedenen Gründen in einem Heim. Beispielsweise, wenn eine Familie wegen der psychisch erkrankten Eltern, Drogenkonsum oder durch andere Stressfaktoren stark belastet oder überfordert ist. Ein weiterer Grund ist die körperliche, psychische oder sexuelle Misshandlung der Kinder. Vernachlässigung, Schulverweigerung, ADS sowie ADHS sind ebenfalls Themen, die eine Rolle spielen.

Bei einer Platzierung kommen meist mehrere Faktoren zusammen. Diese erfolgt teils freiwillig, teils angeordnet durch die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb). Zurzeit herrscht in Kinder- und Jugendheimen im Kanton jedoch Platznot, wie unsere Recherche zeigt. Für Betroffene einen Platz in einer passenden Institution zu finden, wird immer schwieriger.

Und auch wenn eine Platzierung gelingt, ist dies die letzte Option. «Einen stärkeren Eingriff in das Leben von Jugendlichen kann man nicht vornehmen, als sie aus ihren Familien zu holen», sagt Ulrich Meyer, Geschäftsführer der Stiftung Jugendnetzwerk.

Das Gebäude der Wohngruppe Binz in Maur.
In diesem Gebäude leben bis zu sieben Jugendliche in der Wohngruppe im Ortsteil Binz in Maur.

Diese betreibt zwei Wohngruppen, wo Teenager im Alter zwischen 13 und 18 Jahren einen sicheren Ort auf Zeit erhalten. Eine davon bietet im Ortsteil Binz in Maur sieben Plätze, die andere in Horgen acht Plätze.

Tränen am ersten Tag

Beim Besuch des Standorts in Maur treffen wir auf eine junge Frau. An den ersten Tag – den Einzug in die Wohngruppe – kann sie sich noch gut erinnern. «Ich musste weinen», sagt die Jugendliche. Sie betrat damals ihr «neues Zuhause» mit Zügelkisten.

Mit Schalk in der Stimme fügt sie an, dass sie es damals nicht nachvollziehen konnte, weshalb ihr Vorgänger das Bett so nahe an der Zimmertür platzierte. «Bei der Heizung befindet sich der beste Platz fürs Bett.» So sei es in der kalten Jahreszeit viel wärmer.

Bis sie ihr Zimmer vollumfänglich eingerichtet hatte, dauerte es aber ein paar Wochen. Erst beim Besuch einer guten Freundin wurde sie von ihr dazu animiert. Sie benötigte zudem etwas Zeit, bevor sie sich den anderen Jugendlichen in der Wohngruppe gegenüber öffnen konnte. Eine zweite Jugendliche berichtet von ähnlichen Erfahrungen. Das Einleben fiel ihr schwer, erst als eine Mitbewohnerin mit ihr das Gespräch suchte, taute sie langsam auf.

Die Jugendlichen arbeiten an ihrem Verhalten

Dass die Teenager nach ihrer Ankunft Zeit benötigen, ist den Mitarbeitenden bewusst. «In erster Linie geht es darum, eine Beziehung zu den Jugendlichen aufzubauen», erklärt Adina Heusser, Fachmitarbeiterin in der Wohngruppe. Dafür müsse man erst das Vertrauen der Neuankömmlinge gewinnen.

Die Arbeit besteht danach grösstenteils in der Begleitung und Unterstützung. Einerseits sollen sich die Jugendlichen mit ihrer Biografie auseinandersetzen, andererseits sollen sie auch an ihrem Verhalten arbeiten.

Zwei Personen stehen vor einer Aussicht.
Ulrich Meyer, Geschäftsführer der Stiftung Jugendnetzwerk, und Adina Heusser, Fachmitarbeiterin, sprechen über die Herausforderungen im Leben der Jugendlichen.

Oftmals haben sich bei den Betroffenen automatisierte Muster verankert, wie sie in schwierigen Situationen reagieren. Als Kind entwickelten sie diese Verhaltensweisen zum eigenen Schutz. So haben manche Jugendliche früh gelernt, sich zurückzuziehen, während andere laut und aggressiv werden. Heute wird dieses Verhalten oft als störend empfunden, denn es führt immer wieder zu Problemen. «Wir versuchen nun alternative Verhaltensweisen aufzuzeigen und zu üben», sagt der Geschäftsführer.

Im Gespräch entscheidet man gemeinsam mit den Jugendlichen, was man verändern will. Jedoch ist eine Entwicklung nur möglich, wenn sie auch dazu bereit sind. Für die Zielsetzung sind dann solche Fragen relevant: Wie hast du deine Vergangenheit erlebt? Was musst, kannst und willst du verändern? Was sind deine Ziele?

Wie in einer WG

Das Leben in der Wohngruppe in Binz gleicht auf den ersten Blick einer etwas grösseren Wohngemeinschaft. Jede Person hat ihr eigenes Zimmer, in den Gemeinschaftsräumen kommt man zum gemeinsamen Essen, für Freizeitaktivitäten sowie gelegentlich für Gespräche zusammen, und persönliche Lebensmittel im Kühlschrank werden angeschrieben. Und ausgerechnet beim Besuch vermisst ein Jugendlicher seine zwei Muffins. Die muss jemand gegessen haben.

Von den herausfordernden Vorgeschichten der Teenager – geschweige denn von auffälligen Verhaltensweisen – ist beim Besuch vor Ort jedoch nicht viel zu vernehmen. Beim Abendessen dominieren die üblichen Alltagsthemen die Gespräche.

Das Gebäude der Wohngruppe Binz in Maur.
Beim Essen kommen die Jugendlichen regelmässig zusammen und tauschen sich aus.

Jemand erzählt von der Arbeit, während eine weitere Person die vielen Haustiere, die bei der Mutter leben, aufzählt. Ob man denn im Garten nicht einen Pool bauen könne, fragt wiederum ein anderes Mädchen.

Im und ums Haus gibt es viel Platz für Aktivitäten. Die Gemütlichen hängen gerne bei den Sofas im oberen Stockwerk ab, von wo aus der weite Ausblick aufs Oberland zum Verweilen einlädt. Die Aktiven wiederum nutzen eher den Töggelikasten oder spielen Tischtennis. Ein Rasen rund ums Haus, ein Teich sowie eine Feuerstelle, die unweit vom Gebäude entfernt liegt, bieten draussen Raum für Erholung.

Das Gebäude der Wohngruppe Binz in Maur.
Vom Wohnraum aus geniesst man beste Sicht auf das Oberland.

Ab und zu unternimmt die Wohngruppe auch gemeinsam Ausflüge, im Sommer ging es für eine Woche gar in ein Lager. Dabei Aktivitäten zu finden, an denen ausnahmslos alle Gefallen finden, ist schier unmöglich.

Was kommt nach dem Heim?

Was das Leben der Jugendlichen stark von anderen Gleichaltrigen unterscheidet, ist die Zukunftsperspektive. In der Regel bleiben die Teenager zwischen einem und drei Jahren in der Wohngruppe. So lange, bis klar ist, ob sie wieder nach Hause gehen können, oder bis eine andere Anschlusslösung infrage kommt. Viele wechseln beispielsweise ins begleitete Wohnen, wo sie in reduzierter Form weiterhin betreut werden.

«Wenn Jugendliche ihre Ausbildung abgeschlossen haben und sich ihr Leben stabilisiert hat, folgt meist der Austritt», sagt Geschäftsführer Ulrich Meyer. Das sei mit grossen Herausforderungen verbunden.

Im Vergleich zu Gleichaltrigen wird den Jugendlichen dabei viel abverlangt. Während andere beim Ausziehen auf die Unterstützung der Eltern zurückgreifen können, sind diese Teenager oft schon früh auf sich allein gestellt – sei es im Haushalt oder in finanziellen oder emotionalen Angelegenheiten. «Oft wird es erst schwieriger, bevor es einfacher wird», sagt Meyer.

Die Jugendzeit ist ohnehin schon eine schwierige Lebensphase. So beschäftigen in dieser Zeit neben Themen wie dem Start ins Berufsleben und dem Wechsel in die Selbständigkeit auch das Erkennen der eigenen Werte und das Entdecken der Sexualität. «Mit Blick auf die Geschichte der Jugendlichen ist es oft erstaunlich, wie weit sie schon sind.» In den meisten Fällen könne man die Jugendlichen deshalb mit einem guten Gefühl weiterziehen lassen.

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