Frischer Wind unter den Flügeln des Grüninger «Adlers»
Für Familie Baumann-Seinet bedeutet es das Ende nach sieben Generationen. Ab Februar übernehmen die Partner Mauerhofer und Papanikolaou den «Adler» in Grüningen – sie starten sanft, aber mit Visionen.
Seit 1830 befand sich der traditionsreiche Landgasthof Adler im Besitz der Familie Baumann, die ihn über sieben Generationen hinweg führte. Damit ist jetzt Schluss – eine Ära geht zu Ende, eine neue beginnt.
Harry Baumann und Nicole Seinet übergeben den Betrieb per Januar 2026. Ab Februar stehen Nikos Papanikolaou und Reto Mauerhofer hinter dem Gastro- und Hotelleriebetrieb.
Doch vorerst soll alles so bleiben wie bisher. «Wir wollen einen sanften Einstieg und sind dankbar, dass Harry Baumann uns mit seiner Expertise auch weiterhin unterstützen wird», sagt Mauerhofer.
Das Konzept wird weitergeführt, ebenso bleibt das Team erhalten. «Wir haben zwar Gastronomie-Erfahrung und auch erste Ideen, wollen aber erstmal schauen, wo wir Optimierungspotenzial entdecken», sagt Papanikolaou. Denn der «Adler» laufe ja so, wie er jetzt ist, sehr gut.
Herzblut und Hingabe
Dass die Vorbesitzer trotzdem abgegeben haben, liegt nicht an wirtschaftlichen Problemen. «Unsere Töchter hatten kein Interesse an einer Weiterführung», sagt Harry Baumann. Es musste eine andere Lösung her.
Besonders wichtig war es Baumann und Seinet, dass der «Adler» ein klassischer Gastrobetrieb bleibt. «Es hängen viele Erinnerungen und jede Menge Arbeit in diesen Wänden. Wir wollten sichergehen, dass unsere Nachfolger gewillt sind, die Standards auch in Zukunft einzuhalten.»
Nach einer rund eineinhalb Jahren andauernden Suche wurde das Wirtepaar fündig und fand mit Mauerhofer und Papanikolaou die Nachfolger, die sie sich für den Landgasthof wünschten. «Mit Nikos und Reto geben wir den ‹Adler› in gute Hände, was uns sehr freut. Die beiden werden den Landgasthof sicher mit viel Herzblut und Hingabe weiterführen.»
Grüningen statt Küsnacht
Eine Freude, die auf Gegenseitigkeit beruht. Schon länger war Papanikolaou auf der Suche nach einer neuen Herausforderung im Bereich Gastronomie. Im Februar 2025 mussten er und Mauerhofer nach nur vier Monaten das «Zum Trauben» in Küsnacht aufgeben.
Es wären für den Gasherd Investitionen von rund 150’000 Franken nötig gewesen, was sich für die Co-Inhaber nicht lohnte, aus eigener Tasche zu bezahlen – und die Vermieterschaft war nicht bereit, die Kosten zu übernehmen. Vorerst waren nach der Schliessung Wohnungen geplant, nun solle doch wieder Gastronomie entstehen, wie Papanikolaou erzählt.
«Die Schliessung und das Hin und Her haben mich persönlich getroffen.» Als Gastronom mit Leib und Seele habe er bereits nach vier Monaten sehr an dem Restaurant und den Gästen gehangen. Jetzt sei jedoch Zeit, loszulassen – und zu neuen Ufern aufzubrechen, wie der 52-Jährige findet.
Und damit weicht die Goldküste dem Oberland.
Grosser Baum, tiefe Wurzeln
Das Unternehmerpaar wagt sich mit dem Grüninger Lokal an ein grösseres Projekt. Dieses ist mit insgesamt gut 200 Sitzplätzen in Dorfbeiz, Gourmetstube, Garten und Bar sowie 120 Plätzen in zwei Eventräumen und acht Hotelzimmern ein stattlicher Gastro- und Hotelleriebetrieb in der Region.
Doch nicht nur Grösse, sondern auch Verwurzelung bringt der «Adler» mit. Zahlreiche Gäste und Vereine nutzen das Lokal für Veranstaltungen, Stammtische und Seminare jeglicher Art. «Wir hoffen, dass das so bleibt und die Zusammenarbeit für beide Seiten auch in Zukunft erfreulich sein wird», sagt Mauerhofer.
Während sich der 69-Jährige um das Rundherum kümmern will, wird Papanikolaou vor allem das operative Geschäft und den täglichen Betrieb übernehmen. Die beiden aktuell am Zürichberg ansässigen Geschäftspartner wollen aber nicht nur ihren Berufsalltag in die Region verschieben.
Nicht nur ein zukünftiger Arbeitsort
«Um näher am Landgasthof und dem Geschehen zu sein, wünschen wir uns auch einen Wohnort in der Nähe», sagt Papanikolaou. Etwas Passendes gefunden hätten die beiden aktuell jedoch noch nicht.
Bis dahin bleiben sie in Zürich wohnen – wo sie teils auch arbeiten. Jurist Reto Mauerhofer ist Inhaber einer Kanzlei, die sich unter anderem auf Bankenrecht, Immobilien- und Mietrecht, Baurecht und Gesellschaftsrecht spezialisiert hat – und ausserdem Immobilienprojekte im In- und Ausland betreut.
Er will trotz Pensionsalter auch weiterhin in der Kanzlei tätig sein, sich aber mehr und mehr aus dem Geschäft zurückziehen. Papanikolaou, der ebenfalls in der Kanzlei arbeitete, möchte sich derweil voll auf den «Adler» konzentrieren.
Obschon die beiden noch nicht konkret werden wollen, teilen sie bereits einige mögliche Ideen: eine unterirdische Garage, mehr Hotelzimmer, ein ausgebauter Barbetrieb für die jungen Menschen in der Umgebung. «Der ‹Adler› bietet diverse Möglichkeiten. Wir freuen uns auf die Zukunft», sagt Papanikolaou.
Ein paar coole Schweizer Oldtimer
Wichtig sei nun aber erstmal, den Betrieb, seine Stammgäste und die Vereine kennenzulernen. Dann könne man schauen, welche Veränderungen oder Anpassungen am meisten Sinn ergeben. Finanziell wie infrastrukturell – und vor allem nachhaltig.
«Es braucht das richtige Timing für solche Veränderungen. Wir wollen die Grüningerinnen und Grüninger nicht überfallen. Vielmehr soll sich zeigen, welche Entwicklung dem Lokal und den Gästen guttut.»
Nur eines kann Mauerhofer bereits heute bestätigen: Seine Leidenschaft, die er vor allem in den Bereichen Kunst und Kultur hegt, will er auch in den «Adler» integrieren. «Ich freue mich, frischen künstlerischen Wind in die Räume zu bringen.»
Und auch sein Herzensprojekt, die Peter Monteverdi Automobilbau Stiftung, soll in Grüningen Teil seiner Arbeit bleiben. «In welcher Form, weiss ich noch nicht – aber vielleicht werden in Zukunft ein paar coole Schweizer Oldtimer im historischen Stedtli gesichtet.»