Der Kanton kämpft mit grosser Platznot in Kinder- und Jugendheimen
Besetzte Plätze und komplexe Fälle
Die Kinder- und Jugendheime in der Region werden von Anfragen überhäuft, die Plätze sind jedoch meist besetzt. Zusätzlich stossen die Zukunftspläne des Kantons auf grosse Skepsis.
Sie platzen im Kanton aus allen Nähten: Kinder- und Jugendheime. Die Plätze sind praktisch durchgehend besetzt, und die Wartezeiten werden immer länger. Für betroffene Kinder und Jugendliche einen passenden Platz zu finden, wird zunehmend schwieriger.
Wir haben bei den acht Kinder- und Jugendheimen im Oberland nachgefragt, die über eine Leistungsvereinbarung mit dem Kanton verfügen und vollbetreute Plätze anbieten. Wie hat sich die Situation über die letzten Jahre entwickelt? Der Fokus lag dabei auf dem sogenannten betreuten Wohnen – ohne begleitetes Wohnen und Institutionen für Menschen mit Beeinträchtigungen.
Heim ist nicht gleich Heim
Der Kanton unterscheidet in der Heimpflege gemäss Kinder- und Jugendheimverordnung zwischen dem betreuten und dem begleiteten Wohnen. In beiden Fällen leben die Betroffenen nicht mehr bei den Erziehungsberechtigten, sondern in einer Institution.
Beim begleiteten Angebot wohnen Jugendliche allein oder mit anderen in einem Haushalt. In diesem Fall wird ein gewisses Mass an Selbständigkeit vorausgesetzt. Allerdings werden sie von Fachpersonen unterstützt, da sie noch nicht genügend Ressourcen und Stabilität haben, um ihren Alltag komplett selbständig zu bewältigen.
Was die meisten Personen unter einem «klassischen Heim» verstehen dürften, meint heutzutage die betreute Wohnform. Hier leben mehrere Kinder und Jugendliche zusammen, zudem sind Betreuungspersonen rund um die Uhr präsent. (jgu)
In den folgenden Gemeinden befinden sich Institutionen, welche ebendiese Wohngruppen betreiben: Bauma, Bubikon, Dübendorf, Dürnten, Maur, Seegräben, Uster und Russikon.
Wie sich zeigt, ist die Situation prekär. «Die Anfragen für Platzierungen gehen mittlerweile praktisch pausenlos ein», sagt Sandra Wolfer, Institutionsleiterin des Schulinternats Aathal. «Die Anfragen sind in den letzten Jahren explodiert», beschreibt Ulrich Meyer die Situation, Geschäftsführer der Stiftung Jugendnetzwerk, die ein Jugendheim in Maur betreibt. «Wir könnten problemlos weitere Standorte eröffnen. Dafür fehlt nur zahlbarer Wohnraum.»
Bei der Stiftung Buechweid in Russikon, die mit sieben Wohngruppen mit jeweils bis zu acht Kindern und Jugendlichen die meisten Heimplätze im Oberland anbietet, sei die hohe Auslastung ebenfalls spürbar. «Die Nachfrage war in den letzten fünf Jahren konstant hoch.»
Doch die Institutionen müssen vorwiegend Absagen erteilen. «Wir können nicht alle aufnehmen», sagt der Heimleiter des Kinderheims Weidhalde in Saland. Auch der Leiter der Institution Obstgarten – mit einer Wohngruppe in Dübendorf – sieht die Dringlichkeit: «Die zuweisenden Stellen haben seit gut zwei Jahren das Problem, kaum Wohnplätze zu finden. Es scheint, als entwickle sich die hohe Auslastung in den Institutionen für die zuweisenden Stellen zunehmend zur Überbelastung.»
Keine freien Plätze
Für die Bewilligung und die Beaufsichtigung der Kinder- und Jugendheime ist das Amt für Jugend und Berufsberatung (AJB) des Kantons zuständig. Dieses ist auch für eine vorausschauende Planung verantwortlich und bestätigt die Situation. «Der Bedarf an Plätzen übersteigt das Angebot quantitativ.»
Im Versorgerkonzept des AJB, welches im April veröffentlicht wurde, heisst es zudem, dass es «äusserst aufwendig bis unmöglich» sei, eine passende stationäre Hilfe für Kinder und Jugendliche zu finden. Das Problem hat sich verschärft, weil in den letzten zwei Jahren einerseits keine neuen bewilligten Plätze hinzukamen, andererseits herrscht auch in angrenzenden Angeboten ein Platzmangel. Deshalb würden die Betroffenen entweder nicht die passende Hilfe erhalten oder es werde für sie erst spät ein Platz gefunden.
Die Auslastung der Kinder- und Jugendheime im betreuten Wohnen (inklusive der Plätze für Menschen mit Behinderungen) lag im Jahr 2024 bei rund 92 Prozent. Im Schnitt blieb ein Platz für nur 25 Tage frei. Wie das AJB erklärt, habe dies organisatorische Gründe. So braucht es nach einem Austritt etwas Zeit, bis eine neue Person wieder eintreten kann.
So plant der Kanton
Um die Lage in den Griff zu bekommen, sieht das AJB vor, die Plätze in den Heimen bis 2029 leicht auszubauen. Damit soll der aktuelle Bedarf gedeckt und die notwendige Entlastung geschaffen werden. Im oben genannten betreuten Wohnen sollen konkret 84 bis 120 zusätzliche Plätze entstehen. Das entspricht bei aktuell 1473 Plätzen einem Ausbau von 6 bis 8 Prozent.
Doch das allein wird nicht ausreichen. Deshalb soll auch der Bereich der Familienpflege mit 154 bis 254 Plätzen bis 2029 stark ausgebaut werden. Hierzu gehören Laien-Pflegefamilien sowie sogenannte Fachpflegefamilien, wobei bei Letzterem die Pflegeeltern über sozialpädagogische Kompetenzen und Erfahrungen verfügen. 2024 gab es insgesamt 646 Plätze in der Familienpflege.
Ob der Ausbau in beiden Bereichen tatsächlich gelingt, ist noch von diversen Faktoren abhängig. Auf lange Sicht sollen die Plätze in den Heimen – gemäss Strategie des AJB – allerdings wieder abgebaut werden. Die Betreuung von weniger herausfordernden Kindern und Jugendlichen würden planmässig vermehrt Pflegefamilien übernehmen.
Die Heime müssten sich letztlich um die komplexen, intensiven Fälle kümmern. Konkret wären das Jugendliche mit schweren Traumata, psychischen Belastungen, Gewalterfahrungen oder schweren kognitiven Beeinträchtigungen.
Schwere Fälle belasten stark
Auf die Pläne des AJB angesprochen, ist von den Heimen im Oberland eine grosse Skepsis zu vernehmen. Sie sehen sich mit grossen Herausforderungen konfrontiert. So bestätigen alle befragten Heime eine Zunahme von komplexen Fällen. «Die Verhaltensauffälligkeiten werden immer drastischer», sagt der Gesamtleiter der Institution Schule Friedheim in Bubikon.
Heutzutage leiden Kinder und Jugendliche vermehrt an psychischen Belastungen – Schulabsentismus, Konsum sozialer Medien, Sucht, Selbstverletzung, Kriminalität und Gewalt sind nur einige Stichworte.
Die schweren Fälle sind für die Heime eine Belastung. In der Institution Obstgarten wurden beispielsweise vermehrt Eins-zu-eins-Betreuungen nötig, um sich weiterhin um die Jugendlichen kümmern zu können. «Diese Entwicklung dürfte sich weiter zuspitzen und ist mit den aktuellen personellen Ressourcen kaum mehr zu schaffen.»
Die Heime berichten unabhängig voneinander, dass bereits ein einzelner komplexer Fall die gesamte Wohngruppe an ihre Grenzen bringen kann. Mehrere Jugendliche aufzunehmen, die eine intensivere Betreuung benötigen, scheint für den Grossteil zurzeit noch kaum realistisch zu sein.
Wie ein Datenbericht des AJB zeigt, brachen die Institutionen letztes Jahr gar 95 Betreuungen ab. Das entspricht mehr als 10 Prozent der gesamthaft 897 Austritte, die es aus dem betreuten und begleiteten Wohnen gab. Ob es sich dabei um komplexe Fälle handelte, weisen die Daten jedoch nicht aus. Bei gut einem Viertel aller Austritte waren die Gründe zudem gänzlich unbekannt.
Fachkräfte fehlen
Die Belastung dürfte über die kommenden Jahre also vor allem für die Fachkräfte in den Heimen vor Ort zunehmen. Dabei fällt es den Institutionen heute schon schwer, offene Stellen zeitnah zu besetzen. «Das wiederum führt zu einer steigenden Belastung bei den übrigen Mitarbeitenden», sagt Sandra Wolfer, Leiterin der Institution Schulinternat Aathal.
So blieben Plätze für Kinder und Jugendliche in anderen Heimen auch schon unbesetzt, weil Fachpersonal fehlte. Die Sorge ist gross, dass sich durch die Fokussierung auf komplexe Fälle die Suche nach Fachkräften noch schwieriger gestalten wird.
Wie der Institutionsleiter des Obstgartens sagt, seien die Fachpersonen schon heute stark gefordert. Er stellt sich daher die Frage: «Wer kann und will sich mit zunehmenden Aggressionen und Grenzverletzungen auseinandersetzen?» Zudem ist es für ihn fraglich, wie förderlich und zielführend die Ausrichtung auf schwierige Fälle für die betroffenen Jugendlichen in ihrer Entwicklung wäre.
Auf die steigenden Herausforderungen haben mehrere Institutionen zwar reagiert und Schulungen für ihre Fachteams in Bereichen wie der Traumapädagogik organisiert. «Fühlen sich die Mitarbeitenden aber nicht genügend ausgebildet, um komplexe Fälle adäquat betreuen zu können, ist damit zu rechnen, dass sie den Beruf verlassen werden», so der Tenor aus Aathal-Seegräben.
Das muss sich ändern
Geht es nach einzelnen Kinder- und Jugendheimen, müsste das AJB unter anderem bei den Arbeitsbedingungen für die Fachkräfte nachbessern. «Dieser Job verlangt rund um die Uhr viel Engagement», sagt Sandra Wolfer vom Schulinternat Aathal. «Deshalb braucht es eine faire und höhere Entlöhnung – auch bei den Zuschlägen für Wochenend- und Abendeinsätze.»
Zudem sehen einige Heime ein Problem in der Grösse der Wohngruppen. Normalerweise werden gut acht Jugendliche zusammen auf einer solchen Gruppe betreut – zu viele, um sich um mehrere komplexe Fälle zu kümmern. Deshalb müsse sich der Betreuungsschlüssel verändern, so die Rückmeldungen der Heime. Stand heute steht gemäss Kinder- und Jugendheimverordnung für vier Kinder in der Regel eine Fachperson im Einsatz.
Ausserdem sehen die Institutionen das Bedürfnis, den therapeutischen Bereich auszubauen. Hierzu bräuchte es ebenfalls mehr Fachpersonen, welche die Heime unterstützen.
Die Wohngruppe der Zukunft?
Ein Beispiel aus der Region zeigt, in welche Richtung sich die Betreuung aus Sicht der Institutionen künftig bewegen müsste, sofern sie vermehrt komplexere Fälle übernehmen sollen.
Die Stiftung Buechweid in Russikon verfügt über eine therapeutische Wohnschulgruppe, die auf intensive Fälle spezialisiert ist. Der Betreuungsschlüssel hier ist um ein Vielfaches höher angesetzt, die Gruppe zudem kleiner, und die Jugendlichen werden psychiatrisch betreut.
Besonders ist hier allerdings, dass die Betroffenen für eine Aufnahme einen Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik hinter sich haben müssen. Auf der Gruppe wohnen letztlich bis zu sechs Kinder und Jugendliche mit starken Verhaltensauffälligkeiten und psychiatrischen Diagnosen. Schule und Wohnen findet gar unter einem Dach statt. Die Nachfrage nach Plätzen ist sehr hoch, die Wartezeit beträgt mindestens ein Jahr.
