Eine Hinwilerin inszeniert Marilyn Monroes Leben
«Becoming Marilyn Monroe»
Dorle Mathes hatte bei der Ausstellung über die Ikone Marilyn Monroe in der Zürcher Lichthalle Maag eine einzige Aufgabe: die Essenz der Schauspielerin einzufangen.
Für Dorle Mathes war es kein gewöhnlicher Auftrag, den sie Mitte Februar annahm. «Dass ich meinem Idol aus Jugendjahren jemals so nahe sein würde, hätte ich nicht erwartet», sagt die Hinwilerin. Mathes ist selbständige Dekorationsgestalterin und hatte eine Aufgabe: Bereiche aus dem Leben von Marilyn Monroe einzufangen und abzubilden.
Um eine der grössten Ikonen der westlichen Welt zu beschreiben, braucht es eigentlich nicht viele Schlagworte: blondes Haar, Sex-Appeal, ein weisses Kleid über einem U-Bahn-Schacht. Aber hinter der Frau steckt viel mehr. Dieses Jahr würde Monroe ihren 100. Geburtstag feiern, weswegen ihr die Schau «Becoming Marilyn Monroe» gewidmet wird. Die immersive Ausstellung in der Lichthalle Maag in Zürich läuft seit Ende März und noch bis Ende Juni.
Was ist eine immersive Ausstellung?
Das Wort immersiv stammt aus dem Lateinischen und bedeutet «eintauchend». Eine immersive Ausstellung ermöglicht dem Publikum, sich interaktiv in die Arbeiten einer Person zu vertiefen. Dabei wird mit Animationen und Projektionen gearbeitet, mit vorgelesenen Tagebucheinträgen oder mit plastischen Objekten. Grundsätzlich schafft man aus einem statischen Bild ein Erlebnis, das den ganzen Raum füllt. Ein Paradebeispiel für ein immersives Erlebnis ist die VR-Brille (VR steht für virtuelle Realität): Wer sie anzieht, blendet das Umfeld aus und steht in einer Parallelwelt. (mgp)
Normalerweise konzipiert Mathes Schaufenster oder gestaltet Räume. Die Ausstellung «Becoming Marilyn Monroe» hat die Dekorationsgestalterin atmosphärisch geprägt.
Der Star im Kinderzimmer
Mathes’ Faszination für die Schauspielerin spiegelt sich in der Art und Weise wider, wie sie über diese spricht. Sie schwärmt von Monroe: über ihren Mut, sich in einer Männerdomäne zu positionieren, oder ihre Professionalität, wenn Journalisten Fragen stellten, die «eigentlich beschämend waren». Was Mathes damit meint: «Marilyn wurde oft auf ihr Aussehen reduziert und dementsprechend bei Interviews provoziert. Trotzdem schaffte sie es stets, zu kontern, ohne die Fassung zu verlieren.»
Ein Beispiel: 1952 tauchten Aktfotos von Marilyn Monroe auf, die aus einem Shooting von 1949 stammten, bei dem sie als Model gearbeitet hatte. Ein Skandal in den prüden USA. In einem Interview fragte ein Journalist provokant, ob sie damals tatsächlich «nichts angehabt» habe. Monroe antwortete ruhig: «Das Radio war an.» Mit ihrer nichtssagenden Antwort liess sie den Reporter ins Leere laufen.
In vielerlei Hinsicht sieht Mathes Monroe als Vorbild: «Sie war menschlich und hatte viel Empathie.» Monroe war auch der Star in ihrem Kinderzimmer: Postkarten und Poster schmückten die Wände. Für Mathes ermöglichte der Auftrag, sich wieder intensiv mit ihrem Jugendidol zu beschäftigen. «Es war mir eine Freude, mit meiner Arbeit ein Teil von ‹Becoming Marilyn Monroe› zu werden.»
Zweifel, ihr gerecht werden zu können
Doch mit der Freude kamen auch Zweifel auf. Denn Mathes kennt die Vielschichtigkeit Monroes und hoffte, dass diese in der Ausstellung spürbar wird. «Mir war wichtig, dass sie nicht nur auf das reduziert wird, wofür sie oft gesehen wurde», sagt sie.
Über viele Jahre hinweg formte die Unterhaltungsindustrie Marilyn Monroe um, sodass kommerziell möglichst hohe Erfolge erzielt werden konnten: Die Brünette wurde zur Blondine, die bodenständige Frau zum Sexsymbol, die gebürtige Norma Jeane Mortenson zu Marilyn Monroe. Zwischen den 1920er und den 1960er Jahren war dies eine gängige Praxis in Hollywood: Menschen mit Potenzial formte man so um, dass sie ein Bild repräsentierten, welches nicht zwingend etwas mit ihnen zu tun hatte – Männer waren übrigens ebenfalls davon betroffen, wie etwa der Schauspieler Rock Hudson, der als Frauenschwarm galt, eigentlich aber schwul war.
«Genau vor diesem Hintergrund hat mich die Ausstellung berührt», sagt Mathes. «Ich finde, sie schafft es, Marilyn Monroe auf eine würdige und vielschichtige Weise erlebbar zu machen.»
Von der Information zur Amtosphäre
«Becoming Marilyn Monroe» soll den Werdegang der Frau aufzeigen. Von ihrer dramatischen Kindheit und der komplizierten Beziehung zu ihrer Mutter bis hin zum Höhepunkt ihrer Karriere, nicht nur als Schauspielerin, sondern auch als Produzentin.
Es ist ein Projekt, bei dem viele Akteure involviert sind: internationale Broadway-Produzenten, Regisseure, Eventplaner, visuelle Gestalter, Techniker und eine Menge Menschen, die das Riesenkonzept umsetzen.
Und mittendrin Dorle Mathes. Aber was genau machte die 46‑Jährige? «Eigentlich das, was ich immer mache: Informationen räumlich und atmosphärisch übersetzen.» Sie inszenierte beispielsweise Monroes Produktionsfirmenbüro so, dass man als Besucherin das Gefühl bekommt, tatsächlich am Arbeitsort der Produzentin zu stehen.
«Happy Birthday, Mr. President»
Vorgegeben war, welche Räume Mathes dekorieren muss. Wie genau sie dies anstellt, war ihr überlassen. Es gab Materialien, die von den USA eingeflogen wurden, wie etwa eine Nachbildung des Paillettenkleids, das Marilyn Monroe trug, als sie das berühmte «Happy Birthday»-Ständchen für Präsident John F. Kennedy vortrug. Dieses Kleidungsstück drapierte Mathes auf eine eigens in Monroes Massen angefertigte Büste.
Die meisten Dekorationselemente musste Mathes selbst besorgen. Dafür dienten neben ihrem Netzwerk auch Plattformen wie Ricardo, weil sie damit an Möbelstücke gelangte, die tatsächlich aus den 1950er Jahren stammen. Das Stofflager in Hadlikon taugte ebenfalls als Bezugsquelle, für Stoffballen beispielsweise und auch einen grossen Schneidertisch, der ebenfalls in dieser Zeit anzusiedeln ist.
«Bei der Recherche beschäftigte ich mich auch mit Marilyn Monroes persönlichen Vorlieben – etwa ihren Lieblingsblumen oder ihrer Lektüre –, um solche Details in die Gestaltung einfliessen zu lassen», sagt sie. Rosen und James Joyces «Ulysees» sind darum ein fester Bestandteil der Ausstellung.
Die dekorierten Räume sehen zwar willkürlich gestaltet aus, doch jede Drapierung, jede Zeichnung, jedes noch so kleine Detail hat Dorle Mathes mit Absicht positioniert. Die Stimmung hänge von solchen Details ab. «Man kann jedoch nicht davon ausgehen, dass die Besucherinnen und Besucher nichts anfassen oder verschieben werden», sagt sie. Deshalb sind die Elemente teilweise angeklebt. «Ich mag es einfach, wenn alles am richtigen Ort ist», witzelt sie auf die Frage, ob sie eine Perfektionistin sei.
«Becoming Marilyn Monroe»
Die Ausstellung ist eine wahrlich gute Gelegenheit, hinter die Fassade einer Weltikone zu blicken. Man erfährt vieles über Marilyn Monroes Kindheit, über ihren Werdegang in der Filmindustrie und persönliche Reflexionen, die sie selbst verfasst hat. Zusätzlich gibt es spielerische Posten: Man kann beispielsweise selbst Sequenzen aus einem Film vertonen.
«Becoming Marilyn Monroe» findet in der Lichthalle Maag in Zürich statt, Mittwoch bis Freitag jeweils zwischen 13 und 20 Uhr, samstags von 11 bis 20 Uhr und sonntags von 11 bis 18 Uhr. Ein Eintritt kostet 33 Franken.
Wichtig: Da auch eine Projektion zur Ausstellung gehört, gibt es fixe Eintrittszeiten. Vorher oder nachher gibt es keinen Einlass. Mehr Informationen finden Sie auf www.marilyn.immersive.ch. (mgp)